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"Ich bin wütend": War's das für Federer in Wimbledon?

"Ich bin wütend": War's das für Federer in Wimbledon?

15/07/2019 um 13:43Aktualisiert 16/07/2019 um 08:16

Novak Djokovic und Roger Federer haben mit ihrem epischen und ganz nebenbei längsten bislang gespielten Wimbledonfinale Tennis-Geschichte geschrieben. Vom Publikum verehrt wird dafür jedoch nur einer: Roger Federer. Der Schweizer startete mit fast 38 Jahren einen beeindruckenden Angriff auf seinen neunten Wimbledon-Titel. War es sein letzter?

Die Sympathien waren klar verteilt.

Immer wieder während dieser 4:57 Stunden dauernden Tennis-Demonstration zweier Ausnahmekönner schallten Sprechchöre über den berühmtesten Tennisplatz der Welt. Die Zuschauer auf dem Centre Court in Wimbledon unterstützten ihren Liebling: "Ro-ger, Ro-ger!"

Das Fan-Missverhältnis war so groß, der spätere Sieger Novak Djokovic musste einen Trick anwenden, um die eigene Konzentration hochzuhalten. "Wenn sie 'Ro-ger, Ro-ger' rufen, dann höre ich 'No-vak, No-vak'. Es klingt komisch, aber so ist es. Ich überzeuge mich selbst davon, dass es so ist."

Nun ist der Serbe selbst - nicht erst seit gestern - eine absolute Tennis-Legende. Sein fünfter Wimbledon-Titel stellte Djokovics persönlichen Grand-Slam-Zähler auf 16. Er hat nunmehr vier der letzten fünf Majors gewonnen, ist Weltranglistenerster und zurzeit ohne Zweifel der beste Tennisspieler der Welt.

Novak Djokovic à Wimbledon en 2019

Novak Djokovic à Wimbledon en 2019Getty Images

Federer trauert vergebener Chance nach

Die Sympathien des Anhangs gehören dennoch anderen. Sie gehören Roger Federer.

Wimbledons größter Platz ist längst nicht mehr Boris Beckers persönlicher Happy-Place, der Eurosport-Experte muss sich sein Wohnzimmer mit Federer teilen. Der Schweizer hat hier legendäre Schlachten geschlagen. Gegen Roddick, gegen Murray, gegen Nadal und eben Djokovic.

"Enttäuscht, traurig und wütend" sei er, sagte der Rekordchampion, nachdem er hauchdünn an seinem 21. Grand-Slam-Titel und dem neunten in Wimbledon vorbeigerauscht war:

"Ich weiß gar nicht, was ich im Moment fühle. Ich fühle auf jeden Fall, dass ich eine so unglaubliche Chance liegen gelassen habe, dass ich es kaum glauben kann."

In einem denkwürdigen fünften Satz hatte Federer beim Stand von 9:8 bereits wie der sichere Sieger ausgesehen. Doch bei eigenem Aufschlag vergab der 37-Jährige zwei Matchbälle. Djokovic kam zurück und gewann schlussendlich 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 (7:3) - eine der bittersten Niederlagen in der ruhmreichen Karriere von "König Roger". Nie zuvor hatte er ein Grand-Slam-Finale nach eigenem Matchball verloren.

"Es war ein großartiges Match. Es hat alles geboten. Wir haben großes Tennis geboten. Gratulation an Novak, das war verrückt", sagte Federer und gestand mit einem vielsagenden Grinsen: "Es wird eine Weile dauern, das zu überwinden - auch körperlich."

Novak Djokovic (SER) speaks with Roger Federer (SUI)

Novak Djokovic (SER) speaks with Roger Federer (SUI)Getty Images

Federer ist noch nicht fertig

Es ist so eine Sache mit der Regeneration. Federer ist eben keine 24 mehr. Ganz im Gegenteil: In 25 Tagen feiert der "Maestro" seinen 38. Geburtstag. In den vergangenen Jahren hat er den eigenen Turnierplan schon mächtig eingedampft, lange sogar die komplette Sandsaison weggelassen, ehe er 2019 wieder bei den French Open auftauchte.

Federer wird getrieben von unbändigem Ehrgeiz, der puren Freude am Spiel und der Jagd nach Rekorden. Ein weiterer großer SIeg würde ihn zum ältesten Grand-Slam-Gewinner der Geschichte aufsteigen lassen und seiner ruhmreichen Laufbahn dadurch einen weiteren Rekord hinzuzufügen.

"Im Moment tut es weh und sollte es auch", sagte der Weltranglisten-Dritte und richtete den Blick damit unmittelbar nach dem Finale schon wieder nach vorne:

"Ich bin sehr stark darin, vorwärts zu schauen, weil ich nicht wegen eines unglaublichen Tennismatchs depressiv sein möchte. Ich werde schon bald das Positive aus dem Match ziehen. Davon gibt es Tonnen."
Novak Djokovic, Roger Federer

Novak Djokovic, Roger FedererGetty Images

Federer nimmt eine Auszeit

Noch ist Federer nicht am Ende. Die Niederlage gegen Djokovic soll nicht der Abschluss seiner langen Grand-Slam-Final-Geschichte gewesen sein. "Ich bin dieses Mal eher hässig als traurig", sagt der Schweizer und würde "wütend" sagen, wäre er Deutscher. Sein Ziel sind nun die US Open.

Um sich optimal vorbereiten zu können, gönnt sich der vierfache Vater nun eine Pause, lässt das Turnier in Montreal aus und kehrt erst Mitte August in Cincinnati zurück. Zwei Wochen später beginnt das Turnier in New York.

"Irgendwann vergesse ich auch diese Niederlage. Es bringt ja nichts, dauernd daran zu denken. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen", sagt Federer. "Und Ablenkung habe ich genug. Für mich heißt es nun: Zurück in die Rolle als Vater und Ehemann."

Dann startet in New York der nächste Angriff auf Titel Nummer 21. Und im kommenden Jahr sicher auch der erneute Angriff auf die Wimbledon-Krone.

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