Aus Rio de Janeiro berichtet Andreas Morbach

Aufgabe des Tages:

Hans Gruhne ist schon seit zwei Wochen hier, und deshalb kennt er ihn nur zu gut: Den Blick von der Regattastrecke hinauf zum Cristo Redentor, der Tag für Tag seine ausgebreiteten Arme schützend über Rio de Janeiro hält.
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Aus der Ferne ist das Wahrzeichen der Olympiastadt für Gruhne längst wie ein guter Kumpel. Aber jetzt, wo er Goldmedaillengewinner im Doppelvierer ist, will er die berühmte Christusstatue auch von Nahem sehen.
"Da möchten wir auf jeden Fall mal hoch. Denn jetzt wollen wir die zweite Olympiahälfte genießen", kündigt Gruhne im Namen seiner Mit-Ruderer Philipp Wende, Lauritz Schoof und Karl Schulze an. Ein Mann, der im März, ausgebrannt von fünf Trainingslagern in einem Jahr, noch die Reißleine ziehen musste. "Mein Körper wollte nicht mehr", erzählt der 28-Jährige. Er stürzte in ein Leistungstief, schlief schlecht, lag mit viel zu hohem Puls im Bett.

Gold: Männer-Doppelvierer legt vor, Frauen ziehen nach

Fotocredit: SID

Hans Gruhne steht am Rand der Lagune in der brütenden Hitze und nennt die Details des körperlichen Durcheinanders: "Sonst habe ich einen Ruhepuls von 50, und plötzlich lag der bei 90 oder 100. Ich fühlte mich als wäre ich gerade gejoggt." Dabei lag ich nur im Bett.
Seinen Platz im Team hat er sich erst im Juni von Tim Grohmann zurückerkämpft. Verständlich, dass ihn bei dieser Vorgeschichte im Ziel "ein Gefühl zwischen unmenschlicher Freude und Leere" übermannte. Die Kraft für ein tröstendes Wort an Ersatzruderer Grohmann fehlte ihm in dem Moment noch. Im Gegensatz zu Mitstreiter Schulze, der aus dem Off versicherte: "Den nehmen wir mit zum Biertrinken."
Auch die deutschen Frauen, ebenfalls Gold im Doppelvierer, haben natürlich Pläne für den Rest der Spiele – im Fall von Julia Lier vor allem einen. "Ich will", sagt die blonde Brandenburgerin, "an die Copacabana".

Szene des Tages:

Im Zentrum von Rio, nur ein paar Wohnblöcke von der Guanabara-Bucht entfernt, steht mitten auf einem schmucklosen Platz ein Mast mit einigen verschnörkelten Laternen. Oberhalb der Laternen geht es noch ein Stück weiter. Und ganz am Ende des Mastes ist dann - quadratisch, praktisch gut - eine Uhr installiert. Vielmehr: Vier Uhren.
Das Besondere an diesen Uhren: Jede von ihnen zeigt eine andere Zeit an, und keine die richtige. Zur Auswahl stehen: Zehn nach zwei, zwanzig nach sechs, Punkt sieben und zehn nach zehn. Und zwar immer. Die Zeiger stehen still, und Tag für Tag, egal wann man kommt, ist es gleich spät. Beziehungsweise gleich verschieden spät. Ein klarer Fall für das Philosophische Quartett.

Eine Uhr in Rio

Fotocredit: Eurosport

Sidekick des Tages:

Für ihre erste Medaille bei Olympischen Spielen im immerhin schon 14. Versuch haben die Fidschianer gleich einen besonderen Rahmen gewählt: Zum Fünf-Ringe-Comeback des Rugby nach 92 Jahren besiegten sie im Finale die Briten.
Aber nicht einfach so: Zur Halbzeit stand es 29:0, am Ende 43:7 für die Insulaner aus dem Südpazifik. Überzeugender kann eine Premiere wirklich nicht ausfallen.

Zitat des Tages:

Ich denke nicht darüber nach, das sinkende Schiff zu verlassen.
Bundestrainer Henning Lambertz zur Lage im deutschen Schwimmsport.
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