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Buchmann "saustark", Ineos schwächelt: Lehren der ersten Bergankunft

Buchmann "saustark", Ineos schwächelt: Lehren der ersten Bergankunft

12/07/2019 um 08:35Aktualisiert 12/07/2019 um 10:09

Die erste Bergankunft der Tour de France 2019 sorgte für mehr Klarheit bezüglich der Kräfteverhältnisse der Favoriten. Die Lehren aus der 6. Etappe sind aber vielschichtig. Denn mit etwas Abstand ist das Ergebnis weniger eindeutig mit Blick auf den Kampf ums Tour-Podium als vielleicht im ersten Augenblick gedacht: Etappe und Schlussanstieg waren keine Blaupause für die nächsten Bergetappen.

Buchmann "saustark" am Berg

Den ersten Härtetest am Berg bei der Tour de France 2019 hat Emanuel Buchmann ganz stark gemeistert. Platz acht mit nur sieben Sekunden Rückstand auf Geraint Thomas, aber vor den meisten anderen Favoriten aufs Tour-Podium, zeigt ganz klar: Die Form ist exzellent und das Selbstvertrauen wird weiter wachsen.

Buchmann selbst zeigte sich am Eurosport-Mikrofon "sehr zufrieden mit dem ersten Formtest" an einem Berg, der ihm "nicht wirklich liegt". Teamkollege Max Schachmann fasste die Leistung des Kletterer-Spezialisten griffiger zusammen: "Saustark!"

In dieser Verfassung ist der Bora-Kapitän mehr als nur ein Anwärter auf die Top Ten, wie er sogar selbst anklingen ließ.

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Thomas trumpft auf - aber Ineos schwächelt

Wer Zweifel an der Form des Titelverteidigers hatte (ja, ich auch), wurde eindrucksvoll aufgeklärt: Thomas drehte auf den letzten steilen Metern richtig auf und machte deutlich, dass der Weg zum Tour-Sieg 2019 nur über ihn führen wird.

Ja, die Abstände betrugen größtenteils nur wenige Sekunden - aber sie werden gerade psychologisch ihre Wirkung nicht verfehlen. Wer den Titelverteidiger für einen Wackelkandidaten hielt, der dürfte sich getäuscht haben - und auch die Kapitänsrolle bei Ineos ist vorerst zugunsten des besseren Zeitfahrers geklärt. Thomas ist der Punktsieger des ersten echten Kräftemessens - aber ein K.o. der Gegner sieht ganz anders aus.

Auffällig war nämlich auch, das Team Ineos alles andere als eine Demonstration der Stärke auf dieser ersten Bergetappe ablieferte. Nur Michael Kwiatkowski machte am Schlussanstieg kurzzeitig Tempo für Thomas und Egan Bernal, alle anderen Mannschaftskameraden waren da schon weit zurück. Dauphiné-Etappensieger Wout Poels etwa musste schon am vorletzten Berg die Segel streichen. Taktik oder Schwäche? Wir werden sehen. Eine alles dominierende Phalanx jedenfalls war Ineos auf dem Weg zur Planche des Belles Filles nicht.

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Steiler und länger - aber am Ende war's enger

Der sowieso schon schwere Anstieg an der Planche des Belles Filles war um einen Kilometer verlängert worden, der die maximale Prozentzahl nochmals auf 24% erhöhte und dazu nicht einmal asphaltiert war. Das Ergebnis? Die Top-Fahrer lagen insgesamt nicht weiter auseinander als bei den früheren Bergankünften dort, im Gegenteil: Von Referenzpunkt Thomas an gerechnet kamen nicht weniger als 21 Fahrer innerhalb einer Minute über die Ziellinie.

Im Jahr 2017 waren nur zwölf Anwärter auf die Gesamtwertung so nahe beieinander gewesen; 2014 und 2012 sogar nur zehn, die den Rückstand auf den stärksten der Favoriten auf maximal 60 Sekunden begrenzen konnten.

