"Bei 9:5 für David war es eigentlich schon vorbei", sagte Williams ja selber. Damit hat er sicherlich Recht. Und trotzdem kam es anders: Der Waliser gewann fünf Frames in Folge und damit den Titel.
Auch seine Comebacks zuvor waren beeindruckend: Gegen Jack Lisowski holte er nach 0:3 ebenfalls fünf Frames in Folge, und im Halbfinale gegen Noppon Saengkham drehte er ein 2:5 noch zum 6:5. Wer dreimal so aufholt, dem ist es nicht egal, ob er gewinnt oder verliert. Der will gewinnen. Und zwar unbedingt. Den Schlüssel zu solchen Aufholjagden verriet er nach dem Triumph im Interview mit "Worldsnooker":
Ich gebe nie auf oder lasse den Kopf hängen, egal wie der Spielstand ist. Meinem Gegner zeige ich nie, wenn ich den Mut verliere. Manchmal dreht sich dann das Ding noch.
Snooker
Mehr Turniere, weniger Spieler: Die neue Snooker-Saison steht an
GESTERN AM 12:10
Manchmal? Das war ganz schön oft. Diese Herangehensweise, niemals aufzugeben, gehört bei einem Spitzensportler natürlich dazu. Daneben und neben dem spielerischen Können muss aber noch etwas anderes hinzukommen: eine beinahe unheimliche mentale Stärke. Ich habe ihn gestern als Mentalitätsmonster bezeichnet. Ich denke, das trifft es.

Ohne Training, aber mit viel Erfahrung

Vielleicht ist es auch wahr, dass Mark Williams in den Wochen zuvor kaum trainiert hat. Aber er ruht derzeit so sehr in sich und ist sich seines Könnens bewusst, dass es eben trotzdem funktioniert hat. Er hat vor einem Jahr sein Spiel umgebaut, und er ist sehr glücklich mit dem Ergebnis. Da weiß dann auch der allerkleinste Muskel, was er machen muss. Seine Erfahrung kommt natürlich noch hinzu.
David Gilbert war nach der schmerzhaften Niederlage natürlich konsterniert: "Das ist die größte Enttäuschung, die ich jemals erlebt habe", erklärte der Engländer:
Bei 9:5 habe ich mich gut gefühlt, aber dann habe ich eine Rote vermasselt.
Es ist im Snooker gar nicht so selten, dass ein einziger Ball ein ganzes Match kippen lassen kann. Es war ja gestern auch zu beobachten: Die Sicherheit und Selbstgewissheit bei Gilbert schmolz wie Butter in der heißen Sommersonne. Dann wird der Druck natürlich auch immer größer: "Im letzten Frame habe ich mich nicht mehr gut gefühlt." Das war nicht zu übersehen.
Williams hat aber selber auch analysiert, dass nicht in erster Linie Gilbert das Match verloren habe, sondern eher er es gewonnen habe. Und da stimme ich auch zu: Es war ja nicht zu übersehen, dass er immer besser und immer stärker wurde. Er spürte die zunehmende Schwäche seines Gegners, und das machte ihn nur noch stärker.
Für Gilbert kann ich nur hoffen und ihm wünschen, die bittere Niederlage schnell aus dem Kopf zu bekommen. Vielleicht ist es für ihn gar nicht so schlecht, dass in dieser Woche schon wieder Qualifikationen anstehen. "Business as usual" kann helfen, den Blick wieder nach vorne zu richten.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
Snooker
"Durfte ihm ein Guinness holen": O'Sullivan verrät seine Idole
14/05/2021 AM 19:01
Snooker
Mein persönlicher Saison-Rückblick: Champions und die wahren Helden
12/05/2021 AM 14:16