I. Der magische Berg

Ein ganz normaler Berg. Mit seinem Gipfel gerade einmal 1712 Meter über dem Meer fällt der Hahnenkamm nicht besonders ins Auge. Superlative scheinen im Sommer weit entfernt. Auf der Alm herrscht absolute Ruhe. Doch im Winter wird aus diesem Berg Biest und Heiligtum zugleich. Seit mindestens 1574, aus dieser Zeit stammen die ältesten Dokumente, trägt der Hahnenkamm diesen Namen. Genau 400 Jahre länger als ein Schweizer Bursche aus dem Kanton Neuenburg seinen trägt: Didier Cuche. Es mag Zufall sein, dass ausgerechnet er heute der König des Hahnenkamms ist.
Kein Zufall ist es jedenfalls, dass es der Hahnenkamm ist, der Menschen wie Cuche zur Legende macht. Denn wer diesen Berg an einem Samstag im Januar am schnellsten hinunterfährt, wird automatisch zur Legende. Seit 1931 wird an diesem ganz normalen Berg im Südwesten von Kitzbühel das prestigeträchtigste Skirennen der Welt ausgetragen.
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Kein Tag wie jeder andere: Thomas Dreßen triumphiert auf der Streif
19/01/2021 AM 22:40

Das malerische Kitzbühel im Sommer: Der Blick von der Streif am Ende der Strecke, dem Zielschuss.

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Das Hahnenkammrennen verwandelt nicht nur den Berg, sondern auch den 8.500-Seelen-Ort Kitzbühel an seinem Fuße vom ruhigen, beschaulichen Urlaubsdorf zum wütenden Monster und zur Welthauptstadt des Skifahrens. Prominente und Sport-Superstars versammeln sich hier gemeinsam mit den besessensten aller Fans des Ski-Sports. Alle schauen sie hinauf auf die Piste, die als die gefährlichste Abfahrt der Weltcup-Saison gilt: die Streif. Hier suchen die Gladiatoren des alpinen Skisports nach Ruhm und Ehre – nur wenige werden im Osten Tirols zur Legende.
Kitzbühel etablierte sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts als beliebter Erholungsort, als sich der Bergtourismus langsam zu entwickeln begann. Mit der Gründung des Kitzbüheler Ski-Clubs (K.S.C) im Jahr 1902 verbreitete sich auch der Sport auf den Brettern, die die Welt bedeuten, rund um den Ort. Doch es dauerte noch fast drei Jahrzehnte, bis die heute so berühmten Rennen in der Abfahrt und im Slalom erstmals ausgetragen wurden. Ferdi Friedensbacher gewann damals im März 1931 die Erstausgabe des Hahnenkammrennens. Doch es war alles anders als heute. Und auch wenn bereits am Hahnenkamm gefahren wurde, so war die Piste noch nicht die Streif.
Sie wurde sechs Jahre später erstmals befahren, weil schlechte Schneeverhältnisse die Verantwortlichen zur Verlegung des Rennens dorthin zwangen. Der Streckenwechsel bewährte sich und 80 Jahre später ist der Mythos Streif so groß wie nie zuvor. Und doch hat die Streif von heute nicht allzu viel mit der Streif von damals gemein. Veränderungen wurden immer wieder durchgeführt, erst in den 1950er oder 1960er Jahren konnte man die Streckenführung mit der heutigen vergleichen. Und in diesen zwei Jahrzehnten begann die Streif die Bedeutung zu bekommen, die sie heute hat.

Kitzbühel, seit Jahrzehnten ein Vorzeigeort des alpinen Tourismus. Hier kurz nach dem Krieg.

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Schon 1959 wurde das Hahnenkammrennen vom österreichischen Fernsehen erstmals live übertragen. Der Sport wurde hier gepusht wie nirgends - auch weil Kitzbühel eine ganze Reihe von Ski-Assen hervorbrachte.
"Das Wunderteam der 50er Jahre um Toni Sailer, Anderl Molterer, Fritz Huber, Christian Pravda, Hias Leitner und Ernst Hinterseer hat alles verändert. Sie kamen alle aus Kitzbühel, hatten alle viel Erfolg und machten ihr Dorf in der ganzen Welt berühmt", erzählt Stephan Eberharter, eine weitere Legende der Streif, Abfahrts-Sieger von 2002 und 2004: "In Österreich ist Skifahren sehr wichtig und diese Männer sind mittlerweile zu Nationalhelden geworden."
Kitzbühel prägte den alpinen Skisport jedoch nicht nur durch sein berühmtes Rennen und seine berühmten Rennfahrer. Auf der Seidlalm, an der die Streif nach etwa halber Strecke vorbeiführt, wurde die Idee des Ski-Weltcups geboren.
"Alles begann an einem Morgen im Januar 1966 in einer Hütte auf halber Höhe des Hahnenkamms", erzählte einst der im Jahr 1999 verstorbene, französische Ski-Journalist Serge Lang, der dort mit Honoré Bonnet, dem Direktor der französischen Mannschaft, und Bob Beattie, dem Trainer der USA, sowie Sepp Sulzberger vom Österreichischen Skiverband, zusammensaß und das Abfahrts-Training beobachtete:
Ich wandte mich an die beiden und sagte: Wir müssen einen Ski-Weltcup kreieren.
Es dauerte zwar einige Monate, bis das Quartett im August 1966 bei den Weltmeisterschaften im chilenischen Portillo gemeinsam mit FIS-Präsident Marc Hodler die rechtlichen Grundlagen legte und bis im kommenden Winter in Berchtesgaden die ersten Weltcuprennen ausgetragen wurden, doch der Gedanke reifte eben hier: in Kitzbühel an der Streif.
Seit den "Fifties" ist Kitzbühel am Wochenende des Hahnenkammrennens auch für die Reichen und Schönen, die aktiv eigentlich überhaupt nichts mit dem Rennen zu tun haben und auch sonst kaum Skirennen schauen, der "place to be" - der Ort, um zu sehen und gesehen zu werden. "In den 50er Jahren war Kitz im Ski-Sport das, was die Filmfestspiele von Cannes im Kino waren", schilderte es Toni Sailer einst in seiner Autobiographie. Der Wahnsinn ist nie verebbt, im Gegenteil: Das Hahnenkamm-Wochenende ist weiterhin ein "Get Together" verschiedenster Promis.

Der Kitzbühler Toni Sailer ist eine Legende des österreichischen Skisports.

