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"Das ist schon brutal!" Eurosport-Experte Migels über Favoriten und Strecke

"Das ist schon brutal!" Eurosport-Experte Migels über Favoriten und Strecke
Von Eurosport

03/07/2019 um 12:45Aktualisiert 16/07/2019 um 16:44

Tour de France 2019 - die große Vorschau zu den Favoriten auf das Gelbe Trikot und den deutschen Chancen in Frankreich mit Radsport-Experte Karsten Migels. Unser TV-Kommentator analysiert die Strecke, nennt seine heißen Kandidaten auf den Gesamtsieg und schätzt das neue Reglement zu den Bonussekunden ein. Außerdem verrät er seine persönlichen Erinnerungen an deutsche Träger des Gelben Trikots.

Das Interview führte Marian Kern

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Ansonsten sind es die üblichen Verdächtigen wie Nairo Quintana, der eine gewichtige Rolle bei der Tour spielen wird. Bei ihm hat man zuletzt allerdings immer mal wieder kleine Einbrüche bemerkt. Das ist für ihn sicherlich auch sehr schwierig. Vincenzo Nibali muss man darüber hinaus immer auf der Rechnung haben. Persönlich glaube ich, dass auch die Franzosen mit Thibaut Pinot und Romain Bardet sehr gut fahren werden.

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Ähnlich spannend wird es wohl dieses Jahr bei den Sprintern zugehen. Wer wird am Ende den Kampf ums Grüne Trikot für sich entscheiden?

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Michael Matthews ist zuletzt immer besser in Schwung gekommen. Bei ihm wird sich zeigen, ob er in der Lage ist diese Form noch zu verbessern und er könnte durch das Fehlen von Tom Dumoulin durchaus profitieren. Um am Ende ganz oben zu stehen, benötigt es über die gesamte Distanz der Tour de France eine konstante Form und die sehe ich aktuell besonders bei Sagan.

Karsten Migels: Was die Etappenerfolge angeht, sollte mit Maximilian Schachmann zu rechnen sein. Bei den anderen wird man schauen müssen, wie sie in das Rennen starten. Für André Greipel wird es wohl sehr schwer werden erneut zuzuschlagen und eine Etappe zu gewinnen. Nikias Arndt und Lennart Kämna sind im Team Sunweb dabei: Wenn es gut läuft profitieren die beiden vom Fehlen Dumoulins, da sie eine offene Rennsituation im Team vorfinden. Tony Martin wird auch am Start sein. Allerdings glaube ich nicht, dass er groß in Erscheinung treten wird. Desweiteren werden sich die Zuschauer wohl auf Nils Politt, Marcus Burghardt und Emanuel Buchmann freuen dürfen.

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Im Kontext der Tour de France wird häufig auch von der Tour der Leiden gesprochen. Was macht sie aus, auf was müssen sich die Fahrer während der 21 Etappen einstellen?

Karsten Migels: Zum einen ist es drei Wochen lang knallharter Sport im Hochsommer. Zum anderen bedeutet Tour de France nicht nur Radrennen zu fahren, sondern auch jeden Tag absolut konzentriert zu sein. Wie bei keinem anderen Radsportevent kommt ein Zuschaueransturm hinzu, den du jede Minute im Auge behalten musst. Weiterhin muss die Mannschaft versorgt werden und man wird mit Stress zwischen den Anfahrten zwischen den einzelnen Etappenorten konfrontiert. Zusätzlich ist das Medieninteresse um ein Vielfaches höher. Bei der Tour de France ist einfach alles ein bis zwei Nummern größer als bei allen anderen Radrennen. Wer nicht in der Lage ist diesen Stress zu verarbeiten, übersteht auch die drei Wochen nicht.

Mit insgesamt fünf Bergankünften, davon drei in über 2000 Metern Höhe, ist das Streckenprofil der diesjährigen Tour recht anspruchsvoll gewählt. Wie fällt dein Fazit zur Streckenführung aus?

Karsten Migels: Wenn man sich die Etappen anschaut, finde ich es persönlich toll, dass man wieder in Richtung der deutschen Grenze fährt. Darüber hinaus sind direkt zu Beginn der Tour einige schwere Etappen dabei, die man nicht unterschätzen darf. Ansonsten hat man das Gefühl, dass es nur hoch und runter geht, egal in welcher Region die Etappen stattfinden. Das ist schon brutal. Gerade zum Ende wird die letzte Woche, ähnlich wie beim diesjährigen Giro d’Italia, noch einmal sehr schwer werden. Wer es nicht schafft noch eine Schippe draufzulegen, hat schlechte Karten in der Gesamtwertung vorne mit dabei zu sein.

