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"Buchmann und Schachmann als Trümpfe": Die Tour-Vorschau von Leclercq

"Buchmann und Schachmann als Trümpfe": Die Tour-Vorschau von Leclercq
Von Eurosport

04/07/2019 um 10:39Aktualisiert 16/07/2019 um 16:37

Tour de France 2019 | Favoriten und deutschen Hoffnungsträger, Streckenführung und neues Reglement: Eurosport-Experte Jean-Claude Leclercq mit seiner Analyse vor dem Start der Frankreich-Rundfahrt in Brüssel. Der TV-Kommentator und einstige Tour-Profi blickt auch zurück auf seine persönlichen Erinnerungen an Eddy Merckx, das Gelbe Trikot im eigenen Team und einen Leidensweg nach Alpe d'Huez.

Das Interview führte Marian Kern

Daneben kann sich der Sieger der Dauphiné, Jakob Fuglsang, berechtigte Hoffnungen auf einen Podestplatz machen. Die beiden Franzosen Thibaut Pinot und und Romain Bardet sind ebenfalls beide podestverdächtig. Daneben gehört Steven Kruijswijk für mich nicht zu den absoluten Favoriten. Außerdem ist die Konstellation im Team Movistar ist sehr interessant - mit Nairo Quintana, Mikel Landa und Weltmeister Alejandro Valverde.

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Wem traust du aus dem Kreis der deutschen Fahrer einen Etappenerfolg zu?

Leclercq: Vor allem Emanuel Buchmann und Maximilian Schachmann sind die deutschen Trumpfkarten für Etappenerfolge. Nils Politt ist ebenfalls ein Kandidat für einen Etappensieg. Innerhalb der Teamstruktur von Katusha-Alpecin wird er sich nicht hinten anstellen müssen. Daher ist ihm bei der Tour einiges zuzutrauen.

Bei Tony Martin kann ich mir vorstellen, dass er beim Zeitfahren ein Glanzlicht setzen kann. Ob André Greipel in den Sprints noch einmal so zuschlagen kann, wie er es früher getan hat, werden wir sehen.

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Was macht die Tour im Vergleich zu anderen Rennen aus?

Leclercq: Es ist das Rennen mit dem größten Mediendruck. Die Fahrer müssen sich auf einen wahnsinnigen medialen Rummel einstellen, der bei dem Giro d’Italia und der Vuelta weniger zum Tragen kommt. Daneben sind die Fahrer den Hitzewellen des Sommers ausgesetzt. Kaum ein Fahrer versucht während der Tour Risiko zu gehen. Das ist eventuell auch der Tatsache geschuldet, dass die Tour das größte Radrennen der Welt ist und niemand Fehler machen will.

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Wie beurteilst du die Streckenführung der Tour de France 2019?

Leclercq: Für Zeitfahrspezialisten ist bei der diesjährigen Tour recht wenig zu holen. Direkt zu Beginn steht zwar ein Mannschaftszeitfahren an, was bedeutet, dass man schon ein schlagkräftiges Team um sich herum aufbauen muss, um nicht direkt in einen zeitlichen Rückstand zu gelangen. Darüber hinaus gibt es lediglich ein weiteres Einzelzeitfahren. Hier profitieren natürlich die Fahrer, die ihre Stärken nicht in dieser Disziplin sehen und somit nicht in einen zu großen zeitlichen Rückstand geraten.

Generell ist das Strickmuster der Tour aber das Gleiche geblieben. Man versucht die finale Entscheidung so spät wie möglich herauszuzögern. Daher werden es die Alpenetappen sein, die am Schluss den Unterschied ausmachen werden. Dennoch würde es der Tour auch mal gut tun, wenn ein oder mehrere Teams bereits im Laufe der Rundfahrt schon mit offenen Karten spielen würde und die Entscheidung nicht erst auf das Ende vertagt.

An acht ausgewählten Bergwertungen werden darüber hinaus Bonus-Sekunden verteilt, welche die Fahrer bei Attacken an Schlüsselstellen des Kurses weiter belohnen sollen. Wie stehst du zu dieser Regeländerung?

Gab es zu deiner Zeit als Profi eine spezielle Vorbereitung auf die Tour, die sich zu deinen Starts bei anderen Rundfahrten unterschieden hat?

