Erst die emotionale Triumphfahrt von Edina Müller vor den Augen des Sohnemanns, dann die Fabelrunde von Lindy Ave im Olympiastadion: Zum Abschluss hinterließ die deutsche Mannschaft in Tokio einen positiven Eindruck.
Doch in der Gesamtbilanz des Team D bei den 16. Paralympischen Sommerspielen waren diese Sternstunden nur noch Schönheitskorrekturen. Der Abwärtstrend setzt sich fort, die Top-Nationen ziehen davon - und mit Rang zwölf gab es im Medaillenspiegel das schlechteste Ergebnis überhaupt.
Dennoch zog DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher vor der bunten Abschlussfeier, bei der Schützin Natascha Hiltrop die nur noch kleine deutsche Mannschaft als Fahnenträgerin anführte, ein positives Fazit.
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"Ich finde, wir gehen sehr erfolgreich von diesen Spielen weg", sagte der Chef des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) im "SID"-Interview. Auch Chef der Mission Karl Quade sah das Team im Soll. "Wir stehen im Medaillenspiegel ungefähr da, wo wir uns gesehen haben", konstatierte der DBS-Vizepräsident Leistungsport.

Paralympics 2021: Deutschland weit von den Top-Nationen entfernt

Und das ist mit nur 43 Medaillen mittlerweile weit entfernt von den Top-Nationen, 14 Medaillen weniger als noch in Rio sammelte die deutsche Mannschaft. Die 13 Gold-, 12 Silber- und 18 Bronzemedaillen reichten nicht für die Top 10 in der Nationenwertung, deutlich kleinere Länder wie die Niederlande oder Aserbaidschan sind vorbeigezogen. Zuvor war Rang elf in Peking 2008 die schlechteste deutsche Abschlussplatzierung im Medaillenspiegel gewesen.
"Die paralympische Leistungssportbewegung ist unwahrscheinlich explodiert, die Leistungsbreite ist größer geworden", begründete Beucher den anhaltenden Abwärtstrend, "auf einmal steht ein Land wie Aserbaidschan vor Deutschland im Medaillenspiegel. Mich stört das nicht."
Vielmehr zeige das, so der 75-Jährige weiter, "dass die Paralympics ihren Zweck erfüllen. Behindertensport wird auch in Länder getragen, wo früher Menschen mit Behinderung am Rande der Gesellschaft versteckt waren."
Am Konzept dieser Nationen wolle er sich aber nicht orientieren. "Weil viele Länder, die so aufgeholt haben, etwas gemacht haben, was ich vom Grundsatz her ablehne. Sie verzichten auf Vielfalt und konzentrieren sich auf einige wenige Sportarten", sagte Beucher. Als "Problem Nummer eins" sieht er in Deutschland die Nachwuchsfindung, die -sichtung und die -förderung.

Paralympics 2021: Deutschland betreibt Schadensbegrenzung in Woche zwei

Generell gäbe es "Nachholbedarf" in Sachen Professionalisierung, ergänzte Quade: "Es gibt bei uns nur wenige Sportler, die sich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren können." Die Basis müsse sich "deutlich vergrößern". Derzeit bestehe eine "sehr starke" Abhängigkeit von der Leichtathletik und dem Radsport. Zumindest betrieb die Mannschaft nach dem schwachen Start in der zweiten Woche Schadensbegrenzung.
Einige der von Beucher angepriesenen "Goldraketen" wie Doppelsiegerin Jana Majunke, Markus Rehm, Martin Schulz, Hiltrop, Johannes Floors oder nun zum Abschluss eben Edina Müller zündeten. Die Para-Kanutin paddelte am Samstag in die Geschichtsbücher. Nach dem Triumph im Rollstuhlbasketball 2012 krönte sie sich wie Annika Zeyen in der zweiten Sportart zur Paralympics-Siegerin - und das nach einer Bürokratie-Odyssee sogar vor den Augen ihres zweieinhalb Jahre alten Sohns Liam.
"Es gab in der ganzen Zeit viele Zweifler, viele Leute, die nicht an mich geglaubt haben. Da jetzt zu stehen mit der Goldmedaille, ist der Wahnsinn", schwärmte Müller. Sensationell mit Weltrekord zu Gold lief Lindy Ave ("Hätte ich nie im Leben geglaubt") über die 400 m. Sie war wie Schwimm-Champion Taliso Engel oder Rennrollstuhlfahrerin Merle Menje einer der Lichtblicke der nachkommenden Generation.
Generell war Beucher froh, dass die Paralympics nicht zum "Superspreader-Event" geworden sind. Im deutschen Team gab es keinen einzigen Coronafall. "Die Leistung", sagte der DBS-Präsident, "war im Mittelpunkt und nicht das Virus".
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(SID)

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