Eine Lokalität für die Sause im Hotel hatte sie schon ausgesucht. "Das Gute ist", sagte Weidle lächelnd, "es gibt einen Skiraum, da stören wir keinen." Aus dem Skiraum ging's später an die Hotelbar, der Abend wurde lang.
Einen ersten Rausch der Gefühle hatte die deutsche Mannschaft da bereits hinter sich. Am Samstag um halb zwölf war Weidle (24) in eher unspektakulär aussehender Art und Weise über die von ihr so geliebte "Olimpia delle Tofane" gerast. Im Zielraum schwang sie als Zweite hinter Corinne Suter aus der Schweiz ab (+0,20 Sekunden), sogleich streckte sie den rechten Zeigefinger in die Luft - als wolle sie andeuten: Seht her, ich hab's euch doch gesagt.
"Klar", erzählte sie später, eine Medaille sei ihr "großes Ziel" gewesen, und: "Ich wusste, ich hab's drauf."
Ski-WM
"Wahnsinn!" Weidle von WM-Silber in der Abfahrt überwältigt
13/02/2021 AM 11:05
An der Reihenfolge änderte sich nichts mehr, nur Super-G-Weltmeisterin Lara Gut-Behrami (Schweiz) fuhr noch auf Rang drei (+0,37). "Eine Hammerleistung. Für uns ist das ein Traum", sagte der dauerlächelnde deutsche Alpinchef Wolfgang Maier. Abfahrtstrainer Andreas Fürbeck erklärte, die Anspannung im Team sei ziemlich groß gewesen, außer Weidle hatten sie ja keine, die eine Medaille hätte holen können:
Du hast einen Schuss, und der muss sitzen.
Und er saß. "Da kann man nur den Hut ziehen und sagen: Hey, Kira, das hast du klasse gemacht", meinte Maier.

Fantastische Fahrt: Weidle rast in der WM-Abfahrt aufs Podium

Weidle auf den Spuren der deutschen Ski-Ikonen

Weidle, geboren in Stuttgart, jetzt für den Ski-Club Starnberg bei München aktiv, reihte sich ein in die Galerie der großen deutschen Skirennläuferinnen. Die zuvor letzte WM-Medaille in der alpinen Königsdisziplin hatte 2013 in Schladming Maria Höfl-Riesch als Dritte eingefahren, das letzte Silber gewann 1996 in der Sierra Nevada Katja Seizinger. Das letzte Gold in der Abfahrt gab es 1976 in Innsbruck durch Rosi Mittermaier - die Olympiasieger waren damals automatisch Weltmeister. Und die Neue steht erst am Anfang: 24 Jahre ist jung für eine Abfahrerin.
Die ziemlich coole Weidle wusste schon immer ganz gut, was sie wollte: Als Grundschülerin hatte sie "Skirennfahrerin" als Berufswunsch angegeben, im Alter von neun Jahren brauste sie den Aufsprunghügel einer Skisprungschanze herunter. Mit 19 folgte das erste Rennen im Weltcup, mit 22 der erste von bislang zwei dritten Plätzen.
Danach ging es ein wenig bergab, und auch zu Saisonbeginn hinterließ Weidle erst mal nicht den Eindruck, als sei sie eine Medaillenanwärterin bei der WM: In Val d'Isere stürzte sie im Training zwei Mal und zog sich eine Daumenfraktur zu.
Doch sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Cheftrainer Jürgen Graller hat beobachtet, dass seine Schnellste "auch als Person noch mal gereift ist". Weidle wirke "locker und lässig", in Wahrheit aber wisse sie genau, was sie wolle. Dass es bei der WM mit der Medaille klappen kann, betonte sie folgerichtig, das "war mir die ganze Saison bewusst". Als es geklappt hatte, fiel ihr erst mal nur ein Wort ein: "Wahnsinn."
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(SID)

Gold-Duell zwischen Suter und Weidle: Die Analyse zur WM-Abfahrt

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