Eigentlich läuft die Tour perfekt für Chris Froome:
Ein Teamkollege in Gelb, der den lästigen Interview-Marathon und die zeitfressenden Podiums-Verpflichtungen im Ziel übernimmt. Ein Feld an Herausforderern, das fast täglich durch Ausfälle von Top-Fahrern wie Vincenzo Nibali, Richie Porte oder Rigoberto Uran kleiner wird. Ein extrem starkes Team, das im Unterschied zu vielen Rivalen noch komplett unterwegs ist.
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04/03/2018 AM 15:26
Froome scheint also voll auf Kurs bei seiner Jagd nach gleich mehreren herausragenden Marken: Fünfter Toursieg - Einstellung des Rekords, erstes Double aus Giro und Tour seit 20 Jahren, Gewinn der vierten großen Rundfahrt in Serie (nach Tour 2017, Vuelta 2017, Giro 2018).
Gleichzeitig aber zeigt die Zwischenbilanz nach den Alpen, dass der Seriensieger auch ein ganz anderes Szenario befürchten muss, das immer realistischer wird: Froome könnte am Ende der Tour in Paris nicht jubelnd in der Mitte des Podiums stehen, sondern enttäuscht daneben.
Denn der umstrittene Vierfach-Sieger hat noch drei Herausforderer, die alle ihre vielleicht einmalige Chance wittern - und denen der weitere Verlauf der Tour durchaus in die Karten spielt.
Geraint Thomas: Der Mann im Gelben Trikot ist alles andere als ein Platzhalter. Mit 1:39 Minuten Vorsprung ist der Waliser in der Pole Position und wird von dort nur schwer zu verdrängen sein. Im Zeitfahren auf der vorletzten Etappe muss er Froome nicht fürchten, der 32-Jährige ist selbst ein absoluter Spezialist in dieser Disziplin. Am Berg ist er bisher Froome ebenbürtig und zudem antrittsstärker, was ihm durchaus noch weitere Bonussekunden einbringen könnte.
Ob Team Sky den zweifachen Olympiasieger auf der Bahn zurückpfeifen wird, ist fraglich - und ob Thomas das "maillot jaune" einfach so ziehen lässt auch. Thomas, schon vor einem Jahrzehnt Teamkollege von Froome im Team Barloworld, muss bei einer Attacke Froome nicht selbst jagen, sondern kann sich einfach an Verfolger wie Romain Bardet, Daniel Martin oder Mikel Landa hängen und so den Rückstand minimieren bzw. einen Konter vorbereiten.
Die nächsten Etappen, besonders die Mini-Bergankunft in Mende, sollte Thomas besser liegen als Froome - auch dort könnte also der aktuelle Spitzenreiter weiter Sekunden sammeln (wie schon an der Mur de Bretagne). Auf einen Einbruch in den Pyrenäen zu hoffen, wird nicht reichen um zu verhindern, dass der Auftaktsieger von Düsseldorf 2017 nicht auch der Gesamtsieger in Paris 2018 ist.
Tom Dumoulin: Der Niederländer hat nach dem verlorenen Duell mit Froome beim Giro d'Italia noch eine Rechnung offen - vor allem aber hat er nach den Alpen nur elf Sekunden Rückstand. Das ist für Froome kein beruhigendes Polster mit Blick auf das Einzelzeitfahren über 31 Kilometer. Im Gegenteil, gegen den Weltmeister im Kampf gegen die Uhr braucht Froome deutlich mehr Vorsprung. Doch bislang ist der Niederländer vom Team Sunweb seinem Rivalen in den Bergen ebenbürtig.
Fährt Dumoulin weiter so angriffslustig und hat er weiter im direkten Duell um Bonussekunden das Rad vorn, wird Froome kaum in der Endabrechnung vor ihm liegen.

Schlüsselszenen: Froome quält sich, Dumoulin kontert mit Bestzeit

Primoz Roglic: Der Vierte der Gesamtwertung ist bislang irgendwie unter dem Radar geblieben. Dabei liegt er nur 56 Sekunden hinter Froome und niemand mehr muss ihm seine Ankündigungen glauben, er wolle bei dieser Tour eigentlich nur Etappen gewinnen. In den Alpen hat er 48 Sekunden auf Froome verloren, doch dass er in der dritten Woche noch aufdrehen kann, zeigte er bei der Tour 2017 - da gewann er die Königsetappe über den Galibier in der Schlusswoche. Sollte Roglic auf der 14. Etappe nach Mende besser abschneiden als Froome, dann könnte es zu einem echten Showdown im Zeitfahren kommen.
Das Problem für Froome: Für anspruchsvolle Zeitfahren gibt es in den letzten Jahren einen absoluten Fachmann - und der heißt Roglic. Ob auf dem welligen Kurs durchs Chianti beim Giro 2016, ob bei Tour de Romandie oder der Baskenland-Rundfahrt, immer war der 28-Jährige das Maß der Dinge.

So siegte Roglic im Zeitfahren

Der Zeitfahr-Vizeweltmeister 2017 (hinter Dumoulin, vor Froome) hat zusätzlich als Joker noch Steven Kruijswijk in der Hinterhand, der Niederländer hat bei seinem Solo auf der Königsetappe seine Klasse gezeigt. Wenn er sich in den Dienst von Roglic stellt, werden taktische Optionen möglich, die auch Sky vor Probleme stellen könnten.
Prognose: Froome ist unter Zugzwang - nur mit Abwarten kommt er nicht zum fünften Sieg. In Alpe d'Huez hat die Konkurrenz aber gesehen, dass man den Briten nach Attacken auch wieder einfangen kann. Die Dominanz der Jahre 2013 oder 2015 ist verloren - um 2018 zu siegen, muss er auf Schwächen der Konkurrenz setzen. Bleiben diese aus, wird die Tagesform entscheiden, insbesondere im Einzelzeitfahren. Und dort sieht sich Froome erstmals Rivalen gegenüber, die ihm in dieser Disziplin ebenbürtig sind.
Dieses Jahr hingegen kann es deshalb um den Tour-Sieg so knapp werden wie seit den acht Sekunden zwischen Laurent Fignon und Greg Lemond im Jahr 1989 nicht mehr.
Der Franzose und der US-Amerikaner haben zusammen fünf Tour-Siege vorzuweisen - Froome wird auf den Champs Elysées in diesem Juli jene Marke nicht erreichen.
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