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Pinot lässt Frankreich weiter träumen

Auch wenn es mit dem ersehnten Heimsieg für Lokalmatador Thibaut Pinot nicht geklappt hat: Der Franzose beeindruckte mit einer weiteren Top-Vorstellung. Wie im Mannschaftszeitfahren mit seinem Team Groupama-FDJ und auch durch die Weinberge nach Epernay war er wieder ganz vorne mit dabei und liegt im Gesamtklassement keine zehn Sekunden hinter dem Ineos-Duo.

Der Sieger der Lombardei-Rundfahrt ist in dieser Form weiter voll auf Kurs zu seinem zweiten Tour-Podium nach 2014 - und die Franzosen können weiter vom ersten Sieger seit 1985 träumen.

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Giro als Mutmacher für Movistar und Nibali

Die Dreierspitze von Movistar gehörte auf den ersten Blick zu den Geschlagenen der ersten Schlacht, gerade weil weder die Tempoarbeit von Alejandro Valverde noch die Attacke von Mikel Landa gekrönt wurden. Am Ende aber verloren Nairo Quintana und Landa nur einige Sekunden auf Thomas und selbst Valverde kam trotz seiner Helferdienste nur 1:21 hinter dem Waliser an. Das Trio ist also alles andere als aus dem Rennen, die Mannschaft könnte Ineos ebenbürtig bis überlegen sein.

Der Giro hat Movistar eben erst gezeigt, wie man weitaus größere Rückstände noch drehen kann - und die Bergetappen nach ihrem Geschmack kommen erst noch: Die 6. Etappe war die Ausnahme unter den fünf Bergankünften dieser Tour: Der Schlussanstieg sehr steil, aber eher kurz und das Ziel lag nicht sehr noch - das wird gerade in den Alpen ganz anders werden, dort sind andere Qualitäten gefragt.

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Auch Nibali, 2014 auf dem Weg zu seinem Tour-Triumph noch Sieger an der Planche des Belles Filles, mag auf den ersten Blick geschlagen wirken. Aber 1:07 Minuten Rückstand auf Thomas sind angesichts der noch anstehenden extremen Schwierigkeiten kein Abstand, bei dem ein Fahrer mit der Erfahrung und Klasse des Italieners abzuschreiben wäre.

Nibali hat weder den Giro 2016 noch 2019 vergessen, wo die Gesamtwertung mal für, mal gegen ihn noch massiv in Bewegung kam.

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Heimliche Sieger und gefühlte Verlierer

Es hatte schon fast Züge von Slapstick, wie sich Romain Bardet über die Ziellinie dieser 6. Etappe mühte, nachdem ihn erst die Beine und dann die Kette im Stich ließen. Doch auch wenn nun über zwei Minuten Rückstand auf Thomas zu Buche stehen - ein Debakel sieht anders aus.

Ja, im Einzelzeitfahren wird der Rückstand nochmals wachsen, aber selbst für Bardet ist zumindest die unterste Stufe das Podiums noch nicht außerhalb jeder Reichweite. Er ist nun mehr denn je zu offensiver Fahrweise gezwungen, aber längst noch nicht aus dem Rennen. Zum Vergleich einfach mal bei Ilnur Zakarin, Rohan Dennis, Simon Yates oder Tejay van Garderen nachfragen...

Etliche Fahrer schlugen sich im Schatten der Hauptdarsteller sogar deutlich besser als erwartet. Richie Porte etwa hielt den Rückstand ebenso extrem in Grenzen wie der in Brüssel gestürzte Jakub Fuglsang.

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Das Duo von Education First, Rigoberto Uran und Michael Woods, blieb zwar in der Defensive - aber dennoch weiter in den Top Ten der Gesamtwertung mit weniger als 30 Sekunden Rückstand auf die Ineos-Kapitäne.

Schon die beiden Etappen durchs Zentralmassiv am Wochenende bieten echte Chancen, den Gegnern wieder mehr als nur auf den Zahn zu fühlen - und noch ist kein einziger der vielen über 2000m hohen Tour-Berge 2019 in Angriff genommen worden.

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