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Doch es sind nicht nur die Promis, auch die größten Fans des Sports zieht es Jahr für Jahr nach Kitzbühel, um bei der Legendenbildung an der heiligen Streif live dabei zu sein - auch wenn dieses Wochenende in Kitz 2500 Euro und mehr kosten kann. 100.000 Zuschauer besuchen jährlich das Abfahrtsrennen am Samstag. "Die Atmosphäre in Kitzbühel ist wirklich besonders", sagt Didier Cuche, der Rekordsieger mit vier Abfahrtsiegen auf der Streif, in der Dokumentation 'Streif - One Hell Of A Ride'. Und der US-Amerikaner Daron Rahlves, Sieger von 2003, erinnert sich dort an "die Energie, die aus der Menge hervorgeht und dazu beiträgt, dass man sich selbst übertrifft".
Cuche sagt außerdem:
Kitzbühel ist Wahnsinn, Übermaß in allem - und doch ist ein Fahrer nirgends so geachtet wie hier. Auf der Straße, im Kontakt mit Menschen, spürt man hier einen immensen Respekt gegenüber den Fahrern und ihrem Mut, den man zum Start auf dieser Strecke braucht.
Ein Publikum bestehend aus Kennern des Sports steht in Kitzbühel an der Strecke - eines, das natürlich die österreichischen Athleten feiert, aber eben nicht nur die. Als Thomas Dreßen im vergangenen Jahr in Kitz triumphierte, flippte nicht nur er aus. Das Kommentatoren-Duo des Österreichischen Rundfunks (ORF) sowie die einheimischen Fans jubelten lautstark über den Sensationssieg des Deutschen. Doch dazu später mehr. Die Atmosphäre jedenfalls ist für alle Starter atemberaubend, und der ehemalige französische Abfahrer und heutige Eurosport-Experte Pierre-Emanuel Dalcin erklärt, warum das auch eine der großen Herausforderungen ist: "Jeder schaut dich an. Man darf sich von der Größe des Ereignisses nicht überrumpeln lassen, sonst verliert man den Durchblick."
Doch das Event, das Rennen, Kitzbühel und seine Bewohner sowie die Betreiber der Kitzbüheler Bergbahnen, sie verstehen es auch, ihre Sportler zu ehren. Die einzelnen Gondelkabinen der Hahnenkammbahn tragen zum Beispiel jeweils den Namen eines Siegers am Hahnenkamm - egal ob Slalom, Super G oder Abfahrt. So kennt jedes Kind, das in Kitzbühel im Ski-Urlaub unterwegs ist, die Namen der Stars und Legenden, die der Hahnenkamm hervorgebracht hat.

Thomas Dreßen nimmt nach seinem Triumph in der Abfahrt stolz "seine" Gondel Kitzbühel entgegen.

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In Kitzbühel zu gewinnen ist ein Schritt in den Himmel der Unsterblichkeit des Ski-Sports. Doch auf dem Weg dorthin müssen die Athleten durch die Hölle gehen. Denn die Streif ist schrecklich und gefürchtet - eine gigantische Herausforderung für alle, die sie hinunterfahren wollen. Auch das muss man wissen, bevor man sie genauer betrachtet.

II: Stille und Angst

In Kitzbühel beginnt das Rennen schon vor dem Rennen. Psychologisch ist das wahrscheinlich der schwierigste Moment. Denn auf mentaler Ebene stellt die Streif die Athleten bereits vor dem Start vor eine erste Herausforderung: Schon bevor sie sich auf die Strecke stürzen, müssen sie ihre Nervosität, ihre Zweifel und ihre Ängste bändigen. "Wenn du behauptest, dass im Starthaus in Kitzbühel keine Nervosität herrscht, lügst du dich selbst an. Der erste Schritt ist, zuzugeben, dass die Anspannung groß ist und gewissermaßen auch Angst da ist", meint der Norweger Kjetil Jansrud, Sieger von 2015.
Die Herausforderung beginnt damit, diese Angst zu meistern. "Von der ersten Streckenbesichtigung bis zum Start arbeite ich an mir, um die Auswirkungen all der Gefühle, die mich überwältigen können, zu begrenzen", fährt Jansrud fort, und auch der Zweifachsieger Dominik Paris (2013 und 2017) aus Italien bestätigt: "Es ist ein außergewöhnlicher, mentaler Kampf. Viele Spitzensportler haben Mentaltrainer, aber ich glaube niemand hat eine Ahnung davon, was es bedeutet, nach Kitzbühel zu fahren."
Bevor es losgeht, herrscht Stille. Abfahrer sind nie besonders gesprächig vor einem Rennen, weil sie sich konzentrieren und vor dem inneren Auge die Strecke noch einmal durchgehen. In Kitzbühel wird diese Stille jedoch mit einem besonderen, fast religiösen Sinn untermalt. "In Kitz' sind alle noch ruhiger als anderswo", bestätigt Eurosport-Experte Pierre-Emmanuel Dalcin. "Das gilt auch für die, die schon zum zehnten Mal dabei sind." Dalcin kann sich an seinen ersten Auftritt in Kitzbühel besser erinnern, als an sein Weltcup-Debüt, und meint mit Blick auf die Anspannung: "Du erwartest das Schlimmste, aber es ist schlimmer als das Schlimmste."

Der Eingang zum Starthaus in Kitzbühel: Die Tür zum Tor zur Hölle.

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Erst oben im Starthaus wird den Debütanten bewusst, was sie erwartet. Der Anblick des Hahnenkamms aus der Ferne ist nämlich irreführend. "Wenn man in Kitzbühel ankommt und den Berg sieht, sagt man: So steil sieht das nicht aus", erklärt Dalcin. "Durch den ganzen Wald sieht man die Strecke nicht, aber wenn man mit der Gondel oben ankommt, denkt man sich: Das ist nicht möglich!" Und selbst das Starthaus an sich beeindruckt mit seinen sterilen weißen Wänden. Antoine Dénériaz, Abfahrts-Olympiasieger von 2006 sagte einst, es fühle sich an, als ob man einen Operationssaal betrete - ein netter Vergleich, angesichts des bevorstehenden Höllenritts.
Dieser Ort bedrückt so sehr, dass er einige schon vor dem Start demoralisiert. Wie ein Springpferd, das ein Hindernis verweigert, nehmen sie die Skier wieder in die Hand, anstatt sie an die Füße zu schnallen. "Ich kannte Franzosen, die ihre Kaderberufung ablehnten, weil sie Angst vor Kitzbühel hatten", so Dalcin. Selbst der heutige Rekordsieger Didier Cuche hatte bei seinem ersten Besuch in Kitzbühel mit dem Anblick zu kämpfen, übergab sich sogar.
"Ich hatte Angst. Drei der fünf besten Fahrer des Ski-Zirkus waren gerade ins Krankenhaus gebracht worden, und ich dachte: Wie soll ich das ins Ziel bringen, wenn von den Besten schon so viele gestürzt sind? Es hat nicht viel gefehlt, dass ich in den Klub derer eingetreten wäre, die mit der Gondel wieder heruntergefahren sind. Als ich zum ersten Mal unten ankam, riss ich meine Arme hoch, als hätte ich gewonnen", so der Schweizer, der damals im Jahr 1996 rund 2,5 Sekunden hinter Sieger Günther Mader 22. wurde.

