Von Tumaini Carayol, Tennis-Reporter des Guardian
Zina Garrison, die erste Afroamerikanerin, die seit 32 Jahren ein Grand-Slam-Finale erreichte, saß 1990 vor dem größten Match ihres Lebens in der Umkleidekabine von Wimbledon, als es einen kleinen Tumult gab.
Während sich die große Martina Navratilova darauf vorbereitete, Garrison auf dem Center Court zu begrüßen, erschien Althea Gibson mit einer Flasche Champagner und freudestrahlendem Gesicht.
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"Mir ging es wirklich gut, bis sie hereinkam - und plötzlich lagen meine Nerven blank", sagte Garrison lachend in einem Interview im vergangenen Jahr. "Der Grund? Sie sagte, 'hier bekam ich meinen Champagner, als ich gewann' - und das kurz bevor ich spielen musste. Ich musste respektvoll sein, aber ich wollte sagen: 'Das will ich jetzt nicht hören!'"
Gibsons Freude war mehr als verständlich, denn sie hatte 32 Jahre lang auf diesen Moment gewartet. Über drei Jahrzehnte zuvor war Gibson für ein paar flüchtige, aber magische Jahre, die beste Spielerin ihrer Zeit.
1956 war sie die erste Afroamerikanerin, die bei den French Open einen Grand-Slam-Titel gewann - es war der Startschuss einer Erfolgsgeschichte.

Gibson: Von einer Baumwollfarm auf den Tennis-Thron

In den nächsten drei Jahren erreichte die US-Amerikanerin in acht Anläufen sieben große Grand-Slam-Einzelfinals und setzte sich je zweimal in Wimbledon und bei den US Open die Krone auf. Darüber hinaus wurde Gibson sowohl 1957 als auch 1958 zur AP-Athletin des Jahres (Auszeichnung zum Weltsportler*in in den USA; Anm. d. Red.) gekürt. Als sie 1957 von ihrem ersten Wimbledon-Triumph nach Hause zurückkehrte, wurde sie von 100.000 Zuschauern empfangen.
Die Geschichte der Tennis-Ikone ist ein Wunder inmitten von erstickendem Rassismus und Ausgrenzung. Gibson wurde 1927 auf einer Baumwollfarm geboren. Als Gibson etwa drei Jahre alt war, zogen sie und ihre Familie während der "Great Migration" - der großen Wanderung - nach Harlem, einem Stadtbezirk von New York City.
Obwohl sie wenig später bei zahlreichen Turnieren der American Tennis Association ihr Talent unter Beweis stellte, wurde sie von den United States National Championships (den US Open) ausgeschlossen, da die meisten Qualifikationsturniere zur damaligen Zeit in Tennis-Klubs stattfanden, zu denen nur Weiße Zugang hatten.
Es bedurfte eines offenen Briefes der ehemaligen Siegerin Alice Marble, der die zuständigen Behörden bloßstellte, damit Gibson endlich den zu der Zeit größten Sport in den Vereinigten Staaten in voller Gänze ausüben konnte.

Althea Gibson 1959

Fotocredit: Getty Images

Gibson unterstützt nächste Generationen

Gibson war ihrer Zeit weit voraus, doch auch als die Konkurrenz sie einholte, zeigte sie Größe. Die US-Amerikanerin teilte selbstlos ihren Erfolg, indem sie es sich zur Aufgabe machte, ihre Nachfolger zu unterstützen.
So spielte sie 1973 im Alter von 46 Jahren im Mixed mit dem 30-jährigen Arthur Ashe. Außerdem war sie 1990, wie eingangs erwähnt, in der Umkleidekabine von Wimbledon anwesend, als sich Garrison auf ihr Finale gegen Navratilova vorbereitete.
Einige Jahre später beobachtete ihre frühere Doppelpartnerin und enge Freundin Angela Buxton zwei überaus talentierte schwarze Teenager namens Venus und Serena Williams beim Tennisspielen in ihrem Garten, woraufhin sie Gibson anrief.
Die schüchterne, aufgeregte Venus sollte schon bald die zweite dunkelhäutige Frau werden, die Wimbledon gewinnt. Ihre Schwester Serena führte noch lange vor ihrer Profi-Laufbahn ein Schulprojekt über Gibson durch.
Einige Jahre später, 1997, kurz vor Venus' spektakulärem US Open-Debüt, das erst im Finale gegen Martin Hingis endete (4:6, 0:6), sprach Gibson erneut mit Venus.

