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Tour-Geschichte(n): Starts in Deutschland, Sprinter im Bergtrikot, "Spätstart" mit Folgen

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Die Tour de France in West-Berlin 1987

Fotocredit: Getty Images

VonAndreas Schulz
01/07/2020 Am 10:18 | Update 01/07/2020 Am 10:19
@euroschulle

Die Geschichte der Tour de France steckt voller Highlights, Dramen, Tiefpunkte: Wir blicken in unserer täglichen Serie zurück auf besondere Momente, die sich am 1. Juli jähren - und auf spezielle Tour-Höhepunkte aus deutscher Sicht. Heute u.a. mit Marcel Wüst, Jacky Durand, Jan Ullrich, Pedro Delgado, Hennes Junkermann und dem Tour-Starts in Berlin und Düsseldorf.

Der 1. Juli - kein Tour-Tag wie jeder andere:

Nach langer Pause ist 2017 die Tour wieder zu Gast in Deutschland, und das gleich mit dem Grand Départ: Trotz Dauerregens ist die Stimmung prächtig, Menschenmassen säumen den Zeitfahrkurs und hoffen auf Tony Martin, der beim Heimspiel noch einmal das Gelbe Trikot erobern will.

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Am Ende fehlen aber acht Sekunden, Martin ist "unendlich enttäuscht" und das maillot jaune trägt Geraint Thomas, in dem kaum einer den Tour-Sieger des nächsten Jahres sieht. Vorbei ist das Rennen da schon für Alejandro Valverde, ein schwerer Sturz bringt ihn um alle Chancen. Kurzzeitig droht gar das Karriereende - dass er 2018 Weltmeister werden würde, glaubt an diesem 1. Juli 2017 wohl niemand.

Tony Martin (Katusha-Alpecin) - Tour de France 2017, Düsseldorf

Fotocredit: Getty Images

Zum 750. Geburtstag lädt sich 1987 Berlin die Tour de France als Ehrengast ein. West-Berlin wohlgemerkt, die DDR-Staatsführung ist wenig begeistert und untersagt die Durchfahrt, eine Luftbrücke ist erforderlich. Die Begeisterung an der Strecke ist trotzdem groß, Eberhard Diepgen eröffnet als Bürgermeister gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Jacques Chirac die Tour. Den Prolog am 1. Juli 1987 wird gewonnen vom Niederländer Jelle Nijdam, mit acht Sekunden Rückstand wird Didi Thurau Sechster.

Zur 2000er-Tour passt der Startort Futuroscope natürlich prächtig. Dort wo, sich zehn Jahre zuvor die ersten "Ostblock-Asse" den Fans präsentierten, sorgen am 1. Juli 2000 aber ein spätberufener Rheinländer und ein schlaksiger Globetrotter für Aufsehen - und ungewohnte Farbenspiele:

David Millar lässt im Zeitfahren über 16,5km völlig überraschend alle Favoriten hinter sich und rast zu Gelb - Lance Armstrong muss das ungewohnte Grüne Trikot übernehmen. Millar versichert übrigens, diesen Sieg sauber geholt zu haben, erst später wurde er zum Doper, dann Aufklärer und Mahner.

Und dann ist da ja noch der kräftige Kerl mit dem breiten Grinsen, dessen Statur so gar nicht einer Bergziege entspricht: Marcel Wüst stellt bei seiner erst zweiten Tour seine Klasse und Cleverness unter Beweis und holt sich als Sprinter das Bergtrikot: Den einzigen Anstieg auf der Strecke, der separat herausgestoppt wird, knallt er mit aller Kraft hinauf - Belohnung sind einige Tage im "maillot à pois".

Dass er in jenem Sondertrikot wenige Tage später einen noch größeren Erfolg feiert, wird in unserer Serie dann noch Thema sein.

Wüst, Millar und Armstrong in ungewohnten Farben

Fotocredit: Eurosport

Für Schlagzeilen sorgt an einem 1. Juli auch Jan Ullrich, obwohl damals im Jahr 2005 das Rennen noch gar nicht begonnen hat. Bei einer Trainingsfahrt für den Zeitfahr-Auftakt muss Mario Kummer im Teamfahrzeug vor ihm plötzlich in einem Kreisverkehr abrupt bremsen - Ullrich kracht auf die Heckscheibe, die unter dem Aufprall nicht standhält. Glück im Unglück: Es blieb bei einer Schnittverletzung am Hals, bei der Teampräsentation kann der Mitfavorit schon wieder lächeln.

Tags darauf beim Kampf gegen die Uhr wird das anders aussehen, dazu kommen wir morgen...

