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"Dampfwalze und Sieger der Herzen" - Was von den French Open bleibt

"Dampfwalze und Sieger der Herzen" - Was von den French Open bleibt

10/06/2019 um 14:48Aktualisiert 11/06/2019 um 19:37

Die French Open 2019 sind Geschichte: Über allen thront wieder einmal Rafael Nadal, der seinen zwölften Titel in Paris gewonnen hat. Doch wer hat sich wirklich in die Herzen der Zuschauer gespielt? Ist es der unermüdliche Arbeiter Nadal oder könnte Dominic Thiem der legitime Nachfolger von Roger Federer werden? Sigi Heinrich schätzt das Geschehen in Roland-Garros ein.

Natürlich sind die nackten Zahlen ein Wahnsinn. Nur auf Paris bezogen: Zwölf Endspiele, zwölf Siege. Nur zwei Mal hat Rafael Nadal überhaupt in seiner Karriere ein Match auf dem roten Sand der französischen Hauptstadt verloren. Jetzt ist es also wieder passiert. Logischerweise könnte man formulieren. Was sonst?

Wie aber lässt er uns, die Zuschauer, zurück? Ist es Ehrfurcht vor den großen Taten? Respekt vor einer faszinierenden Serie? Und vor allem: Wie tief gräbt sich sein Spiel in unsere Seele ein? Was vor allem bleibt haften? Einer Dampfwalze gleich rollt er über seine Gegner hinweg.

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Im Finale konnte Dominik Thiem nur zwei Sätze lang diese fast übernatürliche physische Präsenz kompensieren mit hohem Tempo, tollen Aufschlägen und gefühlvollen Stopps. Doch irgendwann war Nadals Betriebstemperatur so hoch, dass jegliche Versuche des Österreichers, den spanischen Stier zu stoppen, ins Leere liefen.

Federers Leichtigkeit

Und allen anderen Konkurrenten von Nadal ist es erneut in diesem Jahr nicht anderes ergangen. Auch Roger Federer musste klein beigeben im Halbfinale. Leider. Denn wie viele Tennis-Fans bin auch ich ein erklärter Anhänger des Schweizers und vor allem seiner Art, Tennis zu spielen. Bei Nadal hat man den Eindruck, er kommt im Blaumann auf den Platz. Bereit zu schwitzen, zu kämpfen, sich vollends hineinzusteigern in das Match.

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Dagegen scheint Federer im Smoking mit sauber gebundener Fliege an die Grundlinie zu gehen. Und von dort spielt er die schweren Schläge mit der Leichtigkeit eines Zauberers. Dort, bei Nadal, der schier nie enden wollende Trommelwirbel, während Roger Federer leise Töne mit ähnlichem Erfolg anschlägt. Ganz zart und doch noch immer mit der Durchschlagskraft, die notwendig ist, um ein Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier zu erreichen.

Verschiedene Ansätze

Irgendwann später, wenn beide nicht mehr aktiv sein werden, wird man sich eben dieser unterschiedlichen Art, sich diesem Spiel zu widmen, erinnern. Federer wird dabei vor Nadal stehen wie McEnroe auch vor Agassi. Und wo wird Dominik Thiem landen, wo Novak Djokovic? Der Serbe ist im Sympathie-Ranking nicht so arg weit vorne, was ungerecht sein mag, aber auch damit zu tun hat, dass seine Auftritte mitunter von aggressiver Arroganz begleitet werden.

Dagegen scheint Thiem fast prädestiniert zu sein als legitimer Nachfolger von Roger Federer. Er ähnelt ihm figürlich und in seiner Spielweise. Dass ihm die scheinbare Leichtigkeit des Schweizers noch fehlt, ist verständlich. Noch immer ist Thiem ein Lernender. Er ist zwölf Jahre jünger als der Schweizer, hat freilich mittlerweile auch nicht mehr so arg viel Zeit, um die Rekordlisten mit seinem Namen zu schmücken.

Thiem als Sieger der Herzen

Allerdings muss das nicht unbedingt das Maß der Dinge sein, um sich in das Gedächtnis eines Tennis-Fans zu brennen. Dominic Thiem ist schon jetzt ein Gewinner, ein Sieger der Herzen.

Er hat halt bloß Pech, dass die Dampfwalze aus Spanien noch immer genug Kraftstoff im Tank hat um vermutlich auch in den nächsten Jahren weiterhin den Sand in Paris zu seiner speziellen Spielwiese zu machen.

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