Das Starthaus: Weiß vom Boden bis zur Decke.

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Unter den Athleten hat daher jeder vor jedem Respekt. "Wir wissen, dass wir alle dieselben Risiken eingehen - vom Ersten bis zum Letzten, egal wer", erklärt Dénériaz. Und jeder von ihnen trägt die Emotionen und Erinnerungen an die Streif für immer mit sich - und an die letzten Minuten vor dem Start. "Die letzten zwei Starter vor dir sind am schlimmsten", weiß Dalcin und Adrien Théaux sagt: "Wir geben den Youngstern den Rat, den vor ihnen startenden nicht zuzusehen. Wir sehen sie wegfahren, aber wir sehen von oben nicht, wo sie landen."
Aber dann kommt eben doch der Moment, in dem es losgeht. "Wenn du an der Reihe bist, versuchst du all deine Kräfte zusammenzuführen. Du hast dein ganzes Leben für diese Momente trainiert - und um dich zu ermutigen, musst du dir immer wieder sagen: Da sind 50 Kerle am Start und ich bin nicht dümmer als die anderen", meint Dalcin.
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III: Im Herzen der Hölle

Ist der Start also eine Befreiung? Psychologisch gesehen ohne Zweifel. Denn danach macht der Rennläufer das, was er am besten kann: Skifahren. Er ist in Aktion. Aber was ihn erwartet, ist erschreckend: Mausefalle. Steilhang. Hausbergkante. Zielschuss. Die Streif ist wie eine Girlande aus gruseligen Passagen mit mythischen Namen. Die knapp zwei Minuten, die dieses außergewöhnliche Rennen dauert, sind in jedem Moment herausfordernd. Dies gilt vom Start weg. Man muss sofort voll da sein. Hier baut sich keine Spannung auf und es fällt auch nie Spannung ab - die Schwierigkeiten nehmen kein Ende, und die Streif ist von Beginn an die Hölle.
Stephan Eberharter sagt:
Wenn man am Start steht, auf die Mausefalle blickt und weiß, dass man da drüber springen muss, um anschließend in den Steilhang einzufahren, glaubt man auf den ersten Blick: Das ist eigentlich unfahrbar.
Eberharters Siegesfahrt von 2004 gilt bis heute als der perfekteste Lauf, der je auf die Streif gezaubert wurde. Der Österriecher siegte damals mit 1,21 Sekunden Vorsprung vor dem US-Amerikaner Daron Rahlves, der im Jahr zuvor gewonnen hatte.
"Der Unterschied zwischen der Streif und anderen Weltcupstrecken ist, dass die Würfel schon in den ersten 30 Sekunden fallen und es schon da gilt", erklärt Rahlves. Man könnte die Strecke in drei Drittel einteilen: Die ersten 30 Sekunden sind extrem schwer, der Mittelteil ist ein kleines bisschen "einfacher" und die letzten 30 Sekunden wieder wahnsinnig schwer. Doch selbst wenn nach dem Steilhang der Ziehweg kommt, so atmet man dort kaum durch, weil jetzt der Kopf wieder arbeitet. Der Kanadier Roy Boyd, Dritter im Jahr 1991, beschrieb es in der Zeitschrift "The Record" so: "Die ersten 30 Sekunden sind reiner Schrecken und im Mittelteil versucht man zu verstehen, wie man das alles überlebt hat und bereitet sich mental darauf vor, auch das Ende noch zu überleben."
Der Italiener Kristian Ghedina, der im Jahr 2004 am Zielsprung einen Grätschsprung zeigte und trotzdem vorübergehende Bestzeit hinlegte, um schließlich Sechster zu werden, weiß: "Man muss von Beginn an konzentriert sein. Denn man kann bis zur ersten Zwischenzeit schon eine halbe Sekunde verlieren." Diese erste Richtzeit wird schon eingangs des Steilhangs nach rund 15 Sekunden genommen - und was man bis dahin hat liegen lassen, kann man nur schwer wieder aufholen. Denn die fehlende Geschwindigkeit vergrößert den Zeitverlust auf dem Ziehweg nur.
Doch zurück nach oben: Es dauert lediglich acht Sekunden bis man die ersten drei Tore, die einzigen, die man vom Starthaus aus sehen kann, hinter sich gebracht hat und zum ersten der vielen legendären Streckenabschnitte gelangt - beziehungsweise sich bei der Passage von Tor 3 bereits mittendrin befindet: die Mausefalle. Da die Strecke vom Start weg sofort steil ist, erreichen die Fahrer die Mausefalle bereits mit über 70 Stundenkilometern - und plötzlich klappt unter ihnen der Boden weg. Das Gefälle erreicht 85 Prozent, erst 60 bis 70 Meter nach der Absprungstelle haben die Skier wieder Schneekontakt und kurz darauf zeigt die Messstelle an der ersten Zwischenzeitnahme eine Geschwindigkeit von etwa 130 km/h.
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"Der kleinste Fehler kann hier fatal sein", sagt Hannes Reichelt, Streif-Sieger von 2014 über die anschließende Linkskurve und die Kompression nach der Landung, die oft sehr eisig ist und viele Starter mit ihrer Härte überrascht. Schon hier ist die Streif extrem gefährlich und es sind gerade zehn Sekunden Fahrzeit vergangen. Es gilt, die hohen G-Kräfte aus dem Sprung in der Kompression gut wegzustecken und gleichzeitig den aus der hohen Geschwindigkeit in der Kurve entstehenden hohen Fliehkräften entgegenzuwirken, um eine möglichst hohe Linie für die Einfahrt ins Karussell und den Steilhang zu erwischen.
Der Steilhang. Auch diese Passage ist echter Irrsinn - ein Kampf gegen die Gesetze der Physik. "Du fragst dich: Was ist los? Warum werde ich so durchgeschüttelt?", erinnert sich Dalcin an seine Fahrten auf der Streif. Denn das Gefälle im Steilhang fällt nicht nur extrem zur Seite ab, sondern ist auch sehr uneben. Viele kleine Bodenwellen sorgen dafür, dass die Ski immer nur kurz Bodenkontakt haben. Trotzdem gilt es hier aus einem Links- in einen langen Rechtsschwung umzulegen und dabei weit genug oben zu bleiben, um nicht in die Netze zu rutschen - mit viel Gefühl auf der Kante den Fliehkräften entgegenzuarbeiten, aber gleichzeitig nicht so tief in den Schnee einzuschneiden, dass man zu viel Geschwindigkeit verliert. "Es zieht einen förmlich in Richtung Netze", so Dalcin. Am Ausgang des Steilhangs wird es daher oft sehr eng - unvergessen ist, wie Bode Miller im Jahr 2008 sogar in bester Skateboarder-Manier eine Art "Wall Ride" zeigte und am Netz entlangfuhr.