Leclercq: Zu meiner Zeit gab es nur ganz wenige Rennfahrer, die sich ausschließlich auf die Tour vorbereitet haben. Die meisten sind die Klassiker gefahren, danach kam der Giro und anschließend die Tour de France. Zu dieser Zeit gab es obendrein noch keine World Tour. Die Auswahl der Fahrer innerhalb der Mannschaften fiel auf den Ende Mai bzw. Anfang Juni. Da musstest du einfach in den besten 16 Mannschaften sein, ansonsten konntest du nicht an der Tour teilnehmen.

Ebenfalls gab es nicht die Möglichkeit, Rennen auszulassen, um bei der Tour de France deine beste Form aufweisen zu können. Alle Rennen die man gefahren ist, waren vollwertige Rennen. Daher fiel eine spezielle Vorbereitung eher aus.

Tour de France: Kommentator Jean-Claude Leclercq | Eurosport

Tour de France: Kommentator Jean-Claude Leclercq | EurosportGetty Images

Was sind deiner Meinung die wichtigsten Unterschiede, die du seit deiner Zeit bei der Tour beobachtest?

Leclercq: Es gibt schon gewisse Details, die sich zu den heutigen Ausgaben verändert haben. Die längste Tour, die ich jemals gefahren bin war allein rund 4.300 km lang und damit knapp 1.000 km länger als die diesjährige Rundfahrt. Darüber hinaus gab es fast keinen Transfer zwischen den einzelnen Startpunkten. Die Rennen wurden meist dort begonnen, wo sie Tags zuvor geendet hatten.

Auch mussten wir unsere Wäsche selber waschen nachdem die Etappen gefahren waren. Des Öfteren wurden auch zwei Etappen an einem Tag ausgetragen. Angefangen mit einer halben Etappe, die maximal eine Länge von 120km aufwies und am Nachmittag mit einem Mannschaftszeitfahren von 80km komplettiert wurde. Allein zwischen den Etappen musstest du bereits deine Rennausrüstung gewaschen haben. Wenn es darüber hinaus regnete, wurde es noch aufwendiger.

Tour de France 1985 - das Peloton um Bernard Hinault

Tour de France 1985 - das Peloton um Bernard HinaultGetty Images

Die Tour startet in diesem Jahr zum fünften Mal in Brüssel. Gewidmet ist der Start der Radsport-Legende Eddy Merckx, der vor 50 Jahren erstmals die Tour de France gewinnen konnte. Gibt es etwas Besonderes, das du mit Eddy Merckx verbindest?

Leclercq: Für mich ist Eddy Merckx die Verkörperung des Radsports. Er ist ein einmaliger Champion und die Leuchtgestalt in unserem Sport. In meiner Jugend war er das Maß aller Dinge und hat meine Kindheit geprägt. Zu dieser Zeit durfte ich an einem Abend nicht die Zusammenfassung der Tour de France schauen, weil ich etwas angestellt hatte. Das war für mich damals die größte Strafe. Meine Leidenschaft für das Rennradfahren ist sicherlich auch durch Eddy Merckx entstanden. Später habe ich dann auch regelmäßig Kontakt zu ihm gehabt. Wie er damals zu uns jüngeren Radsportlern gesprochen hat, war schon ein großes Erlebnis.

In diesem Jahr feiert die Tour das 100-jährige Bestehen des Gelben Trikots. Gibt es für dich einen Fahrer bzw. eine besondere Erinnerung, die du mit dem Trikot verbindest?

Leclercq: Eine spezielle Situation war die Übernahme des Gelben Trikots durch meinen Mannschaftskollegen Steve Bauer bei der Tour von 1988. Das Trikot in der Mannschaft zu haben war auf jeden Fall ein besonderer Moment für mich.

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Was sind deine prägendsten Erinnerungen, wenn du an die Tour de France als Aktiver zurückdenkst?

Leclercq: Besonders prägend war eine Etappe, die damals von Briançon nach Alp d’Huez führte. Ich wurde recht früh vom Hauptfeld distanziert und musste mich allein über die gesamten Berge quälen. Letzten Endes bin ich dreißig Sekunden vor Kontrollschluss im Ziel angekommen.

Über die gesamte Strecke hinweg hatte ich ein Polizei-Motorrad neben mir, dem die aktuellen Ereignisse von der Spitze des Feldes via Funk durchgegeben wurden. Ich musste kopfrechnen, ob es für mich überhaupt noch reichte, ins Ziel zu kommen. Es ist keine schöne Erinnerung aber hat mich über die Jahre schon geprägt.

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