Als etwa zur Mitte der 207 Kilometer langen High-Speed-Etappe – am Ende stand eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 47 km/h auf dem Tacho – die 15 Verfolger zum Quintett an der Spitze aufschlossen, tat das den schon deutlich länger vorne im Wind fahrenden, ursprünglichen Ausreißern weh.
"Ich habe gehofft, dass die genauso tot sind, wie wir", lachte Jonas Rutsch (EF Education – Nippo) nach dem Rennen. Der Odenwälder war genau wie Georg Zimmermann (Intermarché – Wanty – Gobert) schon früh im Rennen ausgerissen und hatte dadurch automatisch einen Nachteil gegenüber denen, die deutlich später und mit viel mehr Begleitern nach vorne kamen – 15 Mann um Nils Politt (Bora – hansgrohe) und Max Walscheid (Qhubeka – NextHash).
Doch am Ende gewann trotzdem einer, der von Anfang an mit dabei gewesen war: Matej Mohoric, bei dessen Team Bahrain Victorious am Mittwochabend die Polizei im Hotel vorbeigeschaut hatte, um den Teambus wegen Dopingverdachts zu durchsuchen und Dateien zu beschlagnahmen. Der Auftritt des Slowenen auf dem Weg nach Libourne beeindruckte die Konkurrenz - und ließ sie teilweise sprachlos zurück.
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25 Kilometer vor Schluss hatte er sich von der Gruppe abgesetzt, um dann mit schwerer Übersetzung – 55 Zähne vorne – und entsprechend langsamer Kadenz dem Sieg entgegen zu pedalieren.

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"Von ihm bin ich ziemlich beeindruckt, weil er ja schon in der ersten Gruppe war und da schon einige Kräfte verbraucht hat", sagte Walscheid später. Der Heidelberger gehörte zu den später hinzugestoßenen Fahrern, hatte 37 Kilometer vor dem Ziel an einem Hügel aber trotzdem nicht mehr folgen können und wurde schließlich in einer Gruppe mit Rutsch 2:37 Minuten hinter dem Sieger Zwölfter.
Etwas süffisanter kommentierte Rutsch die Leistung des Slowenen. Der 23-Jährige, der die erste Fluchtgruppe des Tages mitinitiiert hatte und dann knapp 30 Kilometer vor Schluss einer von mehreren Tempoverschärfungen durch Politt zum Opfer fiel, sagte angesichts der Tatsache, dass Mohoric gewann, obwohl er zum Ursprungs-Quintett der Etappe gehörte: "Die sind zu uns vorgefahren und waren dann am Ende vielleicht ein bisschen frischer als wir - außer der Herr Mohoric, der war heute wieder taufrisch."

Zimmermann: "Ich bin hier kein Statist"

Neben Mohoric konnte aber auch ein anderer Fahrer aus dem Quintett vom Etappenbeginn auf den letzten 30 Kilometern vorne noch mithalten: Zimmermann. Der Tour-Debütant wurde am Ende 1:08 Minuten hinter Mohoric Achter und fuhr bis drei Kilometer vor Schluss sogar noch um Rang zwei mit. "Ob ich Zwölfter, Achter, Siebter oder Neunter werde, ist mir zwar nicht egal - aber wichtiger für mich ist das Selbstbewusstsein, dass ich bei der Tour vorn mithalten und Akzente setzen kann. Ich bin hier kein Statist, sondern kann richtig dagegenhalten", befand der 23-Jährige.
Besser als er schlug sich nur noch Politt, der Etappensieger von Nîmes. Der Bora – hansgrohe-Profi gehörte zu jenen, die 100 Kilometer vor dem Ziel mit 15 Mann nach vorne aufschlossen und hatte diese Gruppe nach dem Zwischensprint initiiert. Am Ende war er offensichtlich der Einzige, der Mohoric im Eins-gegen-Eins vielleicht noch das Wasser hätte reichen können.
Politt attackierte an den Hügeln zwischen Kilometer 40 und 10 vor Ziel mehrmals und sorgte so auch dafür, dass die Gruppe ausgedünnt wurde. Doch dem 27-Jährigen klebte immer jemand am Hinterrad. Nie aber wollte jemand mit ihm zusammenarbeiten, so dass Politt seine Versuche stets kopfschüttelnd aufgab.

Politt: "Habe es Mohoric perfekt vorbereitet"

"Ich habe es eigentlich an jeder Welle mit einer Attacke probiert. Aber sie sind immer wieder an mein Rad gefahren und nicht weitergefahren", haderte Politt. "Ich denke, jeder weiß, wie stark ich drauf bin und viele Sportliche Leiter werden gesagt haben: Fahr am Rad von Nils!"
Als dann 27 Kilometer vor Schluss Politt wieder eine seiner Tempoverschärfungen fuhr, hätte er Mohoric sogar beinahe geknackt. "Da war ich am Limit und wäre beinahe explodiert. Aber ich wusste, dass das der entscheidende Moment sein würde und habe mir gesagt: Vollgas – entweder Du platzt, oder es klappt", erzählte der Slowene später zu dem Moment, als er sich 26 Kilometer vor dem Ziel von der Konkurrenz löste und zum Solo ansetzte.
"Eigentlich habe ich Mohoric perfekt die Etappe vorbereitet", sagte Politt. "Und dann schleicht er so weg. Da war es nicht an mir, nachzufahren, sondern an den Teams, die vorne zu zweit vertreten waren. Aber es war ein harter Tag und am Ende war jeder tot."
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