Ihre Saison hatte bislang Höhen und Tiefen. Wie ist es um ihre Form vor der Tour de France bestellt?
Dominik Nerz: Aktuell geht es mir wieder besser und ich denke, was Gesundheit, Training und Formzustand angeht, bin ich wieder im Plan für die Tour de France. Das Frühjahr lief leider alles andere als optimal und war ein ständiges Auf und Ab mit Tendenz nach unten. Im Trainingslager zu Saisonbeginn wurde ich krank und bin anschließend zu früh wieder ins Training eingestiegen und nie wirklich in Tritt gekommen. Das ist aber nun überstanden.
Was hätte für Sie den höheren Stellenwert? Ein Tour-de-France-Etappensieg oder eine gute Position im Gesamtklassement?
Tour de France
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07/01/2017 UM 08:41
Nerz: Schwer zu sagen, da beides super schön ist. Das Beste wäre natürlich, wenn sich das eine mit dem anderen vereinbaren ließe (lacht). Solange ich aber noch auf meinen ersten wirklichen Sieg warte und den bei der Tour perfekt machen könnte, hätte ein Etappensieg für mich den höheren Stellenwert.
Sie sind zu Saisonbeginn vom WorldTour-Team BMC zum "kleineren" ProContinental-Team Bora - Argon 18 gewechselt. Was war ausschlaggebend für diesen Schritt?
Nerz: Natürlich auch, dass es ein deutsches Team ist. Das war für mich eine Riesenchance, die ich unbedingt wahrnehmen wollte. Auch mit der Perspektive, dass wir uns Jahr für Jahr vergrößern wollen und ich von Anfang an dabei sein und mich etablieren kann.
Gab es für Sie auch die Möglichkeit bei BMC zu bleiben?
Nerz: Wir hatten Gespräche. Ich wollte aber unbedingt zu Bora, daher hat sich das verlaufen.

Dominik Nerz bei der Vuelta a Espana 2013, die er als 14. beendete

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Sahen Sie für sich bei BMC auch nicht mehr wirklich eine Perspektive unter all den vielen Top-Fahrern? Ralph Denk (Teammanager Bora - Argon 18) sagte zu Ihrem Wechsel: "Dominik wollte nicht mehr knechten".
Nerz: So, wie die beiden Jahre bei BMC gelaufen sind, ist das sicherlich richtig. Mit dem Ruhestand von Cadel Evans hätten sich auch für mich bestimmt einige Möglichkeiten geboten, aber es wäre schwierig geworden, öfters auf eigene Rechnung zu fahren und das Team hinter sich zu haben.
Bei Ihrem neuen Team sieht das anders aus. Sie wurden speziell als Kapitän für die Tour de France verpflichtet. Wie schätzen Sie Ihre Möglichkeiten in Frankreich ein?
Nerz: Ich werde immer darauf festgenagelt, dass zu Anfang des Jahres „Top Ten“ gesagt wurde. Ich weiß, dass ich die Möglichkeiten habe weit vorne zu landen. Dafür muss aber auch alles stimmen. Mittlerweile bin ich mehrere große Rundfahrten gefahren und habe erfahren, was alles in drei Wochen passieren kann. Ich will mein Bestmögliches erreichen, aber auf eine Zahl möchte ich mich nicht festlegen.
Was macht Sie als guter Rundfahrer aus?
Nerz: Ich habe mitbekommen, dass ich gut regenerieren kann und über drei Wochen eher an Leistung aufbaue als abbaue. Ich kann gut klettern und auf Position fahren. Verbessern muss ich mich noch im Zeitfahren, aber da arbeite ich bereits hart an mir.
Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie das Potenzial zum Rundfahrer haben, oder hat sich das im Laufe der Jahre entwickelt?
Nerz: Das hat sich ergeben. Anders als ein Sprinter, der in der U23 schnell ist und auch bei den Profis gleich im ersten Jahr gute Resultate erzielen kann, kann keiner von vornherein behaupten: Ja, ich bin Rundfahrer. Um auf das Gesamtklassement zu fahren, muss man viel dazulernen. Da reicht es nicht, einfach jeden Tag schnell Rad zu fahren. Ich würde jetzt auch noch nicht behaupten, dass ich ein Rundfahrer bin. Ich möchte erst mal die beiden Jahre bei Bora abwarten und sehen, wie es ist, wenn ich Kapitän bin und die Unterstützung einer ganzen Mannschaft bekomme.

