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Kalb-Blog: Dominanter Day und Sorgen um Snooker-Deutschland

Sorgen um Snooker-Deutschland

12/03/2018 um 14:20Aktualisiert 13/03/2018 um 09:15

Das war beeindruckend: So dominant wie gestern bei seinem 4:0-Finalsieg beim Gibraltar Open über Cao Yupeng habe ich Ryan Day noch nie erlebt. Natürlich: Über eine längere Distanz hätte sich das wieder relativieren können. Aber man hat bei Day wieder einmal sehen können, wie wichtig Selbstbewusstsein ist. Das hat er sich mit seinem Sieg in Riga geholt, und darauf kann er nun aufbauen.

Das bringt mich aber auch sofort auf das nächste Thema, das mir nach dem Gibraltar Open auf dem Herzen liegt. Der Samstag war ja der Tag der Deutschen: Drei deutsche Spieler an einem Tag bei einem Maintour-Event im Einsatz, das hat es meiner Erinnerung nach noch nie gegeben. Das ist zunächst einmal eine sehr gute Nachricht. Sich aber deshalb jetzt zufrieden in Snooker-Deutschland zurückzulehnen wäre ganz verkehrt.

Denn der Samstag hat ja auch gezeigt, wo Defizite liegen: Es fehlt an Erfahrung, es fehlt an Selbstbewusstsein, es fehlt an Matchhärte. Matchhärte entsteht aber nur durch regelmäßige Matchpraxis auf höchstem Niveau.

Verpasste Chancen bei EM

Bei allem Respekt: Bundesliga und German Grand Prix und einmal im Jahr die Deutsche Meisterschaft können das nicht bieten und sind deshalb keine Lösung (wobei der Grand Prix eine tolle Serie ist und wir denen, die die auf die Beine stellen, dankbar sein müssen). International wird eine ganz andere Musik gespielt, und auf der Maintour sind die Anforderungen natürlich einmal deutlich höher. Warum nur hat man bei den Europameisterschaften im Februar dann nicht auch Umut Dikme bei den U21 mitspielen lassen und Simon Lichtenberg bei den Herren?

Startberechtigt wären sie gewesen, und vor Ort waren sie auch; sie hätten nur ein paar Tage länger dableiben müssen. Das wäre eine Chance gewesen, Erfahrung zu sammeln. Aber die Deutsche Billard-Union hat sie nicht gelassen. Sportler sollen nach der DBU nur in ihrer "nativen Altersklasse" (was ist das eigentlich) starten. Warum? Da wurden Chancen verpasst, statt ambitionierte Sportler ohne großen Aufwand zu fördern.

Video - O'Sullivan trifft Kleckers: "Vielleicht spielen wir mal gegeneinander..."

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Einspruch, Euer Ehren!

In dieser Woche beginnen die Weltmeisterschaften der World Snooker Federation (WSF) auf Malta. Deutsche Spielerinnen und Spieler sind nicht dabei, obwohl einige gerne dort gespielt hätten. Der Grund: Die DBU will noch immer nicht Mitglied in der WSF werden, wohl aufgrund politischer Vorbehalte. Dabei kostet die Mitgliedschaft in der WSF meines Wissens nichts und kann auch jederzeit wieder aufgekündigt werden. Die WSF erlaubt auch ausdrücklich, weiterhin bei Meisterschaften von EBSA (Europaverband) und IBSF ("alter" Amateur-Weltverband) anzutreten. Allerdings droht die IBSF den Mitgliedsnationen der WSF mit nicht näher spezifizierten Sanktionen.

Ich habe zu diesem Komplex dem DBU-Präsidenten Helmut Biermann einige Fragen zugeschickt. Unter anderem antwortet mir Biermann: "Die DBU ist zunächst erst einmal nicht dafür da, dafür Sorge zu tragen, dass deutsche Sportler sich für die Maintour qualifizieren!"

Einspruch, Euer Ehren! Ein Sportfachverband ist unter anderem (z.B. neben dem Breitensport) dafür zuständig, ambitionierten und talentierten Sportlern den Weg an die Weltspitze zu ermöglichen! Und das ist im Snooker nun einmal die Maintour. Das ist ungefähr so, als würde der Deutsche Tennis-Bund sagen, er habe kein Interesse daran, dass sich seine Spielerinnen und Spieler auf der ATP-Tour oder der WTA-Tour etablieren. Ganz Deutschland würde sich darüber kaputtlachen und die Existenzberechtigung dieses Verbandes in Frage stellen. Im Billard bekommt es nur niemand mit.

Das Pferd wird falschherum aufgezäumt

Biermann führt weiter als Begründung an, dass die DBU in die Fördersystematik des Bundesministeriums des Inneren (BMI) und des DOSB eingebunden sei. Diese Systematik beinhaltet, dass die Entsendung deutscher Aktiver zu Meisterschaften von EBSA und IBSF gefördert werden, im Gegenzug aber die zukünftige Höhe der Förderung von den Ergebnissen bei diesen Events abhängt. Die gleiche Systematik gilt für Karambol und Pool. Diese öffentliche Förderung sinkt für die DBU übrigens gerade rapide. Grund: mangelnde Erfolge (sollte man vielleicht auch mal hinterfragen)!

Für mich wird das Pferd da falschherum aufgezäumt. Statt sich sklavisch an dieser Systematik und diesen Kriterien zu orientieren müsste man doch zuerst einmal überlegen, wie man den Sport und die Sportler am besten unterstützt und fördert. Dass die Finanzierung dann noch ein großes Problem darstellt gestehe ich zu. Aber erst muss man doch mal wissen, wo man eigentlich hinwill. Im Snooker sind die internationalen Strukturen eben andere als im Pool oder Karambol; Snooker ähnelt da eher Tennis. Da muss die DBU dann auch mal mit BMI und DOSB diskutieren und diese Problematik darlegen; dann würde sie vielleicht auch von Erfolgen deutscher Sportler und Sportlerinnen bei WSF-Events und auf der Maintour profitieren.

Sorry, dieser Blog ist jetzt sehr lang geworden. Aber in mir brennt eine große Sorge. So wie im Moment kommen wir in Snooker-Deutschland nämlich nicht weiter, sondern leben allenfalls von Zufällen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr / Euer Rolf Kalb

Video - Fluke von Day: Wenn Rot einfach in die andere Tasche will...

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