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Riesig: Alexander Ursenbacher hat Spaß mit seinem Spiel und wir mit ihm

Riesig: Alexander Ursenbacher hat Spaß mit seinem Spiel und wir mit ihm

21/10/2017 um 11:39Aktualisiert 21/10/2017 um 12:07

Jetzt also das Halbfinale beim English Open. Alexander Ursenbacher rollt die Snooker-Welt auf und schafft in Barnsley den größten Erfolg seiner noch jungen Karriere. Was der 21-jährige Schweizer da leistet ist einfach nur der Wahnsinn. Er ist ja nicht unter die letzten vier gekommen, weil sich die Dinge einfach glücklich entwickelt haben. Er hat das vielmehr durch überragende Leistungen geschafft.

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Shaun Murphy und Michael White, gegen die er die letzten beiden Matches gewonnen hat, sind ja nun nicht gerade Fallobst. Und Alexander Ursenbacher hat gegen die beiden ja auch nicht gewonnen, weil er sie auf dem falschen Fuß erwischt hat. Er hat sie spielerisch geschlagen. Er hat so stark gespielt, dass sie seiner Offensiv-Power nichts entgegenzusetzen hatten. Sicheres Lochspiel und sehr flüssiges Breakbuilding waren die Pfunde, mit denen er gewuchert hat.

Aber er hat in dieser Woche die Gegner nicht nur überrollt. Auch wenn er unter Druck geriet, vielleicht sogar hintenlag, hat er das Richtige gemacht: einfach auf sich vertraut und sich auf den nächsten Ball und den nächsten Frame konzentriert.

Als der Schweizer im Frühjahr U21-Europameister wurde, da war es bereits das zweite Mal, dass er sich für die Maintour qualifiziert hatte. Das erste Mal hatte er es 2013 über die Q School geschafft. Damals hat er, ehrlich gesagt, nicht unbedingt Bäume ausgerissen. So ist er nach zwei Jahren auch wieder von der Tour gefallen. Das ist kein Makel. Auf der Maintour führt man ein ganz anderes Leben.

Die meisten denken ja, sie hätten es geschafft, wenn sie auf die Tour kommen. Falsch! Dann fängt das harte Leben erst an. Die Lernkurve, die man nehmen muss, ist enorm. Nicht alle sind dazu in der Lage.

Nicht mit Erwartungen überfrachten

Die zwei Jahre, die Alexander Ursenbacher wieder bei den Amateuren gespielt hat, haben ihm vielleicht sogar gutgetan. Er hat gemerkt, dass die Welt sich weiter dreht, auch wenn der Profi-Traum erst einmal geplatzt ist. Er hat sich weiterentwickeln können, ist reifer geworden und hat auch den Spaß am Snooker wiedergefunden. Das ist auch jetzt der Schlüssel. Er setzt sich nicht unter Druck. Er spielt nicht für sein Land, nicht für andere. Er spielt für sich, will sein bestes Snooker spielen, und will, wie er World Snooker im Interview verriet, sein Snooker genießen und Spaß damit haben.

Das ist in meinen Augen die richtige Einstellung. Es gibt ja auch andere Beispiele, bei denen es bei den Spielern erst beim zweiten Anlauf geklappt hat. Neil Robertson und Ding Junhui gehören dazu. Und die haben ja nicht die schlechteste Karriere hingelegt.

Wird er jetzt Stammgast in den Halbfinals? Müssen wir ihn bei der WM zum Favoritenkreis zählen? Nein, natürlich nicht!

Wir dürfen ihn jetzt auch nicht mit Erwartungen überfrachten. Wir sollten es genauso machen, wie auch er es machen sollte: Den Erfolg, den er jetzt hat, genießen und Spaß daran haben. Es werden auch wieder bittere Niederlagen folgen. Aber es werden auch wieder weitere Erfolge kommen.

Viele erwarten jetzt auch, dass Lukas Kleckers es dem Alex nachmacht. Gemach, gemach. Lukas hat durchaus schon gute Leistungen gezeigt, aber zuletzt fehlten die Ergebnisse. Überfrachten wir auch ihn nicht, gönnen wir ihm auch Zeit für die notwendige Lernkurve, wie auch Alex sie gebraucht hat. Dann können irgendwann auch die Ergebnisse kommen.

Erst einmal werde ich heute aber eine Riesenfreude dabei haben, zum ersten Mal einen deutschsprachigen Spieler im Halbfinale eines Ranglisten-Turnieres kommentieren zu dürfen.

Herzliche Grüße

Ihr / Euer Rolf Kalb

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