Dominik Nerz geht erstmals als Mannschaftskapitän in die Tour de France

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Wie schätzen Sie die diesjährige Route der Tour de France ein, auch für Sie persönlich?
Nerz: Anspruchsvoll würde ich sagen - alles ist dabei. Ich habe mir die Profile durchgeklickt, aber noch nicht näher angeschaut. Die eine oder andere Etappe werde ich noch abfahren, einfach weil es wichtig ist, die Anstiege zu kennen – besonders vom Kopf her. Es ist entspannter, wenn ich weiß, wo ich vorne sein muss oder wann es richtig schwer wird.
Auf welche Etappen kommt es besonders an?
Nerz: Mit so etwas beschäftige ich mich gar nicht so sehr. Die Anstiege muss man kennen, aber sich von vornherein zu viele Gedanken zu machen, von wegen morgen ist die Killeretappe, hoffentlich geht das gut, ist kontraproduktiv. Die Energie investiere ich lieber anders. Oft sind Schlüsseletappen gar nicht so schlimm und wiederum andere Etappen, die vom Profil entspannt aussehen, am Ende sogar die härteren. Ich schaue zum Beispiel auch nie vorher in die Wettervorhersage. Mein Wetterbericht ist, wenn ich morgens aufstehe und aus dem Fenster gucke. Da mache ich mich nicht vorher unnötig verrückt.
Und wie fällt Ihre Einschätzung der Roubaix-Etappe aus?
Nerz: Ich werde immer darauf angesprochen, ob ich mich vor der Etappe fürchte. Das ist aber absolut nicht der Fall, weil ich früher Crosser war und eine relativ gute Radbeherrschung habe. Ich bin die Etappe bereits abgefahren. Entscheidend wird sein, wie stark das Team ist. Aber wie ich die Jungs bisher kennengelernt habe und mit Ihnen Rennen gefahren bin, mache ich mir da überhaupt keine Gedanken. Die Jungs sind super gut und super fit.

Dominik Nerz geht entspannt mit der Erwartungshaltung um

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Stören Sie eigentlich Vergleiche mit Jan Ullrich oder wenn Sie als die größte deutsche Rundfahrer-Hoffnung beschrieben werden?
Nerz: Stören tut es mich nicht, man muss es allerdings auch realistisch sehen. Im Moment wird die Hoffnung, wieder einmal einen großen deutschen Rundfahrer zu haben, auf meine Schultern gelegt. Ich kann damit umgehen, weil ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann und lass das auf mich zukommen. Nervig wird es dann, wenn einem Fragen gestellt werden, wieso man nicht hier oder dort vorne war. Ich habe noch einiges vor mir, bevor ich komplett zur Weltspitze gehöre. Ich arbeite aber jeden Tag daran und bin auf einem guten Weg.
Merken Sie ein gesteigertes Medieninteresse an Ihrer Person?
Nerz: Sicherlich und das ist durchweg positiv. Es ist zu merken, dass der Radsport wieder einen größeren Stellenwert bekommt. Die Leute verfolgen den Sport wieder, was natürlich schöner ist. als wenn sich niemand dafür interessieren würde. Jeder Mensch braucht ein bisschen Anerkennung oder auch etwas Ruhm.
Das wiederum bringt auch entsprechende Erwartungshaltungen mit sich. Spüren Sie da Druck?
Nerz: Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nicht interessiert. Natürlich wäre es schön, wenn ich alle Erwartungen, Hoffnungen und Träume erfüllen kann. Aber letztendlich werde ich mich bei niemandem entschuldigen, falls es nicht klappt, nur weil ich als die große Rundfahrer-Hoffnung gelte. Ich bin jung, muss noch einiges lernen, und wenn es dieses Jahr nicht klappt, werde ich es kommendes Jahr wieder probieren.
Wie sieht ihr Fahrplan bis zur Tour de France aus?
Nerz: Ich werde noch ein Höhentrainingslager absolvieren. Danach fahre ich die Dauphine und die deutschen Meisterschaften. Und dann geht´s ja auch schon los.