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Heinrich-Blog: Warum der Abschied vom Winter diesmal besonders schwerfällt

Heinrich-Blog: Warum der Abschied vom Winter diesmal besonders schwerfällt

26/03/2019 um 10:50Aktualisiert 26/03/2019 um 11:29

Der Winter ist vorbei und mit ihm der Wintersport. Vier Monate wurden wir in Atem gehalten als staunende Zaungäste schier übermenschlicher Leistungen. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich hat das Ganze mal wieder hautnah miterlebt. Jetzt überkommt ihn eine Wehmut, die nicht verschwinden will - allerdings nicht nur, weil ihm die sportliche Vielfalt auf Eis und Schnee fehlen wird.

Ist das jetzt Wehmut? Oder was rumort da so in mir? Ich war doch vor ein paar Tagen noch ziemlich froh, dass der Winter vorbei ist. Keine Torstangen mehr, keine Schanzenhügel, keine Schüsse am Waldrand. Stattdessen Schneeschmelze und Ruhe. Frühling. Erwachen. Endlich.

Warum also bin ich so unruhig? Ich ahne die Antwort. Die Erlebnisse der kalten Jahreszeit werden mir fehlen.

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Mit großen Augen und ungläubigem Staunen habe ich zuletzt die fliegenden Menschen in Planica bewundert und mich in Oslo zum wiederholten Mal gefragt, wie man mit einem Puls von 160 kleine schwarze Scheiben treffen kann. Oder wie man fast schutzlos mit 130 km/h einen Berg hinunter rasen kann mit möglichst wenig Kurven.

Apropos Kurven. Slalom. Auch unbegreiflich, diese kurzen Kanteneinsätze und Richtungswechsel. Wie Seiltänzer balancieren die Ski-Asse auf ihrem schmalen Grat. Und erst die Eiskunstläufer! Drehen sich viermal um die Körperachse und landen wieder perfekt. Dabei sieht alles so spielerisch, so leicht aus. Aber das, vermutlich, ist ja die Kunst.

Von Ski bis Biathlon: Wir leiden mit, wir erleben mit

Vier Monate werden wir in Atem gehalten. Woche für Woche sind wir staunende Zaungäste schier übermenschlicher Leistungen, die freilich stets irgendwie gemessen und miteinander verglichen werden. Das bringt uns Nähe und lässt uns intensiver teilhaben. Wir leiden mit, wir erleben mit, ja wir sind mittendrin und dabei. Mit Leidenschaft.

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Und wir verfolgen natürlich die Protagonisten dieser Show. Wir sehen ihre Stürze, lesen von ihren Verletzungen, freuen uns mir ihren Siegen und versuchen auch, ihre Enttäuschungen zu verstehen. Letzeres fällt uns schwer, weil wir uns natürlich viel lieber mit Siegern identifizieren wollen. Mit strahlenden Siegern natürlich, die es zuhauf gab.

Mikaela Shiffrin, Markus Eisenbichler, Marcel Hirscher, Dominik Paris, Nathan Chen, Johannes Thingnes Bö, Dorothea Wierer, Ryoyo Kobayashi, Franceso Friedrich, Tina Hermann. Von Ski alpin über Biathlon bis Skeleton hatten wir immer wirklich die Qual der Wahl.

Große Persönlichkeiten werden der Zirkusmanege fehlen

Doch diese Wehmut, die da nicht verschwinden will, hat noch einen anderen Grund als die in den nächsten Monaten fehlende sportliche Vielfalt auf Eis und Schnee.

Im nächsten Jahr werden nämlich einige der Stars fehlen, die wir regelmäßig mit großem Vergnügen verfolgt haben. Auch wenn das ein eher normaler Vorgang ist, so hinterlässt er doch Spuren. Vor allem, wenn es wirklich große Persönlichkeiten sind, die aus der weißen Zirkusmanege verschwinden.

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Felix Neureuther, der Sonnyboy mit dem großen Namen und dem gewinnenden Lächeln. Axel-Lund Svindal, dessen Wiederauferstehungen von zahlreichen Verletzungen stets einem Wunder glichen. Lindsey Vonn, das Glamourgirl der Liebling des Boulevards. Anastasia Kuzmina, die Gold bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen gewann. Oder die elegante Eisfee Carolina Kostner, deren Pirouetten uns fehlen werden.

Jede Saison fordert ihren Tribut und kehrt auch immer wieder die Schattenseiten des Leistungssports hervor, denn kein Winter vergeht ohne neue Dopingfälle und weitere zum Teil wirklich unfassbare Enthüllungen. Die vergangenen Wintermonate werden uns ausgehend von Seefeld und ziemlich flächendeckendem Blutdoping deshalb weiter beschäftigen. Und so nimmt der Winter doch kein Ende. Irgendwie.

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