Der Steilhang mündet in einen Ziehweg. Doch davor flirten die Rennläufer mit einer Plane.

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"Du realisierst: Okay, das wird jetzt nicht ein Meter zum Netz, sondern vielleicht zehn Zentimeter. Und dann brauchst du Mut und Vertrauen in dein Können zugleich", sagt Reichelt. Es ist meist sehr schattig und dadurch dunkel im Steilhang, so dass die Konturen der Unebenheiten noch schwerer zu erkennen sind. "Das erfordert extreme Konzentration. Und Ghedina meint: "Für mich ist er wirklich der schwierigste Teil der Strecke. Wenn man ihn perfekt lesen kann, kann man hier einen Unterschied machen. Aber er ist auch sehr gefährlich."
Für die Ausfahrt die perfekte Linie zu erwischen ist wichtig, um möglichst viel Geschwindigkeit mit in das anschließende Gleitstück zu nehmen. Doch das ist nicht einfach: Nach der langgezogenen Rechtskurve, in der man lange Zeit gar nicht sieht, wo man eigentlich hinfährt, wartet ein schmaler Ziehweg, der erst spät zu erkennen ist.
In dem Moment aber, in dem die Fahrer in den Wald einbiegen und das Gleitstück in Angriff nehmen, ändert sich das Rennen: Von den brutal schweren Passagen zuvor zu einem technisch kaum anspruchsvollen Abschnitt, in dem es jedoch gilt, die Konzentration aufrecht zu halten und sich nicht von dem gnadenlosen Ritt zuvor ablenken zu lassen. Schließlich warten die nächsten Herausforderungen schon am Waldausgang. Hier gilt: "Wer in diesen Abschnitt mit zwei Stundenkilometer mehr hineinfährt, der gewinnt dort problemlos zwei Zehntelsekunden. Deshalb ist die Killerlinie an der Steilhang-Ausfahrt sehr wichtig", weiß Reichelt. Zwei Zehntel sind schließlich nicht selten das, was über Sieg oder Niederlage entscheidet.
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Nun beginnt die zweite Hälfte der Streif: Durch die Alte Schneise führt die Strecke in Richtung Seidlalm über den Seidlalmsprung, wo wieder Tempo aufgenommen wird, bevor der große Showdown ansteht und die Hausbergkante als Drohkulisse wartet. Es ist der vorletzte Sprung des Rennens und einer, der von seiner Anlage etwas an die Mausefalle erinnert. Zwar ist dieser Abschnitt nicht ganz so steil und auch der Sprung geht nicht ganz so weit wie unmittelbar nach dem Start, doch Parallelen gibt es: Der Boden bricht plötzlich weg, die Sprungrichtung ist auf Grund der anschließenden Linkskurve sehr wichtig und auch hier wartet nach der Landung schnell eine Kompression, die sich abhängig von den jeweiligen Sichtverhältnissen gut oder weniger gut vom Boden abzeichnet.
"Du musst die Flugbahn bis zur Perfektion beherrschen, um so viel Geschwindigkeit wie möglich zu erreichen", erzählt Reichelt. Doch auch ein zu weiter Sprung kann wegen der angesprochenen Kompression kurz vor dem Kurvenansatz hinein in die anschließende Traverse fatale Folgen haben: Im Jahr 2016 sorgten die Bodenwellen direkt nach der Landung bei flachem Licht für schwere Stürze von Georg Streitberger, Reichelt und Aksel Lund Svindal. Mit 3,5G zieht die Fliehkraft die Fahrer hier in Richtung Fangzaun, während diese nach links in die Traverse wollen.
Was folgt, ist eine letzte spektakuläre Rüttelpartie. Hier kommt es darauf an, mit möglichst viel Speed und hoher Linie zum letzten Rechtsknick der Strecke zu gelangen, um viel Geschwindigkeit in den finalen Schuss über den Zielsprung mit ins Ziel zu nehmen. "Sobald du siehst, dass du das Tor schaffst, lässt du es einfach laufen", erklärt Rahlves. Denn nun heißt es nur noch: Mit so viel Geschwindigkeit wie möglich in Richtung Ziel zu rasen. Der schnellste hier jemals gemessene Fahrer war Michael Walchhofer im Jahr 2006 mit 153 km/h.

Die "Streif" aus Fahrersicht: Kamera-Fahrt in Kitzbühel

Dieser letzte Streckenabschnitt scheint auf den ersten Blick der pure Genuss zu sein: Fünf, sechs Sekunden Gleiten bei Geschwindigkeiten um die 140 km/h bis ins Ziel - mit einem letzten, augenscheinlich recht einfachen, weil geraden Sprung. Doch auch der Zielsprung sorgte bereits für einige schwere Stürze - Andreas Schifferer (1996), Scott Macartney (2008) und Daniel Albrecht (2009) erlitten hier allesamt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und lagen anschließend im Koma. Am Ende der Kräfte nach knapp zwei Minuten Höchstbelastung ist es nicht einfach, einen 70 Meter weiten Sprung bei 140 km/h gerade durch die Luft zu ziehen und zu stehen. "Egal, ob du als 20. unten ankommst, da jubeln dir 50.000 Leute zu, weil du einfach die Eier hattest und gesund im Ziel angekommen bist", erklärt Reichelt, der 2014 auf der Streif triumphierte, mit einem Lächeln auf den Lippen.

