Die drei noch anstehenden Bergetappen der Tour de France sind der ultimative Härtetest: Es geht extrem hoch hinaus und das gleich in Serie - eine Anforderung, die bei dieser Tour so noch nicht auf dem Programm stand. Klar ist: Wer auf nur einer dieser Etappen einen schlechten Tag erwischt, verliert alle Chancen.
Julian Alaphilippe
Tour de France
"Vollgas aus der Kurve": Greipel über den Sieg in Paris 2015
19/09/2020 AM 22:01
"Endlich!" So brachte es einer der Edelhelfer seiner Rivalen am Eurosport-Mikrofon auf den Punkt, nachdem der Franzose im Finale der 15. Etappe erstmals Zeit einbüßte. Doch noch immer trägt er das Gelbe Trikot und noch immer ist sein Vorsprung nicht zu unterschätzen.
Entscheidend wird sein, ob seine Über-Form ihn auch noch über die hohen Pässe der dritten Woche trägt. Die Tendenz spricht nicht dafür und auch der Franzose selbst sah sich "komplett leer". Besonders die endlos lange 18. Etappe mit ihren drei Gipfeln könnte ihm den Zahn ziehen – auch wenn er hinunter vom Galibier noch einmal seine Abfahrtskünste in die Waagschale werfen kann.
Prognose: Er verliert Gelb am ersten der drei Alpentage und danach richtig viel Zeit: kein Platz in den Top 5 in Paris.
Geraint Thomas, 2. (+1:35)
Es ist endgültig klar, dass er nicht in der sensationellen Verfassung des letzten Sommers ist – und auch sein ganzes Team nicht. Nimmt man Alalphilippe aus, sitzen ihm vier Verfolger mit weniger als 40 Sekunden Rückstand im Nacken. Und diese waren allesamt in den Pyrenäen mindestens gleich stark, die meisten sogar stärker: das riecht nicht mehr nach Titelverteidigung, sondern nach Schadensbegrenzung. Im Zeitfahren hat Thomas kein ausreichend großes Polster auf die stärkeren Kletterer herausgeholt.
Ineos ist zwar einmal mehr das einzige Team mit zwei Kapitänen unter den Top 5, aber aktuell ist keiner von ihnen stark genug, um die Konkurrenz am Berg zu distanzieren: Von einem erneuten Doppelsieg spricht keiner mehr, das Ende der Erfolgsserie in Paris ist aktuell weitaus wahrscheinlicher.
Prognose: Thomas stellt sich nach der erste Alpenetappe in den Dienst von Bernal, der Sieger von 2018 kommt am Ende als Fünfter nicht auf das Podest.

Thomas erklärt: "Es ist eine Kopfsache"