Karsten Migels: Ich finde diese Regeländerung gut. Man muss sich einfach mal überlegen, was man tun kann, um gerade die Tour de France Etappen interessanter zu gestalten. Wir wissen, dass die erste Woche der Tour in der Regel den Sprintern vorbehalten ist. Da sind auch ehrlich gesagt einige langweiligere Etappen dabei. Wenn man jetzt versucht, gerade bei den schwierigeren Etappen Zeitbonifikationen zu verteilen, könnte es sicherlich sehr interessant werden. Es hängt natürlich auch damit zusammen, wie die Gesamtwertung zu diesem Zeitpunkt aussieht und ob die richtigen Fahrer bereits vorne platziert sind.

Die Radsportler sitzen während der Tour über 3400 km im Sattel. Gibt es eine spezielle Vorbereitung auf die Tour, die sich zu den Starts der anderen Grand Touren unterscheidet?

Karsten Migels: Was sich mittlerweile etabliert, hat sind die Höhentrainingslager, die viele Mannschaften in Vorbereitung auf die großen Radrennen besuchen und dabei einen großen Wert auf ein gemeinsames Training legen. Eine spezielle Vorbereitung, die sich zum Giro oder zur Vuelta unterscheidet gibt es darüber hinaus allerdings nicht. Hier variiert lediglich der Zeitpunkt der Vorbereitung, jeweils angepasst an die Witterungsbedingungen.

Tour de France: Kommentator Karsten Migels | Eurosport

Tour de France: Kommentator Karsten Migels | EurosportGetty Images

Die Tour startet in diesem Jahr zum fünften Mal in Brüssel. Gewidmet ist der 23. Auslandsstart der Radsport-Legende Eddy Merckx, der vor 50 Jahren erstmals die Tour de France gewinnen konnte. Gibt es etwas Besonderes, das du mit Eddy Merckx verbindest? Seid ihr euch schon einmal begegnet?

Karsten Migels: Wir sind uns schon öfter begegnet. Eddy ist einfach eine wahnsinnige Persönlichkeit mit einer enormen Aura. Meine ersten Erinnerungen mit Eddy Merckx verbinde ich mit der Tour de France von 1977 in Freiburg und dem Sechstagerennen in Zürich 1978 als er mit Patrick Sercu dort unterwegs war. Natürlich sind es auch die ganzen Geschichten, die es rund um die Tour de France von ihm gibt.

In der Art und Weise wie Eddy Merckx seine Rennen bestritten hat, war er einfach der Größte und wird es wahrscheinlich auch ewig bleiben. Auch weil die Rennen in der heutigen Zeit auf einer ganz anderen Ebene gefahren werden als zu seiner Zeit. Die Radsportler sind nicht mehr über das ganze Jahr hinweg auf ein und dem selben Niveau. Heute sucht man sich über das Jahr hinweg verschiedene Highlights aus, zu denen man topfit sein möchte.

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In diesem Jahr feiert die Tour das 100-jährige Bestehen des Gelben Trikots. Gibt es für dich einen Fahrer bzw. eine besondere Erinnerung, die du mit dem Trikot verbindest?

Karsten Migels: Meine Erinnerungen sind natürlich auch mit vielen deutschen Fahrern verknüpft. Angefangen mit Didi Thurau, Klaus-Peter Thaler und Karl-Heinz Kunde sind beispielsweise Sportler, die ich durch meinen Beruf auch kennengelernt habe und zu denen ich ein persönliches Verhältnis aufgebaut habe. Das ist schon etwas ganz Besonderes.

Darüber hinaus ist das Gelbe Trikot neben dem Regenbogentrikot das wichtigste und bekannteste Trikot im Radsport.

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Wie sieht dein Tour-Alltag aus, wenn du tagtäglich vom prestigeträchtigsten Radrennen der Welt berichtest?

Karsten Migels: Dadurch, dass wir sehr viel kommentieren sind wir natürlich immer up to date. Dennoch bin ich seit zwei Wochen bereits damit beschäftigt, mich spezifisch auf die Tour de France vorzubereiten. Während der Tour stehen wir gegen sieben oder halb acht auf, fahren anschließend in den Zielbereich und fangen auch schon an zu kommentieren. Daher werden wir relativ frühzeitig in unserer Kommentatorenkabine sitzen. Anschließend geht es auch direkt weiter ins nächste Hotel. In diesen dreieinhalb Wochen stehen wir fast durchgängig unter Strom, da man sich rund um die Uhr mit Radsport beschäftigt.

Der heutige Informationsfluss – gerade auch durch Social Media – ist so groß, dass es für uns schon eine enorme Herausforderung ist, diese ganzen Informationen entsprechend zu filtern. Daher ist es schon sehr stressig während der Tour. Allerdings sprechen wir hier zumeist von positivem Stress. Für mich ist es auch nicht mein Beruf, den ich hier ausübe, sondern mein Hobby. Dass ich die Tour de France begleiten darf, ist für mich etwas ganz Besonderes und immer wieder ein absolutes Highlight.

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