Tour 2005: Ullrich von Crash gezeichnet

Fotocredit: Imago

Von den vielen Prologen, die an einem 1. Juli ausgetragen wurden, sind zwei besonders herauszuheben. Die Geschichte aus dem Jahr 1989 gehört zu den besten der Tour-Historie, auch wenn sich Pedro Delgado vielleicht noch immer über sich ärgert. Der umstrittene Vorjahressieger verplaudert sich im Luxemburg beim Auftakt - als er starten soll, legte nur die Uhr los, vom Spanier war nix zu sehen. Es dauert quälend lange, bis Delgado gefunden und auf die Strecke geschickt wird – so verliert er auf den knapp acht Kilometern 2:48 Minuten auf den späteren Gesamtsieger.

Die Geschichte der dramatischen Tour 1989 hätte durchaus ganz anders verlaufen können, denn in Paris war er hinter LeMond und Fingnon Dritter, mit nur 3:34 Minuten Rückstand.

Laurent Fignon, Greg LeMond, Pedro Delgado - Tour de France 1989

Fotocredit: Getty Images

Dass man einfach nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein muss, beweist auch der Prolog 1995. Am 1. Juli zeigt sich das Wetter in der Bretagne von seiner eher variablen Seite, sehr zur Freude von Jacky Durand. Früh geht der Franzose in Saint-Brieuc auf die 7,3km, stellt eine Bestzeit auf - und wartet dann ab. Schließlich sind die Favoriten erst viel später an der Reihe. Doch es beginnt erst zu regnen, dann zu schütten.

Es bleiben für die Asse also nur zwei Optionen: Angezogene Handbremse - wie bei Indurain und Co. - oder volles Risiko. Dafür entscheidet sich Topfavorit Chris Boardman, denn der Prolog ist das wichtigste Rennen des Jahres für den Engländer. Inzwischen entwickelt sich das Wetter so übel, dass es stockdunkel ist, im fahlen Licht seines Begleitfahrzeuges geschieht es dann: Auf einer Abfahrt stürzt der Top-Favorit - und Durand bekommt Gelb.

Jacky Durand in Gelb - Tour 1995

Fotocredit: Getty Images

Wenn am 1. Juli kein Prolog ausgetragen wurde, dann war die Tour in den letzten Jahrzehnten zu diesem Zeitpunkt zumindest immer noch im absoluten Anfangsstadium. So auch 1990, als es auf der 1. Etappe über nicht einmal 140 Kilometer rund ums Futuroscope geht. Die Berge sind noch weit, vor dem Mannschaftszeitfahren am nächsten Tag will keiner der Favoriten unnötig Kräfte vergeuden oder sein Team in die Tempoarbeit schicken. Also lässt man die vier Ausreißer ziehen, die sich früh auf den Weg machen.

Ein fataler Fehler. Denn das Quartett hat plötzlich riesigen Vorsprung - und als das Feld endlich reagiert, ist es zu spät. Maasen gewinnt die Etappe vor Pensec (Bild unten), der Kanadier Bauer übernimmt Gelb, aber das beste Geschäft macht Claudio Chiappucci. Im Italiener sah man nach seiner eher durchschnittlichen Tour des Vorjahres keine Gefahr, doch am Ende wird er in Paris Zweiter, auch dank der am 1. Juli herausgefahrenen 10:35 Minuten. Erst am vorletzten Tag entreißt ihm LeMond im Zeitfahren noch das "maillot jaune".

  • Die größten Ausreißer-Geschichten der Tour

Tour 1990: Maassen und Pensec

Fotocredit: Imago

Ein ähnlicher Coup spielt sich 1960 ab - und da sorgt der 1. Juli tatsächlich für eine Vorentscheidung der Tour. Es ist eine besondere Austragung aus deutscher Sicht, denn zum ersten Mal nach dem Krieg steht wieder eine deutsche Nationalmannschaft am Start. Und einer ihrer Fahrer, der 26-Jährige Rheinländer Hennes Junkermann, zieht auf der 6. Etappe mit drei Begleitern davon. Auf dem nicht besonders anspruchsvollen Teilstück nach Lorient holt das Quartett über zehn Minuten gegen das Feld heraus. Der Sieger der Tour wird aus dem Kreis jener vier mutigen Angreifer kommen.

So ist es dann auch - der Italiener Gastone Nencini siegt in Paris, Junkermann (Bild unten) wird bei seiner Tour-Premiere glänzender Vierter.

Dazwischen aber sollte sich noch eines der größten Dramen des Geschichte abspielen: Denn der Tagessieger jenes 1. Juli, der Franzose Roger Rivière, stürzte später schwer. Doch dazu dann am 10. Juli.

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