285 Kilometer, quälende sieben Stunden im Sattel, dazu vermutlich Regen und kühle Temperaturen. Die Aufgabe in der britischen Grafschaft Yorkshire wird wohl nur etwas für unverwüstliche Typen und eher ein Ausscheidungsrennen. "Es wird ziemlich, ziemlich hart wie ein Frühjahrsklassiker am Ende der Saison und es soll richtiges Klassikerwetter geben", sagt Politt. "Es kann grausam werden", meint Teamchef Jens Zemke.

Als Plus für das achtköpfige Team des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) könnte sich erweisen, dass doch ein paar richtig zähe Kerle in dieser Mannschaft stecken. Ob Politt oder Degenkolb, Nikias Arndt oder Routinier Marcus Burghardt - sie kennen alle Bedingungen am Rande des Erträglichen. "Uns würde das schlechte Wetter in die Karten spielen", glaubt Degenkolb.

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Sich gegen die enorm starken Belgier um Ex-Weltmeister Philippe Gilbert und Wunderkind Remco Evenepoel zu behaupten, die Niederländer um Top-Favorit und Alleskönner Mathieu van der Poel, die Franzosen mit Tour-de-France-Liebling Julian Alaphilippe, den spanischen Titelverteidiger Alejandor Valverde oder den Slowaken Peter Sagan, wird aber ohnehin ein beinahe unlösbares Unterfangen.

Teamstärke und Cleverness sind gefragt

Der Schlüssel zum Erfolg für die deutsche Equipe liegt in der Geschlossenheit und taktischen Cleverness. "Es gibt keinen Kapitän, es ist eine starke, homogene Mannschaft, daraus müssen wir Profit schlagen", sagt Zemke. Was dies bedeutet, skizziert Politt: "Wir müssen bei den Attacken dabei sein, in jeder wichtigen Gruppe sitzen." Für Degenkolb heißt das, gedanklich "am besten immer einen Schritt voraus sein".

In der Region Yorkshire kommen auch positive Erinnerungen hoch. Auf derselben Zielgeraden wie am Sonntag in Harrogate sprintete Marcel Kittel, der als ZDF-Experte vor Ort sein wird, beim Tour-Auftakt 2014 ins Gelbe Trikot. Und trotz des schlechten Wetters dürfte die Atmosphäre ähnliche Dimensionen erreichen wie damals. "Das war bombastisch und ich glaube, es wird wieder megageil", sagt Degenkolb.

Marcel Kittel bekam das Gelbe Trikot von königlicher Prominenz überreicht

Fotocredit: Getty Images

Und wenn das unwahrscheinliche Sprintszenario doch eintritt? Dann ist die Endschnelligkeit von Ackermann gefragt. Zemke hält ihn "für die einzige Möglichkeit, Weltmeister zu werden." Der aufstrebende Pfälzer soll sich im Feld verstecken, solange es geht und darauf lauern, dass vielleicht doch eine größere Gruppe nach dem Rundkurs in Harrogate auf die Parliament Street einbiegt.

"Vielleicht geht's ja in einem Feld noch um Platz drei", fügt Zemke an - und allein das wäre ein toller Erfolg. "Jeder ist happy, wenn einer unter die Top 10 fährt", sagt Politt, "das Podium wäre natürlich Weltklasse." Das Warten auf den ersten deutschen Profi-Straßenweltmeister seit Rudi Altig dürfte allerdings auch nach 53 Jahren weitergehen.

(SID)

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