IV: Das Rennen der Gefahren

Risiko und Gefahr sind in Abfahrtsrennen ständige Begleiter. In einem Wettkampf, bei dem Geschwindigkeit im Vordergrund steht, ist das normal. Das ist nichts, was die Streif grundsätzlich von anderen Abfahrtsrennen abhebt. Und trotzdem nimmt das Hahnenkammrennen im alpinen Ski-Rennsport eine Sonderstellung ein. Denn während bei anderen Abfahrtsläufen das Duell Mann gegen Mann von Beginn an um den Sieg geht, kämpfen die Athleten hier in erster Linie gegen den Berg. Heil im Ziel ankommen, lautet die Devise. Erst dann wird im Zielauslauf abgerechnet.
"In der Abfahrt gibt es oft nur einen minimalen Unterschied zwischen Sieg und Niederlage. Aber in Kitzbühel liegen der Triumph und ein Abflug ins Fangnetz so nahe beisammen wie nirgendwo anders", erklärte der Kanadier Manuel Osborne-Paradis einst. Wie Hannes Reichelt es in Bezug auf die Ausfahrt aus dem Steilhang bereits ansprach: "Es geht stellenweise bis auf einige Zentimeter ans Fangnetz und damit ans Limit heran."
Aksel Lund Svindal sagt ganz einfach:
Es gibt keinen Raum für Fehler.
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Der ehemalige FIS-Renndirektor Günter Hujara erklärte in der Streif-Dokumentation "One Hell Of A Ride": "Grundsätzlich ist eine Strecke nicht gefährlich. Sie hat ein gewisses Profil und je nachdem wie man sich darauf verhält, entsteht entweder ein Risiko oder nicht." Risiken entstehen durch Risikobereitschaft der Fahrer, die die Limits ausloten, um vom Sieg träumen zu können. Und auf der Streif stehen die Athleten ständig vor der Entscheidung, wie viel Risiko sie eingehen, wie sehr sie an ihr Limit gehen sollen.
Rekordsieger Didier Cuche weiß:
Du musst riskieren, damit das Beste herauskommt. Wenn du nicht an die Grenze gehst, bist du nur einer, der mitgefahren ist.
Stephan Eberharter, Sieger von 2002 und 2004, sagte: "Entweder du gibst hundert Prozent und riskierst einen Sturz oder du verlierst ein paar Hundertstel- oder sogar Zehntelsekunden. Du musst dir dieses Risiko-Ertrags-Verhältnis immer wieder bewusst machen. Als ich 2004 wieder gewinnen wollte, bin ich an der Hausbergkante volles Risiko gegangen. Es hat sich ausgezahlt und ich wurde für meinen Mut belohnt", erinnert er sich.
Eberharters Fahrt über die Hausbergkante in die Traverse war perfekt: Wie an einer Schnur gezogen setzte der Tiroler den Sprung perfekt hin und legte die Skier nach der Landung sofort um. So fuhr er auf der Ideallinie in die Traverse. Geht der Sprung ein paar Zentimeter länger oder seitlich versetzt, droht das Aus und der Sturz in den Fangzaun. Svindal, Reichelt und Georg Streitberger können ein Lied davon singen. 2016 flogen alle drei an der Schlüsselstelle ab, verletzten sich schwer und trafen sich später im Krankenhaus wieder.
Die Gefahr ist auf der Streif ständiger Begleiter – auch wenn sich die Situation für die Fahrer im Gegensatz zu früher stark verbessert hat. Einst standen gefrorene Heuballen vor Holzzäunen am Streckenrand und waren das Einzige, was stürzende Rennläufer von den dicht an der Strecke stehenden Zuschauern trennte. Heute werden stellenweise drei Fangnetze hintereinander aufgestellt, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Zwei kleinere vorne, um die Einschlags-Geschwindigkeit ins dahinter hängende Hauptnetz möglichst stark herunter zu bremsen.
Trotzdem gilt:
Wer stürzt, der kommt auf der Streif nur selten mit ein paar blauen Flecken davon. Es besteht die große Gefahr von Kopfverletzungen aufgrund von harten Einschlägen nach weiten Sprüngen, insbesondere bei gleichzeitig hohem Luftstand. Bis zu 14G wirken bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 110 km/h im 90-Grad-Winkel in einen straff gespannten Fangzaun auf den Körper.
Veränderungen gibt es, wie in jedem Sport in Sicherheitsfragen oft erst dann, wenn etwas passiert ist. So verletzte sich beispielsweise der Kanadier Brian Stemmle 1989 bei der Steilhang-Ausfahrt schwer, als er am Netz hängen blieb. Später gewann er eine Klage gegen den Kitzbüheler Ski Club (K.S.C). Da ist es zu begrüßen, dass Rennleiter Markus Waldner die Strecke im vergangenen Jahr nach den ersten Trainings verändern ließ, weil unter anderem Top-Favorit Beat Feuz große Bedenken geäußert hatte.
"So geht es nicht. Die Sprünge waren miserabel gebaut und gingen viel zu weit. Es ist für mich unbegreiflich. Man kann nicht die ganze Saison betonen, dass die Sicherheit vorgeht, und uns Fahrern dann solch eine Strecke präsentieren", sagte Feuz damals. Auch Svindal bemängelte: "Der Luftstand war bei zu vielen Sprüngen zu hoch." Allerdings war der Druck auf die Veranstalter im vergangenen Winter nach den tödlichen Unfällen des Franzosen David Poisson und des jungen Deutschen Max Burkhart in Kanada auch besonders groß.
Das Hahnenkammrennen hat im Gegensatz zu anderen berühmt berüchtigten Abfahrtsläufen, wie der Lauberhornabfahrt in Wengen, in seiner Geschichte glücklicherweise noch keinen tödlichen Unfall erlebt. Dennoch wurden viele Karrieren hier zerbrochen, darunter auch echte Asse des Abfahrts-Sports. Auf der Streif kann es jeden erwischen. Todd Brooker beispielsweise, der das Rennen 1983 gewann, verlor vier Jahre später nach dem Sprung an der Hausbergkante das Gleichgewicht und stürzte schwer. Sein Körper überschlug sich mehrfach und prallte dabei immer wieder hart auf das Eis bis er zum Stillstand kam und regungslos wie eine Puppe im Schnee lag, weil er nach dem ersten Aufprall das Bewusstsein verlor. Wenn man diese Bilder sieht, läuft es einem eiskalt den Rücken herunter. Man kann sich dieses Szenario nur deshalb guten Gewissens ansehen, weil man weiß, dass es dem Kanadier heute gut geht. Glücklicherweise hat er keine bleibenden Schäden davongetragen. Trotzdem war es der letzte Auftritt von Brooker als Ski-Rennläufer.
Ähnlich bekannt wie die Aufnahmen von Brookers Sturz sind jene von Daniel Albrecht aus dem Jahr 2009 und Hans Grugger (2011). Beide entgingen nur knapp dem Tod. Albrecht, der im Winter zuvor bereits zwei Riesenslalom-Weltcups gewonnen hatte, machte im Abschlusstraining am Zielsprung nur einen winzigen Fahrfehler. Daraufhin verlor der Eidgenosse in der Luft die Kontrolle über seine Skier und schlug bei rund 130 km/h voll auf Rücken und Kopf auf, um anschließend bewusstlos in Richtung Zielraum zu rutschen. Albrecht trug Lungenquetschungen und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma davon. Erst drei Wochen später erwachte er aus dem Koma – ohne jede Erinnerung:
Meine Eltern mussten mir alles neu beibringen. Meine erste Frage war: Wer bin ich?
Trotzdem kehrte er Ende 2010 in den Weltcup-Zirkus zurück und holte sogar noch einmal Weltcup-Punkte im Riesenslalom, seiner Paradedisziplin. Doch nach einem weiteren Sturz im Abfahrtstraining von Lake Louise 2012, bei dem er sich das Innenband im linken Knie riss, beendete er seine Karriere.
Auch Grugger erwischte es an der Mausefalle schwer. Den Österreicher verdrehte es in der Luft und auch die Bilder von seinem Sturz lassen einem den Atem stocken: Aus enorm hohem Luftstand prallte Grugger seitlich auf der eisigen Piste auf, wobei der Kopf fast peitschenartig in Richtung Boden schlug. Dank schneller Hilfe und einem sofortigen Hubschrauber-Transport in die Uni-Klinik von Innsbruck, wo er ins künstliche Koma versetzt wurde, überlebte auch er. Neun Monate später entschied sich Grugger jedoch für sein Karriereende. "Ich bin dankbar, dass mich die Streif am Leben gelassen hat und ich weiterhin Skifahren kann – wenn auch nicht im Rennen", sagte er einige Jahre später. "Ich habe trotz allem noch eine freundschaftliche Verbindung zur Streif."

