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Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich über den Kreuzbandriss von Felix Neureuther

Neureuthers bitteres Olympia-Aus: Tragik pur und trotzdem eine Chance

28/11/2017 um 08:30Aktualisiert 28/11/2017 um 11:44

Blöder hätte es für Deutschlands Ski-Star nicht laufen können. Felix Neureuther hat sich im Training in den USA einen Kreuzbandriss im linken Knie zugezogen und wird bei den Olympischen Spielen in PyeongChang fehlen. Der Traum von der ersten olympischen Medaille ist geplatzt. Und dennoch glaubt Eurosport-Kommentar Sigi Heinrich, dass die Situation für Neureuther auch positive Folgen haben kann.

Das eine Thema ist durch. Felix Neureuther wird wohl nie eine olympische Medaille nach Hause bringen. Vor vier Jahren fädelte er im Slalom von Sotschi ein, auch weil ihn ein Schleudertrauma nach einem Autounfall kurz davor wohl behinderte.

Die Knie, die Bandscheiben, der Rücken

Kollektives Wehklagen. Beim Verband, der um eine große alpine Hoffnung ärmer ist, bei den Kollegen sicher auch, denn Felix Neureuther war nicht nur ein harter Konkurrent, sondern auch ein sympathischer Kumpel. Und auch bei vielen Medien in allen Ebenen wird man bestürzt sein, weil der Quotenbringer und Schlagzeilenlieferant ausgerechnet in der olympischen Saison fehlt - wobei die Geschichten um ihn stets wie eine Achterbahn des Lebens waren.

Gesundheitliche Probleme lieferten immer wieder Gesprächsstoff. Die Knie, die Bandscheiben, der Rücken. Aber auch das Leben bescherte uns Felix Neureuther in all seinen Farben. Die Liebe zur Biathlon-Prinzessin Miriam Gössner. Die Geburt der gemeinsamen Tochter Mathilde und druckreife Sätze wie dieser aus dem fernen Levi, wo er den 13. Slalom seiner Karriere gewann.

"Ich vermisse meine Mädels doch sehr."

Ein Kinderbuch hat er veröffentlicht. Das wird bei vielen unter dem Weihnachtsbaum liegen. Werbung dafür muss er nicht extra machen. Der Name Neureuther öffnet viele Türen. Dafür sorgt seit Jahr und Tag Papa Christian. Die Neureuthers, Tochter Emilie, eine Künstlerin gehört dazu, sind eine Marke geworden hierzulande.

Eine Geschichte voller Tragik

Und jetzt wieder eine Geschichte voller Tragik, wobei der Verband gerade in einer wirklich schwarzen Serie steckt. Alpinchef Wolfgang Maier wird von Schreckensmeldungen geradezu bombardiert. Marlene Schmotz, Manuel Schmid, Benedikt Staubitzer - und nun Felix Neureuther. Es ist ein Kreuz mit dem Kreuzband. Vier Alpine, die in der olympischen Saison bereits ausfallen.

Natürlich fällt jener von Neureuther am meisten ins Gewicht. Er war ein potentieller, also ein möglicher Medaillenkandidat, der indes schon vor den Olympischen Spielen warnend den Zeigefinger hob angesichts des Säbelrasselns zwischen Nordkorea und den USA. Bei intensiverer Bedrohungslage hätte er wohl abgesagt. Auch mit gesundem Knie und in Bestform. Die Familie ist ihm wichtiger als umkämpftes Gold, errungen in einer Atmosphäre der Angst.

Wenn Felix Neureuther das sagt, wird es gehört, weil er eine wichtige Eigenschaft in die Waageschale werfen kann: Er ist authentisch, er ist glaubwürdig, er ist ehrlich und offen.

Wenn er sagt, dass er Skifahren einfach liebt (die Miri natürlich noch lieber), dann sieht man ihn förmlich vor sich im aufgestaubten Pulverschnee mit seinem Lächeln, das einem ewigen Lausbuben zu gehören scheint. Und im gleichen Atemzug ist er ein praktizierender Familienmensch, der sich vom hektischen Sportgetriebe nie vereinnahmen ließ, was an sich schon ein Kunststück für sich ist.

Olympia-Aus eine Chance fürs Privatleben

Und deshalb hat er sogar mit seinem Kreuzbandriss und dem jetzt erzwungenen Olympia-Aus irgendwie seinen Frieden schließen können.

Jetzt sieht er Töchterchen Mathilda von Anfang an heranwachsen ohne große Unterbrechungen. Ich selbst habe da ja keinerlei Erfahrungen, die ich einbringen könnte. Aber ich könnte mir laienhaft vorstellen, dass dies Mathilda durchaus prägen kann für ihr weiteres Leben. Dann wäre dieser Kreuzbandriss, so sehr er für den Felix ein sportliches Drama darstellt, sogar ein Glücksfall gewesen.

Und ich glaube, dass sogar der Felix in der Lage ist, das so zu sehen. Es würde auf jeden Fall zu ihm und seiner Lebenseinstellung passen. Ob diese Verletzung, dieser fehlende Wettkampf-Winter, auch das Ende der Karriere sein wird, lässt er noch offen. Er wird es uns alle zeitig genug wissen lassen und ich bin sicher, dass die nächsten Monate zuhause beim Windeln wechseln diese Entscheidung beeinflussen werden.

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