Am 15. Januar 1991 In Aleppo geboren, begann er im Alter von 14 Jahren mit dem Radsport und nahm 2009 erstmals an den Junioren-Weltmeisterschaften teil. Bis 2014 folgten Starts bei verschiedenen internationalen Rennen, Wais wurde Nationalfahrer und zog nach Damaskus. Dann aber beschloss er, seine im Bürgerkrieg versunkene Heimat zu verlassen.
Wais wurde als Flüchtling von der Schweiz aufgenommen und hat sich dort ein neues Leben aufgebaut. In seiner neuen Heimat fand er auch wieder zurück zum Radsport, schloss sich einem lokalen Verein an und bekam auch Unterstützung vom Radsportweltverband (UCI). Als Mitglied des Refugee Olympic Team der UCI bekam er einen Startplatz für das Zeitfahren von Tokio.
"2004 war ich sehr beeindruckt vom Zeitfahren von Tyler Hamilton. Ich hatte schon verfolgt, wie er bei der Tour gekämpft hat und war als Kind davon fasziniert. Natürlich habe ich später sein Buch gelesen, aber die Bilder von damals haben mich zum Radsport gebracht", erinnerte sich der mittlerweile 30-Jährige nach seiner ersten Olympiateilnahme im Gespräch mit radsport-news.com. "Es waren damals schöne Bilder und es war wie ein Fest. Auch für uns Kinder, denn alle haben zugeschaut und irgendein Sport hat jedem gefallen.“
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17 Jahre später war Wais als Olympiateilnehmer mit dabei. "Es hat mich gelehrt, dass man als Kind von vielem träumen kann, diese Träume aber auch selbst wahrmachen kann. Schon die Eröffnungsfeier war ein großes Fest und es war schön, dabei gewesen zu sein", so der Zeitfahrspezialist, der aber keine einfache Anreise nach Japan hatte.

Corona-Schock vor Tokio-Abflug

Dagegen war Wais als Einzelstarter bei den Weltmeisterschaften meistens auf sich allein gestellt. Doch in der Nähe des Fuji Speedway erlebte Wais den vielzitierten Olympischen Geist, die Gemeinschaft der Teilnehmer und auch der freundschaftliche Austausch mit den Kontrahenten. "Wir waren alle wie eine Familie und eine ganze Woche gemeinsam unterwegs", freute sich Wais. Umso schockierter war er über den rassistischen Ausruf, mit dem der deutsche Sportdirektor Patrick Moster im Zeitfahren Nikias Arndt anfeuerte.
"Es stimmt mich traurig, wenn ein Sportlicher Leiter so über andere Fahrer spricht. Amanuel ist ein großer Fahrer, der sein Geld in der WorldTour verdient", erklärte Wais und meinte den Eritreer Amanuel Ghebreigzabhier, der für Trek – Segafredo fährt und schon dreimal den Giro und zweimal die Vuelta bestritten hat. Ihn und den Algerier Azzedine Lagab hatte Moster als “Kameltreiber“ bezeichnet.
Mit seinem eigenen Olympiaauftritt war Wais übrigens nicht zufrieden. "Die finale Vorbereitung war sehr anstrengend und es war echt das härteste Rennen, das ich erlebt habe. Aber es sind auch die Olympischen Spiele und keine Nationalen Meisterschaften", erzählte Wais, der in Bern in einem Fachgeschäft für Laufsport als Verkäufer arbeitet.

Olympia in Paris 2024 als Ziel

Den gesamten Juli bekam er von seinem Arbeitgeber frei, um sich auf die Spiele vorbereiten zu können. Das Zeitfahren beendete er auf dem 38. und letzten Platz des Klassements, 13:36 Minuten hinter dem neuen Olympiasieger Primoz Roglic. Dennoch gab verlieh ihm das Ergebnis neuen Schwung: "Ich meine, wenn ein Fahrer wie Wout Van Aert, der direkt von der Tour nach Tokio kommt und sagt, das war ein hartes Rennen, dann weißt du was das bedeutet. Ich hoffe, die Teilnahme hat mir jetzt größere Türen geöffnet, mein nächstes großes Ziel ist Paris“, kündigte er an.
In Hindelbank bei Bern, wo der 30-Jährige derzeit lebt, kennen ihn schon viele Leute. Kein Wunder, gehört diesem Radclub auch die Schweizer Silbermedaillengewinnerin Marlen Reusser an. "Es sind viele gute Radfahrer dort zuhause, deshalb kennt man mich natürlich auch schon gut", erklärte Wais, der aber auch aus seiner alten Heimat angefeuert wurde: "Ich stehe immer noch im Kontakt zu meiner Familie. Ihnen geht es einigermaßen gut in Aleppo, auch wenn die Situation noch immer sehr unsicher ist. Meine Olympiateilnahme war sehr emotional für sie, das haben sie mir schon verraten."

Dank an IOC und UCI für Unterstützung

Dankbar ist Wais aber auch für die Unterstützung durch die internationalen Organisationen des Sports. “Das Internationale Olympische Komitee hat das Refugee-Team gut organisiert. Es war eine große Hilfe, aber auch die UCI hat eine wichtige Rolle für mich gespielt. Ohne ihre Unterstützung hätte ich mich niemals so vorbereiten können“, betonte er.
Bedauerlich fand Wais dagegen, dass aufgrund der Corona-Sicherheitsbestimmungen kein Kontakt zur japanischen Bevölkerung zustande kam. "Ich hätte das Land gerne noch mehr kennengelernt. Japan und vor allem die Bevölkerung ist ja ziemlich speziell. Die Menschen leben auf engem Raum und ich weiß, wie sehr in der Schweiz alles durchgetaktet ist, aber in Japan sind sie noch genauer", erklärte er schmunzelnd.
Sein nächstes Ziel sind jetzt die Straßen-Weltmeisterschaften in Flandern: "Ich kann mich noch an die vielen belgischen Fans in Innsbruck erinnern. Schon damals dachte ich, das wäre sicherlich sehr eindrucksvoll, in deren Heimat einmal ein Rennen zu fahren. Wenn ich nur daran denke, dann freue ich mich schon darauf, und ich hoffe natürlich auf Zuschauer, denn die haben bei Olympia gefehlt“, so Wais abschließend.
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