2011: Der Abflug von Hans Grugger an der Mausefalle gehört zu den schlimmsten Stürzen der Neuzeit auf der Streif.

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Es braucht Mut, aber auch einen speziellen Charakter, bereit zu sein, die Risiken einzugehen, die auf der Streif nötig sind, um einen Sieg einzufahren. "Zurückblickend frage ich mich, ob es das alles wirklich wert ist", so Grugger heute und der ehemalige Sicherheitschef Franz Pfurtscheller sagt: "Jeder, der dort runterfährt, ist für mich als anderer Mensch einzuordnen. Weil ein normaler Mensch kann das nicht."
Doch dieser Wahnsinn gehört zur Persönlichkeit eines jeden Abfahrtsrennläufers dazu. "Wenn du gewinnen willst, musst du dich zwingen, schneller zu fahren als dir lieb ist", weiß Svindal, dem der Streif-Sieg noch fehlt. Doch es ist paradox: So gefährlich es ist, am Limit zu fahren, so sehr scheint es auch der sicherste Weg zu sein, da so im Adrenalinrausch die volle Konzentration gegeben ist.
Der Kanadier Erik Guay erklärt:
Bei meiner ersten Fahrt bin ich mit angezogener Handbremse gefahren. Ich denke, das ist das Schlechteste, was du machen kannst und das Gefährlichste. Denn sobald du zögerst, übernimmt die Streif die Kontrolle. Mit Erfahrung lernst du, dass du selbst versuchen musst, die Kontrolle über etwas Unkontrollierbares zu übernehmen.
Es ist schwer, das unkontrollierbare Risiko zu einem kalkulierbaren zu machen – sowohl für die Athleten als auch die Veranstalter. Denn letztlich geht es um einen Wettkampf sowie die Unterhaltung der Massen. Die Fans entlang der Streif sind heute wie nie zuvor durch Extreme zu begeistern, durch Heldentaten im Angesicht von Angst und Gefahr.

Waghalsig: Im Stile eines Freestylers zeigte Kristian Ghedina 2004 beim Zielsprung eine Grätsche.

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V: Der Kaiser von Kitzbühel

Cuche. Fünf Buchstaben stehen für fünf Siege. Der Junge aus Les Bugnenets, der diese Strecke anfangs so sehr fürchtete, dass er das Starthaus oben am Hahnenkamm beim ersten Betreten am liebsten rückwärts wieder verlassen hätte, wurde zum Meister der Streif. Fünfmal hat der Schweizer auf der berühmtesten Piste der Welt gewonnen. Niemand sonst hat eine Weltcup-Abfahrt fünfmal für sich entscheiden können – egal an welchem Ort. Cuche schaffte es ausgerechnet auf der heiligsten aller Strecken. Besonders speziell: Cuche gewann insgesamt in seiner Karriere nur zwölf Weltcup-Abfahrten, so beträgt der Anteil an seinen Siegen in Kitzbühel sogar 40 Prozent. Kitz, das war sein Ding. Seine Domäne. Sein Reich.
Nach seinem Karriereende bestätigte Cuche laut eines Interviews der Schweizer Tageszeitung "24 Stunden": "Es stimmt, dass ich mich nicht erinnere, dass ich mich auf diesem Kurs überfordert gefühlt hätte." Eine Aussage, die fast wie die von einem Angeber klingt. Doch Cuche sprach auch oft genug über die Ehrfurcht vor der Streif. Es scheint zwischen ihm und dieser magischen Piste einen besonderen Draht gegeben zu haben. Denn es war nicht so, dass Cuche den Abfahrts-Zirkus an sich dominierte – nur eben auf der Streif, da war er eine Klasse für sich. Mit zwölf Weltcup-Abfahrtssiegen ist er bei weitem nicht der erfolgreichste Abfahrer aller Zeiten. Hermann Maier gewann 15 Mal, davon einmal auf der Streif. Aksel Lund Svindal hat bis heute 14 Abfahrt-Weltcups gewonnen, aber bislang keinen einzigen auf der Streif. Die Bilanz von Cuches Landsmann Peter Müller lautet: 19 Weltcup-Abfahrtssiege, keiner auf der Streif.
Die Schwierigkeit der Strecke dürfte es sein, die für Cuche genau in den Kram passte. "Dass ich mein Bestes geben musste, um in Kitzbühel zu fahren, hat mich dort stärker gemacht als vielleicht anderswo, wo man nicht ganz so konzentriert sein musste", vermutet der Schweizer in der Dokumentation "Streif - One Hell Of A Ride".
Eurosport-Experte Dalcin meint, dass die Streif wie für den Schweizer gemacht ist. "Didier war der technisch Stärkste, der Intelligenteste und er blieb immer sehr klar. Er machte nur wenige Fehler", so der Franzose.

Didier Cuche hat fünf Hahnenkammrennen gewonnen und damit so viel wie kein anderer Abfahrtsläufer vor ihm.

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Außerdem sammelte Cuche viel Erfahrung auf der Streif. Zwar gewann er hier schon 1998 als 24-Jähriger seinen ersten Weltcup überhaupt, doch neun Jahre später hatte er mit 33 Jahren noch immer nur einen Kitzbühel-Sieg zu Buche stehen – und jener von 1998 war auch kein lupenreiner Streif-Sieg. Er kam nämlich in der damals über zwei Läufe ausgetragenen "Sprint-Abfahrt" zustande. Tags darauf, über die volle Distanz, wurde er hinter Kristian Ghedina Zweiter. Und anschließend? Jahrelang trat er an und musste sich immer wieder schnelleren Kontrahenten geschlagen geben. Cuche lernte die Strecke von Fahrt zu Fahrt besser kennen, meisterte diese bei allen Verhältnissen und schied auf der Streif niemals in einer Abfahrt aus.
Und dann kam der 21. Januar 2008. Als Gewinner der kleinen Kristallkugel im Abfahrts-Weltcup des Vorjahres reiste Cuche nach Kitzbühel, um nun endlich auch von ganz oben zu triumphieren – und er setzte sein Vorhaben endlich in die Tat um. Ein Jahr später musste er als Viertplatzierter zwar noch einmal seinem Landsmann Didier Defago gratulieren, doch von 2010 bis 2012 war Cuche auf der Streif nicht mehr zu bezwingen. Das Meisterwerk gelang ihm dabei im Jahr 2011, als er seinen großen Herausforderer Bode Miller um fast eine Sekunde (98 Hundertstel) auf Rang zwei verdrängt. "Ein fast perfektes Rennen", sagte er damals im Ziel. "Aber ich habe beim Start beinahe einen Stock verloren und bin in einer Kurve etwas zu weit außen gewesen. Offensichtlich hatte ich Raketen an den Füßen."

