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Neureuther nach Rücktritt: "Spüre erstmals im Leben keinen Druck mehr"

Neureuther nach Rücktritt: "Spüre erstmals im Leben keinen Druck mehr"
Von SID

17/03/2019 um 16:33Aktualisiert 17/03/2019 um 16:37

Skirennläufer Felix Neureuther hat am Samstag nach 16 Jahren im Weltcup seinen Rücktritt erklärt, am Sonntag stand er beim Slalom in Soldeu/Andorra zum letzten Mal am Start. Im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) ist der 34-Jährige bester Laune, lacht viel. Erleichtert und zugleich nachdenklich spricht er über seine Entscheidung und das, was jetzt kommt.

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Felix Neureuther, ursprünglich wollten Sie sich nach dem Weltcup-Finale in Andorra ein wenig Zeit lassen, um über ihre Zukunft nachzudenken. Warum ist die Entscheidung über Ihren Rücktritt nun doch schon gefallen?

Felix Neureuther: So eine Entscheidung fällt ja nicht von heute auf morgen. Das war ein Prozess, der schon etwas länger gedauert hat. Aber letzten Sonntag in Kranjska Gora hat mir dann wieder das Knie gezwickt, da hab ich mir gedacht: Was ist denn jetzt schon wieder, das gibt's doch gar nicht. Ich bin total müde und kaputt daheim angekommen ... und dann ist meine Kleine auf mich zugekommen, und da wusste ich: Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mal mein Leben in den Griff bekomme.

Also doch eher eine spontane Entscheidung?

Neureuther: Nein, nein. Die Zweifel waren ja schon vorher da. Ich habe trotzdem immer weiter gekämpft, auch bei der WM, auch letzte Woche in Kranjska Gora. Aber irgendwann geht's halt dann einfach nicht mehr. Mein Körper war nicht mehr bereit dafür, dass ich weiterkämpfe.

Wie geht's Ihnen mit der Entscheidung?

Neureuther: Ich bin total happy. Das erste Mal in meinem Leben habe ich keinen Druck mehr. Es ist eine Befreiung, eine große Erlösung. Es war schon echt hart in letzter Zeit, aber es war auch schön, nochmal die letzten Rennen zu fahren, vor allem, wenn ich da an Schladming denke, oder an Kitzbühel oder jetzt auch an Kranjska Gora (Anm.: Dort bestritt Neureuther im Januar 2003 sein erstes Weltcup-Rennen).

Sportdirektor Wolfgang Maier und Cheftrainer Mathias Berthold sagten, Sie hätten nach wie vor das Potenzial fürs Podest und sogar Siege. Haben Sie das anders gesehen?

Neureuther: Nein, der Meinung vom Wolfi und vom Mathias bin ich schon auch. Aber dafür wäre wahnsinnig viel Aufwand nötig gewesen. Und ich bin nicht mehr bereit und einfach auch körperlich nicht mehr in der Lage, den zu betreiben. Ich hab ja noch ein hoffentlich langes Leben vor mir, ich will ja irgendwann noch mal auf den Berg steigen oder Radl fahren.

Salopp gesagt: Sie hatten die Schnauze voll, sich auch nach den vielen Verletzungen immer wieder in Form quälen zu müssen?

Neureuther: (lacht) Definitiv. So kann man das sagen.

Bei der WM in Are haben Sie gesagt, im Verband müsse sich etwas ändern, sonst würden Sie aufhören. Worum ging es da?

Neureuther: Mir haben ein paar Dinge nicht gefallen, aber die habe ich intern angesprochen. Und dabei wird es auch bleiben. Mit meiner Entscheidung hat das aber null komma null zu tun. Ich bin dem Verband unendlich dankbar. Da haben sich unendlich viele Leute jahrelang den Arsch für mich aufgerissen.

Einer wie Sportdirektor Maier hat sehr emotional auf Ihren Rücktritt reagiert. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen?

Neureuther: Das war wirklich nicht so einfach, das ist mir schon schwer gefallen. Gerade beim Wolfi. Der ist ja wie eine Vaterfigur für mich. Aber sie haben es verstanden, sie unterstützen mich, sie stehen voll hinter meiner Entscheidung.

Markus Wasmeier hat gesagt: Das Schmerzhafteste an seinem Rücktritt war, dass er nicht mehr Teil der Weltcup-Familie sein konnte. Wie wird es Ihnen da gehen?

Neureuther: Genau so. Ich werde diese Familie definitiv vermissen. Ich vermisse sie ja jetzt schon. Die Startnummernauslosung am Samstag war schon brutal emotional mit den Jungs. Aber ich kann sie ja jederzeit treffen, ich werde schon auch noch zu Rennen kommen.

Video - Emotionen pur! So verkündet Neureuther sein Karriereende

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Wenn Sie in Ihrer Karriere noch einmal etwas anders machen könnten, was wäre das?

Neureuther: Ich würde den Schwung, bei dem ich mir das Kreuzband gerissen habe (Anm.: Im November 2017) definitiv nicht nochmal oder anders fahren.

... und vielleicht auf dem Weg zu einem Großereignis wie Sotschi 2014 vorsichtiger Auto fahren?

Neureuther: (lacht) Nein, ansonsten ist alles okay. Ich hatte eine megageile Zeit. Ja, ich hätte mehr gewinnen können, aber das bin halt auch ich, das gehört halt zu mir, so bin ich eben. Nein, es ist alles gut so, wie es ist, ich kann mit einem riesengroßen Lächeln auf diese Zeit zurückblicken.

Was würden Sie sagen: Welcher Moment in ihrer Karriere war der emotionalste?

Neureuther: Mein erster Weltcup-Sieg damals in Kitzbühel (Anm.: Januar 2010), das war schon sehr emotional. Da hatte ich wirklich eine harte Zeit vorher, dann waren die Mama und der Papa da, der Papa hat da auch gewonnen - emotionaler geht's nicht mehr, das war eigentlich der Moment in meiner Karriere.

Nach einem Rücktritt fallen viele Sportler in ein Loch. Angst?

Neureuther: "Nein, das passiert mir nicht. Ich habe schon seit sehr, sehr langer Zeit einen Plan, wie es weitergeht."

Felix Neureuther und sein langjähriger Rivale Marcel Hirscher

Felix Neureuther und sein langjähriger Rivale Marcel HirscherImago

Wie denn?

Neureuther:"Da kann und will ich jetzt noch nicht zu viel verraten. Aber ich habe ja meine Stiftung für Kinder ("Beweg Dich schlau"). Es wird auf alle Fälle ein weiteres Kinderbuch geben. Ich bin an einer Firma beteiligt. Es gibt viele coole Projekte, über die ich jetzt noch nicht reden kann, das werde ich aber nach und nach tun. Aber erst mal muss ich mein Leben auf die Reihe kriegen. Mal so Sachen machen wie eine Steuererklärung und so.

Auf was freuen Sie sich am meisten?

Neureuther: Auf die Zeit. Auf die Zeit, die ich jetzt habe für meine Familie - und eben dafür, mein Leben auf die Reihe zu bekommen.

Jetzt, wo Sie zurückgetreten sind, könnte ja Ihre Frau Miriam wieder in den Leistungssport zurückkehren.

Neureuther: Ha, wer das glaubt, liegt völlig falsch. Die Miri wollte ja, dass ich weitermache.

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