Den Vorsprung auf Novak Djokovic hat Rafael Nadal mit seinem Turniersieg beim Melbourne Summer Set, einem Vorbereitungsturnier, ausgebaut. Im Finale des 250er-Turniers im Melbourne Park, dem Austragungsort der anstehenden Australian Open (ab 13. Januar live bei Eurosport), schlug er am Sonntagmorgen deutscher Zeit den US-Amerikaner Maxime Cressy glatt in zwei Sätzen 7:6 (8:6), 6:3.
Im 19. Jahr in Folge holt der Mallorquiner damit einen Titel auf der ATP-Tour - den insgesamt 89. in seiner Karriere. Besser sind seit Beginn der Open Era nur Jimmy Connors (109 Titel), Roger Federer (103) und Ivan Lendl (94). Seinem langjährigen Rivalen aus Serbien (86) hat er "distanziert".
"Ich komme nach einigen herausfordernden Momenten im Hinblick auf Verletzungen zurück, deswegen könnte ich nicht glücklicher sein", sagte der 35-Jährige zu seinem perfekten Comeback nach gut fünfmonatiger Verletzungspause aufgrund einer komplizierten Fußverletzung. Kurz vor Weihnachten, als er bei den Mubadala World Tennis Championship seine ersten Matches seit dem Masters in Rom im August spielte, fing er sich zudem noch das Coronavirus ein. "Es bedeutet mir viel, zurück zu sein und das mit einer Trophäe in meinen Händen."
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Eine Trophäe könnte er rein theoretisch auch am 30. Januar in die Höhe recken. Dann nämlich steht das Finale der Australian Open an.
Aber ist das wirklich realistisch?

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"Die Wahrheit ist, es war ein kompliziertes halbes Jahr. Aber ich habe diese Woche wieder an Wettkämpfen teilgenommen und die Dinge liefen einigermaßen gut. Es war nach so langer Zeit einfach wichtig, wieder ein offizielles Turnier zu spielen, ganz egal ob ich gewinne oder verliere", schätzte Nadal seine aktuelle Lage in einem Interview mit dem Radiosender "Onda Cero" am Sonntag ein.
Es habe während seines Tour-Comebacks "bessere und schlechtere Momente" gegeben. Am Ende habe er sich jedoch wieder auf gutem Niveau messen können. "Das war es, was ich wollte. Weitere Schritte nach vorne machen und wieder positive Gefühle kreieren."

Rafael Nadal in Melbourne

Fotocredit: Getty Images

Klar ist: Die Favoriten beim ersten Saison-Highlight Down Under sind andere. Ganz gleich ob Novak Djokovic, dessen Einreiseposse die Schlagzeilen der Tenniswelt seit Tagen bestimmt, letztlich im Melbourne Park aufschlagen wird oder nicht, dürften Daniil Medvedev (Nummer zwei der Welt) und auch Alexander Zverev (Nummer drei) zu den heißesten Eisen im Feld zählen.
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Stefanos Tsitsipas (Nummer vier) werden aufgrund einer gerade überstandenen Ellenbogenverletzung samt OP bei seinem Comeback auf der Tour allenfalls Außenseiterchancen ausgerechnet. Genau wie den Underdogs um Andrey Rublev (Nummer fünf), Wimbledon-Finalist Matteo Berrettini (Nummer sieben) und Youngsters wie Felix Auger Aliassime (Nummer neun), Jannik Sinner (Nummer elf) und Casper Ruud (Nummer acht).

Rafael Nadal kennt seinen Körper

"Ganz ehrlich: es ist schwer vorstellbar, dass Rafa in Melbourne gewinnt", schätzt Tennis-Experte Jorge Ordas von Eurosport España in Madrid ein. Es sei zunächst auch nicht das Ziel des 35-Jährigen, der sich nach einem schwierigen Jahr 2021 erst wieder körperlich wohlfühlen müsse, ehe er an höhere Ziele denken könne.
Doch es gibt auch gute Gründe dafür, Nadal, der aktuell an Position sieben der Welt geführt wird, in den Kreis der Favoriten aufzunehmen. Nicht bloß aufgrund vergangener Erfolge in der Rod Laver Arena, in der er fünf Mal im Finale stand und 2009 im Endspiel gegen Roger Federer den Titel gewann.
Nadal kennt seinen Körper bestens und hat schon in der Vergangenheit nach Verletzungen bewiesen, wie schnell er wieder zu Höchstform auflaufen kann. Die Reise nach Australien wagte der Spanier in erster Linie, weil er sich körperlich dafür gewappnet sieht, die Strapazen eines zweiwöchigen Majors durchzustehen. Ist das der Fall, hält der Körper, gehört Nadal allein aufgrund seiner Reputation und Erfahrung zu den Besten.

Rafael Nadal mit der Trophäe des Melbourne Summer Set 2022

Fotocredit: Getty Images

Seine Auftritte beim Melbourne Summer Set jedenfalls belegen eine mindestens ordentliche Fitness, auch wenn Gegner wie Ricardas Berankis (Nummer 104 der Welt), Tallon Griekspoor (65), Emil Ruusuvuori (95) und Maxime Cressy (112) natürlich nicht der beste Maßstab sind.

Corretja traut Nadal weiteren Grand-Slam-Titel zu

"Ich vertraue darauf, dass es noch diesen einen großartigen Titel mit ihm (Nadal, Anm. d. Red.) zu feiern gibt. Nicht irgendein großartiger Titel, ich meine einen Grand Slam", prognostizierte kurz vor Weihnachten auch der ehemalige Topspieler Alex Corretja am Rande der "Padel Awards", zu denen er als Stargast geladen war.
"Man hat einfach immer das Gefühl, dass er noch etwas im Köcher hat und noch einmal etwas Großes erreichen wird. Man darf einfach nicht an so besonderen Typen wie ihm zweifeln. Auch nicht, wenn er von einer langen Verletzung zurückkommt", so die einstige Nummer zwei der Welt weiter.
Dabei ginge es seinem Landsmann mitnichten darum, noch einmal den Platz an der Sonne zu erobern und Djokovic oder wen auch immer von Platz eins in der Weltrangliste zu verdrängen. Es gehe schlicht und ergreifend um Grand-Slam-Titel.

Jagd nach Titel 21: Nadal im Vorteil?

Aktuell steht Nadal genau wie Djokovic und auch Federer bei 20 Titeln bei den vier wichtigsten Turnieren im Tennissport. Die Jagd nach Nummer 21 ist längst eröffnet - und Nadal könnte aufgrund der Ereignisse um den Djoker, der sich Stand jetzt noch immer im Clinch mit den australischen Einreisebehörden befindet, derzeit sogar leicht im Vorteil zu sein.
Auch Jorge Ordas, von Eurosport España in Madrid weiß: "Wenn das Turnier startet und Nadal beginnt, Matches zu gewinnen, wissen wir alle, was passieren kann. Wir kennen Rafas Siegermentalität."
Und trotzdem versucht man in Spanien die Erwartungen zurückzuschrauben - Realismus ist das Gebot der Stunde. "Trotz der Ereignisse um Djokovic wissen wir, dass der Serbe immer noch die besten Chancen hat, Grand-Slam-Titel Nummer 21 zu erreichen. Das körperliche und spielerische Niveau ist aktuell einfach höher", sagt Ordas.
Das mag vielleicht in Australien zutreffen, aber in ein paar Monaten, beim zweiten Jahres-Highlight in Paris, könnte dann schon alles für Nadal sprechen.
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