Noch immer macht man in Österreich gute Miene zum mittlerweile recht bösen Spiel. Stets nämlich lautet der Tenor, wenn die winterlichen Erfolge ausblieben, dass man sich das, ja genau das, im Grunde wünschen würde. Siege nur von Einheimischen erfüllen nämlich nicht den Zweck aller Bemühungen, der darin liegt, möglichst viele Menschen aus dem Ausland nach Österreich zu locken, damit sie dort Urlaub machen - im Schnee mit Ski und Rodel.

Denn der Tourismus und der Skisport, so wird uns schon seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig erzählt, gehören hier zusammen. Nicht umsonst ist sogar ein Bundesland (Tirol) eine der großen Sponsoren des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV). Und damit dies auch immer alles prima in Szene gesetzt wird, sorgt man mittels ehemaliger Aktiver für wohlwollende Berichterstattung im öffentlichen Fernsehen (ORF). Und weil auch ein Boulevardblatt ("Krone") brav mitzieht, ist immer alles super in Ordnung. Nach außen hin zumindest.

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Hirscher fehlt allen

Im Innenleben des Verbandes dürfte es indes schwer rumoren. Zuletzt waren beim Slalom in Zagreb Schweizer, Deutsche und gar drei Südtiroler vor dem besten Österreicher platziert. So krass sollte die Gästewerbung dann doch nicht ausfallen. Die Jahre mit dem Überflieger Marcel Hirscher sind vorüber, jetzt stellt sich Katzenjammer ein. Die "ORF"-Kollegen müssen vornehmlich ausländische Sportler vor die Kamera holen. Die Einschaltquoten brechen weg.

Nur noch die Hälfte derer, die früher vor dem Fernseher saßen, sind noch dabei. Ständige Verlierer will niemand sehen. Der Aderlass beschränkt sich dabei nicht nur auf die Alpinen und nicht nur auf ein Geschlecht. Es geht ziemlich komplett momentan in die falsche Richtung. Nach hinten statt nach vorne.

Verpasste Chancen

Der nordische Skisport hat den Dopingdolchstoß von Seefeld noch in den Knochen. Die Disziplin wurde ausgelagert. Die damals verantwortlichen Funktionäre sind zum Teil nicht mehr dabei. Die Entscheidungsträger des Verbandes hingegen schon noch.

Von Erneuerung kann deshalb keine Rede sein. Auch bei den Biathleten versäumte man die Chance auf einen Neuanfang. Persönliche Verbindungen waren in Österreich schon immer wichtiger als mutige Maßnahmen. Wenn man nicht höllisch aufpasst, setzt man in fast allen Bereichen die Zukunft aufs Spiel.

Die guten Trainer ziehen weg

Dabei hat man in Österreich dank gut funktionierender Zusammenarbeit von Schule und Sport (Skigymnasium Stams oder Skihandelsschule Schladming) bessere Grundlagen als wohl die meisten umliegenden Länder in den Alpen. In Deutschland etwa ist man bis heute nicht in der Lage gewesen, entsprechende Institutionen zu schaffen. Und auch das österreichische Know-how ist gefragt. In vielen Wintersportdisziplinen arbeiten österreichische Trainer. Die meisten sehr erfolgreich.

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Es sind allerdings meist diejenigen Fachleute, die sich im Ausland verdingen, die zuhause keine Chance haben, weil sie sich nicht dem rigorosen Diktat der Verbandsführung unterordnen wollen. Viele Spitzenkräfte sind deshalb verloren gegangen. Auch das trifft auf wirklich alle Disziplinen zu.

Vorzüglicher Gastgeber

Im Augenblick rettet sich der ÖSV noch mit seinen zweifellos stets hervorragend organisierten Veranstaltungen über die Runden. Aber auf Dauer wird man nicht damit zufrieden sein, immer nur den vorzüglichen Gastgeber zu spielen. Das rüttelt auch am Selbstverständnis der selbsternannten Wintersportnation Nummer eins.

Erneuerung täte not. Oder ein Retter wie Marcel Hirscher, der die sich ausbreitenden strukturellen und damit zusammenhängenden personellen Probleme lange Zeit überdeckt hat.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive den komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.

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