Die Zeit reicht nicht. Es ist wie immer zu wenig von ihr vorhanden, um das gesamte olympische Programm im vorgegebenen Rahmen durchzuführen.
Deshalb beginnen die Wettkämpfe in Tokio nicht erst mit der Eröffnungsfeier am 23. Juli, sondern schon früher. Mit Softball und dann mit einem Knaller im Fußball der Männer, dem Spiel Brasilien gegen Deutschland.
Beide waren im Finale vor fünf Jahren in Rio de Janeiro. Die Südamerikaner gewannen, das Team des Deutschen Fußball-Bundes holte Silber. Aber Hand aufs Herz und ganz ehrlich: Das war damals eine Momentaufnahme, die kurzfristig Jubel auslöste aber mittlerweile wissen wir ja dank der Europameisterschaft, dass Deutschland im Fußball international nur noch zweitklassig ist. Das würde auch ein Olympiasieg nicht ändern, zumal das Team von Trainer Stefan Kuntz nicht mal das volle Kontingent ausschöpfen konnte.
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Die Bundesliga-Vereine sperren sich und halten ihre Angestellten vom olympischen Traum fern, weil sie, realistisch natürlich, die Saison vorbereiten müssen. Ist in Ordnung. Fußball und Olympische Spiele sind nie so richtig eine Einheit geworden.
Und im Grunde soll die Aufmerksamkeit auch nicht zu stark auf die Kicker gelegt werden.

Olympischer Sport dreht auf

Es schlägt die Stunde derer, die nicht nur ein ganzes Jahr, sondern während einer Olympiade ein Dasein im Schatten der Öffentlichkeit fristen. Fern von jedweder Fernsehübertragung, ja auch nicht mal in der Rubrik "Kurzmeldungen2 in den Printmedien präsent.
Ich nehme sie also mal mit ins Boot und das gleich richtig. Da wären nämlich Erik Heil und Thomas Plößel als Medaillenkandidaten zu nennen. Sie könnten wildern in dem Revier, in dem vor 57 Jahren Willy Kuhweide Gold im Finn-Dinghi gewann. In der Kloake von Rio gewannen sie schon Bronze.

Erik Heil und Thomas Plößel

Fotocredit: Getty Images

Ein Selbstläufer ist ihr Auftritt in der Sagami-Bucht von Enoshima freilich nicht. Die 49er-Jolle ist ein fragiles Ungeheuer und für die zum Teil intensiven Wellen im olympischen Revier nur bedingt geeignet. Es wird eine echte Herausforderung für die Trapezkünstler, die freilich seit fast zwei Jahrzehnten gemeinsam im Boot sitzen.

Schwere Aufgabe für die Säbelfechter

Und wer holt vielleicht noch Edelmetall? Nicht mal das Orakel von Delphi könnte diese Frage wirklich reinen Herzens beantworten, denn wie bei den Seglern fehlt auch in anderen Sportarten seit einem Jahr pandemiebedingt der internationale Vergleich.
Die Säbelfechter etwa müssen gleich mal gegen Russland antreten. Eine Niederlage wäre gleichbedeutend mit dem Ende aller Hoffnungen. Das erste Gefecht ist praktisch schon der Saisonhöhepunkt für Max Hartung und seine Mitstreiter, weil die gesamte Weltcupsaison ausfiel. Die Unsicherheit ist deshalb mindestens so groß wie die Erwartung, zumal die Abteilung Fechten ordentlich olympischen Nachholbedarf hat.

Die Reiter sitzen fest im Sattel

Um auf Nummer sicher zu gehen, was Medaillen angeht, muss man einfach tierisch gut sein. Die Reiter sind das seit Jahrzehnten. Sie sind Garanten für Medaillen und die Pferde sind auch schon da. Der gesamte Transport dauerte 19 Stunden, die Kosten beliefen sich auf 22.000 Euro pro Vierbeiner. Das sind letztlich zwar teure Medaillen, aber eben sichere, vor allem mit Isabell Werth in der Dressur und dem zuverlässigen Olympiastarter Michael Jung (dreimal Gold), in der Vielseitigkeitsprüfung.

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Apropos sichere Medaillen. Dazu müssen wir noch einmal einen Balanceakt hinlegen und knieend das Stechpaddel im Canadier bedienen, womit wir bei einem der Stars von Rio wären. Sebastian Brendel (zweimal Gold vor fünf Jahren) ist wieder im Einsatz und mit Conrad Scheibner darf noch ein zweiter Weltklassefahrer an den Start gehen.
Da müsste schon der Teufel einen Fieberanfall bekommen, wenn das nicht klappt mit Medaillen zumal auch noch der Kajak-Vierer in Form ist. Und natürlich wird uns der Deutschland-Achter wieder in seinen Bann ziehen.
Das war noch immer so.

Leichtathleten haben es schwer

Und dann gibt es natürlich noch die Leichtathletik, eine sogenannte Kernsportart der olympischen Spiele, die in der Fernsehberichterstattung mächtig viel Raum einnehmen wird. Ich fürchte allerdings, dass sich der Jubel nach deutschen Medaillen in Grenzen halten wird.
Fast schon gesetzt sind Speerwerfer Johannes Vetter sowie seine Kollegin Christine Hussong und Weitspringerin Mailaika Mihambo. Dazu fällt immer wieder der Name des Zehnkampf-Weltmeisters Niklas Kaul, der freilich in diesem Jahr noch keine Olympiaform gezeigt hat.

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Ungewissheiten begleiten Konstanze Klosterhalfen über 10.000 m, Gesa-Felicitas Kraus hat mächtig Konkurrenz über 3000 m Hindernis. Ansonsten läuft Deutschland hinterher. Schon Halbfinal-Teilnahmen werden deshalb als kleine Erfolge gefeiert notiert.

Ein Ehepaar im Bogenschießen

Aber es gibt ja glücklicherweise noch andere Spielwiesen. Die Silbermedaillengewinnerin im Bogenschießen von Rio, Lisa Unruh, wird mit ihrem Ehemann Florian im Mixed-Wettbewerb mit durchaus reellen Chancen an den Start gehen, wie überhaupt viele neue Medaillenmöglichkeiten durch Mixed-Wettkämpfe möglich sind.

Lisa und Florian Unruh

Fotocredit: Getty Images

Auch im Schwimmen wird es eine 4x100m-Staffel mit zwei Frauen und zwei Männern geben. Bis dahin wird hoffentlich Florian Wellbrock seine Chancen über 1500 m und vielleicht sogar im Freiwasser genutzt haben. Seine Verlobte Sarah Köhler ist zudem Vizeweltmeisterin. Und es gibt noch einige mehr, die auf die olympische Bühne springen können.
Im Karate, im Klettern, im Skateboard oder im Tischtennis, wenn der ewige Boll seine Hüftprobleme noch in den Griff bekommt. Wirklich bedauerlich ist freilich die Tatsache, dass es weder die Frauen noch die Männer im Volleyball nach Tokio geschafft haben (ausgenommen Beachvolleyball) und auch die Wasserballer sind nicht dabei, während Handballer und Basketballer gerade noch so eben die Tickets für die olympischen Spiele gelöst haben.
Rechtzeitig gewissermaßen, denn viel Zeit blieb ihnen dafür auch nicht.
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