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LIGAstheniker: Warum der Hamburger SV in die zweite Liga gehört
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Publiziert 01/05/2017 um 11:46 GMT+2 Uhr
Der LIGAstheniker ist vom Hamburger SV enttäuscht. Und auch wieder nicht. Denn schließlich kommt es jetzt endlich so, wie es kommen musste: der HSV steigt ab. Oder? Die Liga ist dem HSV jedenfalls nicht mehr zu zumuten - und umgekehrt auch nicht. Am Ende täte der Abstieg dem Klub womöglich gut: Dann kann er neu finden, was dringend neu erfunden werden muss.
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Fotocredit: Eurosport
Der Satz stammt nicht aus dem Sensations-Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" von Peter Wohlleben. Sondern von Mergim Mavraj, Abwehrspieler beim Hamburger SV, zum eher unbeliebten Thema: "Die öffentliche Selbstdemontage eines Traditionsvereins".
Gesagt nach dem 0:4 beim FC Augsburg, das so etwas war wie... ja, was war das eigentlich? Eine Trottelei? Eine Blamage? Arbeitsverweigerung? Oder mehr noch, das hilflose Flehen eines senilen alten Sacks, der darum bettelt, endlich ins Heim abgeschoben zu werden, nach 54 Jahren zuhause im Oberhaus?
Das ist die Erkenntnis drei Spieltage vor Schluss: Die Liga ist dem HSV nicht mehr zu zumuten - und umgekehrt auch nicht. Hamburg wird absteigen müssen, um sich in seinen Strukturen erneuern zu können.
HSV-Homepage feiert Augsburgs Tore
Aber wer glaubt, das Spiel allein war schon die größte Peinlichkeit, der hat gestern nicht den Live-Ticker auf der Homepage des HSV verfolgt. Das war derart unfreiwillig komisch, als hätte Böhmermann den Hamburgern einen Virus aufgespielt.
Zur Halbzeit jedenfalls, der HSV lag bereits mit 0:2 hinten, tickerte der HSV: "Falls ihr euch wundert, warum hier auf unserer Webseite im Ticker auch Augsburg-Tore gefeiert werden. Beide Vereine tickern über denselben Anbieter. Aus unerklärlichen Gründen laufen auch die Ereignisse 'Tor' und 'Gelbe Karten' in unseren Ticker ein. Es gibt so Tage..."
Ja, ja, es gibt so Tage... In der 28. Minute vermeldete also der hauseigene Live-Ticker des Hamburger SV das erste Tor mit sieben O's und sechs Ausrufezeichen. Verschriftlicht sieht das dann so aus: "Tooooooor!!!!!!".
Ertappt: HSV fühlt sich schuldig
Das 4:0 durch Augsburgs Bobadilla feierte der HSV online sogar mit acht O's. War ja auch geil. Am Ende zählte man auf www.hsv.de ein 8:0 für die Augsburger (weil alle Tore doppelt gezählt wurden). Der HSV verliert in seinen eigenen Medien freiwillig doppelt so hoch wie in der Realität.
Man kennt so ein Verhalten eher aus der Ganovenszene, wenn der Täter in Wahrheit geschnappt werden will, damit die Albträume aufhören, er endlich wieder ruhig schlafen kann, er seine Schuld loswerden kann.
Soweit ist es für das Gründungsmitglied der Bundesliga also gekommen: Der HSV fühlt sich in der Bundesliga schuldig, weil er spürt, dass er in der Erstklassigkeit nichts mehr verloren hat.
Neuanfang statt Umbruch
Heribert Bruchhagen kann's nicht gewesen sein, also das mit dem Virus, er habe vom Internet nicht so die große Ahnung, hat er mal gesagt. Seit einem halben Jahr neuer Vorstandsvorsitzender, wozu man ihn allerdings braucht, wenn die Hamburger in der zweiten Liga reüssieren, das bleibt offen.
Bruchhagen ist ein Mann der Geld ausgeben will, mit ganzheitlichen Reformansätzen, die aus der Not geboren sind, hat er es nicht so. Man könnte sich die ganze Häme ja auch sparen, wenn die HSV Fußball AG an der Sylvesterallee die Zeichen der Zeit erkannt hätte.
Stattdessen tut Bruchhagen immer noch so, als wolle er die Bayern nach Lahm und Alonso in die Zukunft führen, wenn er, wie drei Tage vor dem Augsburg-Spiel davon spricht, einen Umbruch einzuleiten. Was genau umbrochen werden soll, dass konnte er aber nicht sagen.
Die Ankündigung allein und das Ungesagte, das da mitschwang (viele Spieler werden keine Zukunft beim HSV haben) dürfte die Mannschaft weiter verunsichert haben. Warum Bruchhagen in der heißen Phase des Abstiegskampfes damit an die Öffentlichkeit ging, wird sein Geheimnis bleiben.
Dass es in Hamburg keinen Umbruch braucht (den braucht Ancelotti in München), sondern einen kompletten Neuanfang, das will Bruchhagen offensichtlich nicht begreifen. Aber vielleicht glaubt er auch nur rein phonetisch an eine namentliche Expertise: der Umbruchhagen.
Der HSV-Wurm
Übrigens, auch dass ein echter News-Hammer auf der Website der Hamburger gestern abend: Zukünftig kann die Mitgliedschaft im HSV über ein Onlineformular beantragt und abgeschlossen werden. Unter www.raute-dich.de habe jeder jetzt die Möglichkeit, Teil der HSV-Familie zu werden.
Mehr als 200 HSVer (hey!) hätten dies in den vergangenen Tagen bereits genutzt, ist da zu lesen, und dabei einmal mehr gezeigt, "dass wir HSVer immer zusammenstehen".
Auch hier wird offensichtlich die zweite Liga schon vorweggenommen. Wenn der Wurm, der so tief drin steckt im HSV, einfach nicht mehr raus will, dann ist der Weg des Wurms in die zweite Liga offensichtlich der kürzere. In zwanzig Tagen ist es verbrieft.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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