Gibson ermutigt Venus Williams: "Sei, wer du bist"

In dem Buch "The Match: Althea Gibson and a Portrait of a Friendship" wird geschildert, wie Gibson Williams in einem Gespräch ermutigte: "Sei, wer du bist und lass deinen Schläger sprechen. Die Menge wird dich lieben."
Vor dem Wimbledon-Finale 2000 rief Gibson bei Garrison, die zu der Zeit als Fed-Cup-Chefin der USA aktiv war, mit mehreren technischen Ratschlägen für Venus an. Die Ältere der beiden Williams-Schwestern solle ihre Füße mehr bewegen und ihre Knie beugen.
Garrison, die sich möglicherweise an den Druck erinnerte, der auf ihr nach der Begegnung mit Gibson vor dem Wimbledon-Finale 1990 lastete, beschloss, bis zum Ende des Spiels zu warten, um Williams die Nachricht zu übermitteln. Bis zu dem Zeitpunkt, als Williams das Finale gewonnen hatte.
Dennoch stärkte es die Verbindung zwischen den beiden Generationen und zeigte, wie ernst Gibson ihre Rolle als Pionierin auch aus der Ferne nahm.

Althea Gibson

Fotocredit: Getty Images

Gibson: Wegbereiterin für Osaka und Co.

Das letzte Jahrzehnt im Leben der ehemaligen Weltklasse-Spielerin war hart. Mit der Zeit verschwanden nicht nur ihre außergewöhnlichen Erfolge, sondern auch sie selbst immer mehr. Mitte der 90er-Jahre hatte Gibson trotz ihres Erfolgs kaum noch Geld, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Ein Anruf bei Marble, in dem Gibson ihre Selbstmordgedanken beschrieb, veranlasste die ehemalige US-Open-Siegerin, die Tenniswelt zu mobilisieren, die nach Jahren des Ignorierens schließlich finanzielle Unterstützung anbot.
2003, Gibsons letztem Jahr bevor sie starb, sah sie zu, wie der Sport, der ihr einst die Teilnahme an wichtigen Turnieren verweigerte, von zwei dunkelhäutigen Frauen dominiert wurde. Die beiden Schwestern Venus und Serena Williams, die damalige Nummer eins der Welt, standen sich gleich in mehreren Grand-Slam-Finals (insgesamt neun) gegenüber. Und das war erst der Anfang.
Bei den US Open im vergangenen Jahr waren insgesamt neun dunkelhäutige Spielerinnen am Start, was gleichbedeutend mit einem neuen Rekord war. Gegenwärtig stehen acht dunkelhäutige Spielerinnen in den Top 100 der WTA-Weltrangliste, von denen etliche in der jüngeren Vergangenheit ihre Stimme erhoben, um sich gegen Rassismus auszusprechen und somit wiederum die nächsten Generationen zu inspirieren.
In dem Buch "Venus Envy" bemerkte Autor Jon Wertheim, dass Gibson als Venus Williams im Jahr 2000 als zweite schwarze Spielerin zum Ehrenmitglied des All England Lawn Tennis Club ernannt wurde, vor ihrem riesigen Fernseher saß und triumphierend ein Glas Ginger Ale hob.
Auch ohne Champagner hatte sie ihrer Nachfolgerin den Weg dafür geebnet.
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