Bald ist es so weit. Ein banaler Satz, ich weiß. Aber er drückt schon ein wenig mein Empfinden im Vorfeld der Olympischen Spiele in PyeongChang aus.

Ich bekomme ja fast täglich Nachrichten zugeschickt von meinen Chefs (ich habe ja viele), die mir sagen, ich solle unbedingt warme Sachen mitnehmen. Es sei richtig kalt. Auch gute Schuhe, weil die, die ich in Südkorea bekomme, möglicherweise nicht passen. Kann sein. Man sorgt sich also um mich. Schön ist das irgendwie. Rührend.

PyeongChang
IOC "sehr besorgt" über fehlerhafte Dopingbehälter
30/01/2018 AM 14:00

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Jahrelange Dopingpraxis in Russland

Also suche ich im Schrank die wärmende Unterwäsche, die handgestrickten Socken (nur solche sind wirklich warm), die dicken Handschuhe und eine Fellmütze, wie sie in Russland gerne getragen werden. Diese habe ich bei der Biathlon-WM Chanty-Mansijsk erstanden. Ich habe da keine Berührungsängste, wegen Russland und so. Auf dem Kopf.

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Im Kopf sieht das anders aus. Da beschäftigt mich das Thema Russland und Olympische Spiele ständig. Es fühlt sich an wie ein Bienenschwarm, der durch die Gehirnwindungen rast und nie zur Ruhe kommt.

Neue Dokumentationen der Kollegen der "ARD" machten in den letzten Tagen noch einmal deutlich, dass nach Aussage des Kronzeugen Grigorij Rodtschenkow (den übrigens auch das IOC mittlerweile als glaubwürdig einstuft, denn sonst hätte man nicht so viele einzelne Athleten von den Spielen ausschließen können) Russland ein staatlich verordnetes Dopingsystem in Sotschi perfektioniert hat, dass es ein solches aber auch schon vor Peking und London gegeben habe.

Sichere Bierflaschen?!

Und immer und immer wieder tauchen neue Dopingdetails auf, die mehr als nur bedenklich sind und die drauf hinweisen, dass auch bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) nicht seriös und aufmerksam gearbeitet wird.

Es sieht nämlich so aus, als sei eine normale Bierflasche mit Henkelverschluss (ist wieder schwer in Mode) genauso sicher (respektive unsicher) wie die Flaschen, in die der Urin der Athleten abgefüllt wird. Also auch in Südkorea.

Ohne Mühe sind die neuen Behälter, die seit vergangenem Herbst im Umlauf sind, so zu öffnen und wieder zu verschließen, dass nichts zu erkennen ist. Na denn Prost.

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Doping. Hat es immer gegeben. Immer. Vermutlich sage ich nichts Neues, wenn ich ausspreche, was die meisten Sportfans denken. Doping wird es auch in Zukunft immer geben. Nicht nur in Russland.

Klar, dass sich alle auf die Sotschi-Spiele stürzen, weil ja da ein mächtiger Spieler seine Strippen zieht. Erfolgreich übrigens, denn das für PyeongChang gesperrte Nationale Olympische Komitee Russlands bekommt bei der Schlussfeier die Fahne und die Hymne und damit die Legitimation zurück.

Und vielleicht lacht man sich ja in Moskau irgendwo ins russische Fäustchen. Die "Olympischen Athleten Russlands" (so die Bezeichnung der eingeladenen Sportler Russlands) sind zahlenmäßig immer noch der deutschen Olympiamannschaft überlegen. Kopfschütteln gestattet.

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Gefährliche Konzentration auf Russland

Die Causa Russland ist indes gefährlich, denn es wäre ein fataler Irrglaube anzunehmen, dass damit die Dopingproblematik entschärft worden wäre. Sie wird nur verlagert. Schon bereiten sich viele Athleten in Afrika auf die nächste Leichtathletik-Saison vor. Fern von den Schneekristallen in Südkorea.

Für Besuche in Trainingslagern dort ist vermutlich momentan keine Zeit. Wir haben Winter. Kontrolliert wird nach wie vor sehr intensiv in jenen Ländern, deren Athleten auch mitspielen.

Deutschland gehört dazu. Unsere Sportler sind gläsern geworden. Muss man auch mögen und ist in jedem Falle sogar fragwürdig, was in Bälde auch vor dem Europäischen Gerichtshof beurteilt werden wird.

Flucht vor Kontrollen

Auch wenn es jetzt wieder um Russland geht, aber eine Meldung dazu will ich noch anfügen. Das russische Sportportal "championat.ru" berichtete, dass bei einer Hallenmeisterschaft in Sibirien (Irkutsk) 36 Leichtathleten kurzfristig abgereist oder angeblich nicht angetreten sind.

Offenbar, so heißt es, weil Dopingkontrolleure aufgetaucht waren. Eigentlich ist das ja fast eine positive Meldung. Es wird kontrolliert. Oder genauer formuliert: Es wird versucht, zu kontrollieren.

Die Meldung ist auch deshalb erstaunlich, weil russische Athleten von heimischen Medien normalerweise nicht verdächtig werden. Eine mögliche Flucht ist freilich noch kein Dopingversehen. Auch eine Lücke in der Dopingbestrafung.

Die Freude bleibt

Ich gebe dennoch nicht auf. Ich will auch nicht aufgeben. Ich freue mich auf PyeongChang, auf die Olympischen Spiele in Südkorea. Wohl schon bei der Eröffnungsfeier werden meine Bienen im Kopf hoffentlich eine Pause einlegen. Und spätestens bei den ersten Wettkämpfen wird auch mich das olympische Fieber packen. Das war bisher immer so. Bei jeder Veranstaltung, übrigens.

Auch wenn es naiv sein mag: Die olympische Begeisterung gestehe ich mir zu. Und die lasse ich mir von denen, die mit unlauteren Mitteln arbeiten und auch nicht von denen, die nicht entscheiden genug gegen Dopingsünder und Dopingsysteme vorgehen und den Sport damit an die Grenze der Glaubwürdigkeit treiben, nicht kaputt machen.

Auch wenn es, zugegeben, immer schwerer fällt.

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