Didier Cuche in Action. Keiner befreite sich im Zielraum so schwungvoll von den Brettern wie der Kitzbühel-Rekordsieger

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Zwölf Monate später erklärte er den Medienvertretern zwei Tage vor dem Hahnenkammrennen auf einer Pressekonferenz, dass er seine Karriere am Saisonende im Alter von 37 Jahren beenden werde.
Eine Entscheidung, die er auch aus Respekt vor den Gefahren seines Sports traf:
Wenn man sich die Geschichte der Streif anschaut, weiß man: Irgendwann kann es sein, dass es auch mich erwischt.
Einmal wollte er es jedoch noch wissen. Zwei Tage nach der Rücktrittserklärung war von Angst oder zu großem Respekt nichts zu spüren, als er noch ein letztes, ein fünftes Mal auf der Streif triumphierte.
Auf dem Weg zur Streckenbesichtigung stieg Cuche damals in die Gondel, die den Name Franz Klammer trägt. "Zufall", schwörte Cuche später. Und doch war es ein sehr treffender Zufall: Bis zum 21. Januar 2012 teilten sich Cuche und Klammer den Rekord mit vier Abfahrtsiegen. "Letztes Jahr hättest du deine Karriere beenden sollen, Didier. So hätte ich meinen Rekord behalten und mit dir teilen können", sagte Klammer nach Cuches fünftem Erfolg im Spaß, um dann aber hinzuzufügen: "Niemand kennt die Streif besser als er, man kann ihn nur bewundern. Jetzt ist er der Kaiser von Kitzbühel."

VI: Der Dreßen-Coup – in knapp zwei Minuten zum Superstar

F…, jawoll! Jaaaa! Jaaa! Wuhu! Jawoll Leute! Jaaa! Jaaa! F…, wie geil! Jaaa!
So transkribieren sich die Laute, die die Richtmikrofone im Zielraum von Kitzbühel am 20. Januar 2018 in Intervallen von 0,5 bis zwei Sekunden unmittelbar nach der Ankunft eines Garmisch-Partenkirchners aufzeichneten. Thomas Dreßen war gerade als 19. Starter die Streif herunter gerauscht und hatte in 1:56,15 Minuten für eine neue Bestzeit gesorgt.
"Die Zeittafel in Kitzbühel steht weit unten im Zielbereich. Als ich über die Linie kam, konnte ich nur eine Eins sehen. Aber ich dachte zuerst, es wäre eine Elf, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich wirklich so schnell war", erzählte der 26-Jährige am Tag nach dem größten Triumph seiner Karriere. "Aber als ich dann weiterfuhr, stellte ich fest, dass ich führte. Da ist es aus mir herausgebrochen. Ich wollte nur noch alles rausschreien.

2018: Grenzenloser Jubel bei Thomas Dreßen. Ihm gelingt der perfekte Lauf auf der Streif

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Thomas Dreßen, ein bodenständiger und freundlicher Typ mit dem verschmitzten Lächeln eines echten Lausbuben, bejubelte in Kitz etwas, was fast vier Jahrzehnte lang keinem Deutschen mehr gelungen war: Ein Sieg in der Abfahrt. Nach Ludwig Leitner (1965) und Josef Ferstl (1978 und 1979) war er erst der dritte Deutschen, dem das gelang.
Nebenan am Ganslernhang triumphierten in der Zwischenzeit zwar sowohl Armin Bittner (1989) als auch Felix Neureuther (2010 und 2014) im Slalom, doch am Hahnenkamm stehen der Super-G sowie der Slalom und die Kombination seit jeher im Schatten der berühmt berüchtigten Hahnenkammabfahrt, die alljährlich an einem Samstagmittag Zehntausende vor Ort und Millionen vor den Bildschirmen begeistert. Ausgerechnet im Mekka des Skisports gelang Dreßen der Coup, bereits im zweiten Anlauf auf den Olymp des Skisports aufzusteigen – ein Jahr nachdem er bei seinem Debüt noch ausgeschieden war. Eine interessante Parallele übrigens zu Cuche: Beide siegten bei ihrem erst zweiten Start auf der Streif und feierten dabei jeweils den ersten Weltcupsieg ihrer Laufbahn, Dreßen nur eben genau 20 Jahre nach dem Schweizer 'Kaiser von Kitz'.
Der Gewinn der goldenen Gams, der heiß begehrten Kitz-Trophäe, machte Dreßen in Deutschland über Nacht zum Wintersporthelden und zu einem der meist beachteten deutschen Sportler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen von Pyeongchang. Seine nahezu perfekte Fahrt auf der Streif, die er im Video unten sehr detailliert schildert, veränderte das Leben des Oberbayern.

Umjubelt von 50.000 Fans am Fuße des Hahnenkamms: Thomas Dreßen bei der Siegerehrung im Zielraum von Kitzbühel