Steven Kruijswijk, 3. (+1:47)
"Diese Tour ist eine einmalige Chance für Steven auf das Podium – oder sogar für mehr": Teamkollege Laurens De Plus hat am Tourmalet keinen Zweifel daran gelassen, dass man bei Jumbo-Visma nach vier Etappensiegen auch noch zusätzlich an den Hauptgewinn glaubt. Aus gutem Grund: das Team ist stark und nimmt das Rennen in die Hand und Kruijswijk selbst ist mit seiner Erfahrung eine sichere Bank für die dritte Woche.
Der Niederländer hat mehr Große Rundfahrten in den Top 5 beendet als alle seine aktuellen Gegner zusammen: auf einen Einbruch bei ihm braucht die Konkurrenz nicht zu hoffen. Aber er schwächelte etwas im Finale der 15. Etappe – und das kann sich bei den knappen Abständen noch rächen.
Prognose: Der Fünfte der Tour 2018 verbessert sich um einen Platz, aber muss weiter auf sein erstes Podium bei einer großen Rundfahrt warten.
Thibaut Pinot, 4. (+1:50)
"Aktuell scheint er der Stärkste", befand Buchmann in den Pyrenäen. Mit Wut im Bauch nach dem Patzer auf der Windkante hat Pinot jetzt richtig Rückenwind. In diesem Jahr verfügt er mit David Gaudu endlich auch über einen exzellenten Helfer in den Schlussanstiegen an seiner Seite, ein wichtiges Plus. Falls er nicht wie beim Giro 2018 noch krank wird, droht ihm kein Formeinbruch in der dritten Woche.
Eine besondere Herausforderung für ihn dürfte allerdings das Wetter werden: In den Alpen ist Gluthitze angekündigt, während Pinot Bedingungen wie im verregneten Finale der 15. Etappe liebt.
Prognose: Die Form, und bei Pinot noch wichtiger, das Selbstbewusstsein ist da. Die Helfer sind stark genug, die Taktik stimmt und noch ein Fehler wie nach Albi wird FDJ nicht unterlaufen. Es reicht zum ersten französischen Tour-Sieg seit 1985 für den Dritten von 2014.
Egan Bernal, 5. (+2:02)
In Brüssel beim Tour-Start für viele der große Favorit, aber bisher hat er seine Kletterkünste noch nicht so zeigen können, wie erwartet worden war. Die extremen Höhen der Alpenetappen mit fast 2800m als "Dach der Tour" dem Kolumbianer einen Vorteil bringen, aber ob der ausreicht, um nach Gelb zu greifen? Bernal hat von Thomas zuletzt freie Fahrt bekommen, aber er konnte Pinot dann nie folgen.
Kleiner, aber vielleicht entscheidender Nachteil wenn die Zeitdifferenzen weiter so gering bleiben: Ihm fehlt der Punch, um auch mal an einer Bergwertung oder im Ziel erfolgreich um Bonussekunden zu sprinten.
Prognose: Bernal wird sich weiter langsam nach vorne arbeiten, zum Sprung aufs Podium reicht das – aber nur auf die unterste Stufe.
Emanuel Buchmann, 6. (+2:12)
"Man kann mit ihm definitiv die Tour gewinnen – aber dieses Jahr noch nicht", so brachte Teamkollege Gregor Mühlberger bei Eurosport die Klasse seines Kapitäns auf den Punkt. Buchmann fährt eine herausragende Tour, bleibt dabei aber abgeklärt und unaufgeregt. Konstant am Berg, im richtigen Moment auch in der Offensive und mit einem Formaufbau, in dem die Lehren aus der schwächeren Vuelta-Schlusswoche 2018 gezogen wurden.
Im Vergleich zu seinen Gegnern fehlt ihm einzig ein Helfer in Topform für die Schlussanstiege. Ansonsten wirkt es noch immer so, als würde er von manchen weiter leicht unterschätzt – sein Name fehlt oft, wenn es um die Podiumskandidaten geht: ein großer Fehler.
Prognose: Wenn die Form hält, klettert Buchmann auf den drei Alpenetappen noch an allen anderen Mitfavoriten bis auf Pinot vorbei und lässt Alaphilippe, Thomas, Bernal und Kruijswijk hinter sich: Platz zwei in Paris.

Wind droht, Allianzen locken

Noch sechs Etappen sind es nach dem Ruhetag bis nach Paris, und neben den schweren Steigungen lauern noch vor den Alpen echte Gefahren: Der Wind könnte auf dem Weg nach Osten noch einmal zum Faktor werden. Noch immer sind die Abstände aus der Windkanten-Etappe die größte zwischen den Favoriten - mehr Zeitabstand gab es weder in den Zeitfahren noch bei den Bergankünften bisher, egal wie lang oder steil sie waren...
WER GEWINNT DIE TOUR DE FRANCE 2019?
Spannend verspricht auch zu werden, welche Allianzen sich noch bilden: Movistar als stärkstes Team im Feld wird weiter versuchen, Mikel Landa nach vorne zu bringen, geschlagene Topfahrer wie Rigoberto Uran, Richie Porte oder Jakub Fuglsang könnten noch einmal alles auf eine Karte setzen und zu spontanen Verbündeten in entscheidenden Rennsituationen werden.
In jedem Fall wird die Tour-Schlusswoche 2019 nach Jahren des sterilen Sky-Schemas einen offenen Schlagabtausch bringen, der Spannung wie selten verspricht.

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