Getty Images

Ein gutes Zeichen: Athleten sind wieder Herr über den Sport

Ein gutes Zeichen: Athleten sind wieder Herr über den Sport

24/03/2020 um 18:27

Die Olympischen Spiele in Tokio werden aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben und sollen 2021 stattfinden. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe schlug dem IOC um Präsident Thomas Bach eine Verlegung vor. Bach nahm sie an. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich hätte die Eröffnungsfeier am 24. Juli aus Tokio kommentieren sollen, äußert aber Respekt und Verständnis für die Entscheidung.

Seit Monaten schon liegt ein Buch meiner kleinen Sammlung über alle Olympischen Spiele seit Rom 1960 auf meinem Tisch. Darunter auch von den Olympischen Spielen 1964. Tokio-Innsbruck (damals fanden die Winterspiele in Österreich noch im gleichen Jahr statt). Die Bilder sind noch schwarz-weiß. Zeichnungen mit Kohlestift gemalt illustrieren die Sportarten.

Die Lektüre war Teil meiner Vorbereitung auf die Spiele in diesem Jahr, weil ich es schön fand zu wissen, wer damals die Medaillen gewann und mit welchen Leistungen. Ich klappe es jetzt nicht zu oder stelle es wieder zurück zu allen anderen Olympiabüchern. Ich lasse es einfach ein weiteres Jahr liegen. Aufgeklappt. Die Vorbereitung geht weiter. Ich habe sogar noch ein Jahr mehr Zeit, mir die Namen und Zahlen ins Gedächtnis zu brennen.

Corona-Krise: Japan zieht die Reißleine

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hat damit das Heft des Handelns an sich gerissen und diese mutige und für ihn und sein Land schmerzliche Entscheidung in einer Telefonkonferenz mitgeteilt an der auch Thomas Bach teilnahm. Der IOC-Präsident hat dem Vorschlag wohl zu einhundert Prozent zugestimmt. Eine andere Wahl hatte er auch nicht.

IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Japans Ministerpräsident Shinzo Abe

IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Japans Ministerpräsident Shinzo AbeGetty Images

Olympia 2020: Sportler finden ihre Stimme wieder

Die japanische Regierung sah sich auch angesichts vieler Reaktionen aus dem Ausland unter Druck gesetzt. Kanada und Australien hatten definitiv schon erklärt, dass sie zum vorgesehenen Termin ab dem 24. Juli dieses Jahres keine Teams zu den Olympischen Spielen schicken würden. Max Hartung, der Sprecher der Vereinigung "Athleten Deutschland", hatte vor einigen Tagen im "ZDF-Sportstudio" seinen persönlichen Verzicht erklärt. Auch andere Athleten auf der ganzen Welt haben auf eine Verschiebung gedrängt.

Bach spielte derweil immer noch auf Zeit, wollte erst in etwa vier Wochen entscheiden. Die japanische Regierung und noch viel mehr die unglaubliche Solidarität unter den Sportlerinnen und Sportlern weltweit haben dem IOC-Präsidenten jetzt den Boden unter seinen olympischen Ringen weggezogen. Er ist faktisch noch der Präsident.

Aber mit dieser nicht von ihm vollzogenen Verlegung auf das nächste Jahr haben die künftigen Olympioniken auf beeindruckende Art und Weise klar gemacht, dass sie mit einer Stimme sprechen können, wenn es um ihre Belange geht. Das fehlte in den vergangenen Jahrzehnten. Für den Traum von Olympischen Spielen haben sie ihre Meinungsfreiheit geopfert. Jetzt haben sie ihre Stimme wiedergefunden.

Hier werden nun erst 2021 die Sommerspiele eröffnet: Das Olympiastadion von Tokio

Hier werden nun erst 2021 die Sommerspiele eröffnet: Das Olympiastadion von TokioImago

IOC-Chef Bach in Zukunft unter noch größerem Druck

Denn nun ging es um Fairness, um die Möglichkeit einer vernünftigen Vorbereitung für alle. Es ging um Dopingtests, die angesichts der Corona-Pandemie nur noch rudimentär durchgeführt werden konnten. Auch vernünftige Qualifikationen können nun ohne Zeitdruck für die Olympischen Spiele 2021 durchgeführt werden. Und es ging vor allem um die Gesundheit aller Beteiligten.

Und das betraf auch uns, die Journalisten. Das betraf auch mich, weil ich unter anderem auch die Eröffnungsfeier kommentiert hätte. Natürlich gibt es jetzt noch unglaublich viele Eckdaten zu klären, weshalb das IOC ja nicht außen vor ist. Aber Bach wird es künftig schwerer haben mit Alleingängen.

Denn jetzt sieht er sich einer neuen Generation gegenüber, die ein Mitspracherecht einfordert und die sich nicht mehr gänzlich von den Ringen blenden lässt. Die Kultur im IOC wird das beeinflussen. Und ich kann auf die Ausgabe des Buches der Olympischen Spiele 2021 ruhig noch ein Jahr warten. Mit dem von 1964 fange ich gerne noch mal von vorne an.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.

Video - DOSB-Präsident Hörmann über Olympia: "Der Gesundheit alles unterordnen"

01:37