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Zwar hatte der 25-Jährige in jenem Winter mit Rang drei in Beaver Creek und zwei fünften Plätzen in Bormio sowie Wengen schon auf sich aufmerksam gemacht, doch vor Saisonbeginn war er in erster Linie ein weiterer von vielen Hoffnungsträgern des DSV gewesen, der seit Ewigkeiten auf einen neuen Top-Abfahrer wartete. Der letzte Abfahrtssieg im Weltcup war Max Rauffer 2014 in Gröden gelungen, doch insgesamt blickte das deutsche Speed-Team noch immer sehnsüchtig auf Markus Wasmeiers Doppel-Olympiasieg von Lillehammer 1994 zurück (Riesenslalom und Super-G). Und auf dessen Weltcup-Abfahrtssiege in Garmisch-Partenkirchen 1992, sowie auf die Lauberhornabfahrt von Wengen 1987.
Dreßens Sensationserfolg riss deshalb nicht nur deutsche Beobachter von den Stühlen. Die Kommentatoren des Österreichischen Rundfunks (ORF), Armin Assinger und Oliver Polzer, rasteten schier aus, als der junge Deutsche über die Ziellinie raste und den Schweizer Top-Favoriten Beat Feuz überraschend auf Rang zwei verdrängte. Kontrahent Kjetil Jansrud, der das Rennen auf Platz zehn beendete, sprach auf Twitter vielen aus der Seele: "Das ist der Grund, warum wir alle den alpinen Skisport lieben. Glückwunsch an Thomas Dreßen dazu, deutsche Geschichte geschrieben zu haben", schreib der Norweger und fügte hinzu: "Sehr wichtig für unseren Sport."
Auch wenn deutsche Erfolge gerade in den Speed-Disziplinen der Männer jahrelang nicht an der Tagesordnung standen, der deutsche Markt nimmt für die Tourismus-Regionen in den Alpen und Skifirmen einen besonderen Stellenwert ein.
Umso wichtiger, dass die deutschen Medien in Dreßen auf einen Sieger trafen, der sympathisch daherkommt, nicht auf den Mund gefallen ist, sich als Fußball-Fan outet und insgesamt gut vermarktbar zu sein scheint – einer, der sein Leben lang von diesem Sieg geträumt hatte und die Freude darüber voll herausbrüllte. "Ich bin ein emotionaler Typ und war einfach von den Gefühlen überwältigt. Ich habe versucht, alles aufzusaugen", erklärte er seine Jubelschreie im Zielauslauf und bei der anschließenden Siegerehrung. "Dass ich mein erstes Weltcuprennen ausgerechnet in Kitzbühel gewinne und dann auch noch in der Abfahrt, das ist einfach nur geil", so Dreßen. Seine Mutter Martina erklärte später, dass er vom Sieg in Kitz gesprochen habe, "seit er sechs oder sieben Jahre alt war".
Die Streif war und ist auch für Dreßen das höchste aller Ziele:
Vor vier Jahren bin ich im Sommer erstmals die ganze Strecke raufgegangen. Im Sommer schaut natürlich alles noch extremer aus, aber als ich dann vor zwei Jahren im Winter das erste Mal im Starthaus gestanden bin, war ich einerseits aufgeregt, aber andererseits habe ich mich auch schon richtig auf die Herausforderung gefreut.
Vorfreude, ein Gefühl, von dem man aus dem Starthaus (siehe Kapitel 2 in Teil 1 dieses Longform-Artikels) selten hört. Dreßen dürfte also eindeutig zu diesem besonderen Schlag von Menschen gehören, über die der ehemalige Sicherheitschef Franz Pfurtscheller einst sagte, dass sie im Kopf "etwas anders" seien.
Der Kampf gegen sich selbst und die Strecke
"Wenn du dich Abfahrtsläufer nennen willst, musst du in Kitzbühel fahren", meinte Dreßen und beschrieb seine Begeisterung für diese Strecke so: "Am meisten fasziniert mich, dass man – oder zumindest ich – in erster Linie darum kämpft, ins Ziel zu kommen. Wogegen man auf anderen Strecken sofort schaut, dass man schnell ist, beziehungsweise, wo man Zeit gewinnen kann. Der große Unterschied zu anderen Strecken ist der Kampf mit sich selbst und der Strecke."
Am 20. Januar 2018 ist Thomas Dreßen aus diesem Kampf als strahlender Sieger hervorgegangen. Ein Jahr später schrieb mit Josef Ferstl ein weiterer Deutscher Geschichte in Kitzbühel, als er den Super-G gewann - nachdem sein Vater Sepp Ferstl 1978 und 1979 die Abfahrt in Kitzbühel gewonnen hatte.

VII: Kitzbühel, der Olymp des Ski Alpin

Weil die Streif zum Träumen genauso wie zum Fürchten einlädt, weil es mehr ein Großereignis als ein einzelnes Rennen ist und weil das Hahnenkammrennen das prestigeträchtigste und höchstdotierte Abfahrtsrennen des Weltcups ist, stellt man sich die Frage: Ist Kitzbühel sogar wichtiger als die alpinen Ski-Weltmeisterschaften? Oder vielleicht sogar wichtiger als die Olympischen Spiele? Natürlich sind diese Fragen sehr subjektiv und in den Augen der Öffentlichkeit geht wohl nichts über einen Olympiasieg. Doch für die echten Fans des alpinen Ski-Sports ist das vielleicht etwas anders. Die Athleten sind sich ziemlich einig: Auf der Streif zu gewinnen bedeutet im Regelfall eine sportlich weit größere Leistung als der Olympiasieg.
"Wenn man zu den Spielen nach Russland oder China fährt, weiß man nicht, was einen erwartet. Wir kennen die Strecke nicht und um den Sieg einzufahren, gehört auch meistens etwas Glück dazu", meint der Kanadier Erik Guay. Für Bode Miller ist es gar keine Frage: Nichts ist größer als ein Sieg in der Abfahrt auf der Streif. Auch kein Olympiasieg. Kristian Ghedina pflichtete ihm einst bei: "Wie Bode schon sagt, dürfte ein Sieg in Kitz sogar wertvoller sein als eine Goldmedaille. Denn Kitz ist auf allen Ebenen, hinsichtlich der Schwierigkeit der Strecke, der Sponsoren sowie des Publikums, größer."
Der Franzose Antoine Dénériaz, der 2006 in Turin Olympia-Gold in der Abfahrt gewann, als Spezialist für die Gleitstücke auf der Streif aber nie über einen neunten Platz hinauskam, sieht das anders:
Diejenigen, die sagen, sie würden einen Sieg in Kitzbühel vorziehen, sind meist nie Olympiasieger gewesen. Ich hingegen habe nie auf der Streif gewonnen. Ich würde daher sagen, es ist besser Olympiasieger zu werden. Um zu wissen, was sich besser anfühlt, müsste man wohl jemand fragen, der beides gewonnen hat – aber da gibt es nicht viele.
Die einzigen Abfahrer, denen es seit Einführung des Weltcups gelungen ist, sowohl die Olympische Abfahrt als auch die auf der Streif in ihrer Karriere zu gewinnen, sind Jean-Claude Killy, Franz Klammer, Pirmin Zurbriggen, Patrick Ortlieb, Fritz Strobl und Didier Defago. "Ohne Olympiasieg bist du ein guter Skifahrer, aber kein großartiger Skifahrer", meint Klammer. Der Ski-Kaiser und Nationalheld der Alpenrepublik gewann zuhause in Innsbruck olympisches Gold und trotzte dabei dem Druck und der Erwartungshaltung eines ganzen Landes. "Das gibt dem Olympiasieg eine besondere Dimension. Ich weiß nicht, ob ich ohne Olympiasieg als größter Abfahrer aller Zeiten bezeichnet würde." Aus sportlicher Sicht aber gibt Klammer zu: "Für einen Abfahrer, aus rein skifahrerischer Sicht, ist der wichtigste Sieg der in Kitzbühel. Der Olympiasieg gibt dir Ruhm und Ehre in der Öffentlichkeit, Kitzbühel bringt dir mehr Anerkennung in deinem Umfeld."

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