Peter Schlickenrieder holte tief Luft, dann legte er los. Der charismatische Skilanglauf-Chefcoach ist für markige Ansagen bekannt, und eine solche hatte er auch vor dem Auftakt der Nordischen Heim-WM in Oberstdorf parat. Nur fiel die ganz anders aus als erwartet.
"Ich bin als Bundestrainer mit dem Ziel angetreten, dass ich in Oberstdorf eine Medaille holen möchte. Nach zweieinhalb Jahren muss man realistisch sein: Das Versprechen kann ich nicht halten", sagte der 51-Jährige vor den Klassiksprints am Donnerstag (Qualifikation 9:00 Uhr/Finals 11:30 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport auf Joyn!), der ersten Medaillenentscheidung der Allgäuer Titelkämpfe, "im Langlauf bewirkt man so schnell keine Wunder."
Kapitulation statt Kampfansage? Bevor der erste Kilometer in Oberstdorf gelaufen ist, wo die deutschen Langläufer - so der Coach kurz nach seinem Antritt Ende 2018 - "spätestens wieder weltspitzentauglich" sein sollten? Nein, als Selbstaufgabe wollte Schlickenrieder seine Äußerungen nicht verstanden wissen.
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"Wir haben uns kontinuierlich verbessert, sind einen Schritt nach vorne gekommen und gut aufgestellt", sagt Schlickenrieder. Nur: Andere Nationen, die Skandinavier, die Russen, sind besser aufgestellt, statt um Medaillen müssen die Deutschen eben darum kämpfen, "dass jeder hier seine persönliche Bestleistung zeigt, idealerweise seine beste Lebensleistung".

Schlickenrieder hofft auf den Heimvorteil am Burgstall-Anstieg

Um zumindest dies zu erreichen, hat Schlickenrieder seine Läufer und Läuferinnen oft auf den brutal schweren Strecken im Ried ("der Burgstall-Anstieg ist weltrekordverdächtig"), die diesmal aufgrund der hohen Temperaturen noch selektiver werden, üben lassen. Im Vorwinter entzog er seine A-Teams temporär dem Weltcup, stattdessen hieß es: Burgstall bis zum Abwinken. "Das ist ein Heimvorteil, dass wir wissen, wann und wo der Hammer kommt", sagt der Coach.
Er selbst weiß, wie man bei Großereignissen als Underdog Medaillen holen kann, Schlickenrieder gewann 2002 in Salt Lake City Olympiasilber im Sprint, als der noch eine deutsche Domäne war.
Doch in der traditionellen Auftaktdisziplin fehlt dem DSV-Team nach dem Abschied von Denise Herrmann zum Biathlon und dem Karriereende von Sandra Ringwald die Topkraft. Lisa Lohmann, frischgebackene U23-Weltmeisterin, darf zwar im Sprint mitmischen, doch Wunderdinge sind von ihr nicht zu erwarten.

Hennig schaffte es in dieser Saison schon aufs Weltcup-Podest

Die größte deutsche Hoffnungsträgerin für Oberstdorf ist zwar ebenfalls im Sprint am Start, doch ihre Paradedisziplinen kommen später: Katharina Hennig, deren Stärken sie für den Skiathlon am Samstag und das 10-km-Rennen am Dienstag prädestinieren, kratzte zuletzt an der absoluten Weltspitze, wurde in Abwesenheit der Norwegerinnen Zweite in Val di Fiemme und in deren Anwesenheit Vierte in Falun.
"Das war auf Strecken, die ihr extrem gut liegen. Man kann jetzt deshalb nicht davon ausgehen, dass sie um eine Medaille mitkämpfen kann", sagt Schlickenrieder: "Top sechs, Top acht - dann haben wir viel geschafft." Hennig soll auch die Staffel anschieben, bei Frauen wie Männern einst das Flaggschiff, mittlerweile nur im Ausnahmefall Medaillen-Anwärter. "Da müssten wir an einem der großen Favoriten vorbei, das ist extrem schwer", sagt Schlickenrieder.
Und deshalb wird es wohl in Oberstdorf zu einem traurigen runden Geburtstag kommen: Am 4. März jährt sich die bislang letzte WM-Medaillen zum zehnten Mal - 2011 gewann die Männerstaffel Filbrich, Teichmann, Göring und Angerer in Oslo Bronze.
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(SID)

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