Taktik-Check: Die Gründe für den Hannover-96-Traumstart
VonLuca Baier
Publiziert 15/09/2017 um 10:08 GMT+2 Uhr
Dass das Freitagabendspiel zwischen Hannover 96 und dem Hamburger SV (20:30 Uhr LIVE im Eurosport Player) mit Blick auf die noch junge Tabelle ein Spitzenspiel wird, ist durchaus ungewöhnlich. Besonders der Aufsteiger ist furios in die Saison gestartet und zeigte durchweg gute Leistungen. Eurosport.de analysiert im Taktik-Check, warum die Mannschaft von Trainer André Breitenreiter so stark ist.
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Sieben Punkte nach drei Partien sind eine mehr als ordentliche Ausbeute. Für einen Aufsteiger ist diese Leistung umso beachtlicher.
Punktet Hannover 96 auch gegen den HSV, setzen sich die Niedersachsen an die Tabellenspitze - zumindest über Nacht. Schaut man sich die bisherigen Spiele an, stechen drei Erfolgsfaktoren klar ins Auge.
Hannover: Der spielende Aufsteiger
Hannover baut das Spiel kontrolliert auf, auch unter Druck suchen sie das Flachpassspiel in der eigenen Hälfte. Die Innenverteidiger bieten sich bei eigenen Abstößen fast auf Höhe der Torauslinie an, die zentralen Mittelfeldspieler sowie die Außenverteidiger zeigen sich ebenfalls als tiefe Anspielstationen.
Schon der erste Abstoß im letzten Spiel gegen Wolfsburg sorgte für eine hundertprozentige Torchance:
Der breit stehende Innenverteidiger Salif Sané eröffnete auf Rechtsverteidiger Julian Korb und bot sich sofort wieder an. Der in dieser Zone unübliche Doppelpass hebelte Wolfsburgs erste Linie aus und Hannover konnte über die zentralen Mittelfeldspieler und Flügelstürmer Martin Harnik viel Raum gewinnen und hinter die gegnerische Abwehrkette kommen - Jonathas erwischte die Hereingabe in der Mitte nicht perfekt, ansonsten hätte es schon mit dem ersten Angriff im Wolfsburger Kasten geklingelt.
Ein Angriff, der kein Zufall war, wie André Breitenreiter auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den HSV betonte:
Damit unterscheidet sich Hannover von der üblichen Herangehensweise der Bundesligaaufsteiger – hier gilt meist: hoch und weit bringt Sicherheit.
Hannover spielt zwar auch viele lange Bälle, bereitet diese aber gezielt vor. Weil die ersten Pässe flach gespielt werden und sich viele Spieler im ersten Drittel anbieten, muss der Gegner weit und ebenfalls mit viel Personal vorrücken, um Druck aufbauen zu können. Ist das gegnerische Team also angelockt worden, folgen oftmals lange Bälle hinter die gegnerischen Außenverteidiger.
Hier können Hannovers Offensivspieler um Martin Harnik, Felix Klaus oder auch die Mittelstürmer Niklas Füllkrug oder Jonathas ihr Tempo und ihre Fähigkeiten beim Abschirmen von Bällen einbringen.
Breitenreiters Zahlenspiele: Meisterstück gegen Schalke
4-4-2, 5-2-3, 4-3-3, 4-2-3-1, 4-3-3: Breitenreiter wechselte bislang sehr oft das System, teilweise auch während des Spiels. Spieler wie Harnik (Mittelstürmer/Flügelspieler), Bakalorz (Sechser/Achter/Zehner), Waldemar Anton (Sechser/Innenverteidiger) können auf unterschiedlichen Positionen agieren, sodass die Wechsel leicht fallen.
Ein Paradebeispiel für Hannovers Flexibilität war das Spiel gegen den FC Schalke. Gegen das königsblaue 3-4-3 stellte Breitenreiter sein Team im 5-2-3 auf. Der Gedanke dahinter: Schalke besetzt die letzte Linie mit drei Stürmern und den hohen Außenspielern, also nutzte Hannover eine Fünferkette. Die Sechser kümmerten sich um Schalkes Sechser, vorne konnte man die drei Innenverteidiger mit drei Stürmern pressen. Diese klaren Zuordnungen sorgten für klare Verantwortlichkeiten und provozierten viele Zweikämpfe - eine Stärke der Hannoveraner.
Dass sie zudem während des Spiels ständig zwischen Angriffspressing und dem tieferen Verteidigen in der Ordnung wechselten, störte den Schalker Spielfluss ungemein.
Mit dem Ball formierte sich Hannover dann jedoch im 4-3-3: Anton rückte aus der Innenverteidigung auf die Sechs, sodass Hannover im Mittelfeldzentrum eine 3-gegen-2-Überzahl hatte – so gewann man den Großteil der zweiten Bälle. Als Schalke später auf 3-5-2 umstellte, stärkte Breitenreiter das Mittelfeld, indem er Anton dauerhaft auf die Sechs stellte und mit Bakalorz einen weiteren laufstarken Spieler fürs Zentrum brachte.
Eurosport-Check:
Hannover erwischte einen wahren Traumstart. Die sieben Punkte sind klar verdient, mit etwas mehr Genauigkeit beim letzten Pass hätte es gegen Wolfsburg sogar einen Sieg geben können. Die taktische Disziplin und Flexibilität ist beeindruckend, Breitenreiter und sein Trainerteam haben im Sommer offenbar viel in diesem Bereich gearbeitet.
Nun wird es interessant sein zu sehen, was Breitenreiter gegen das 4-2-3-1 des Hamburger SV ausheckt. Ein 4-3-3 würde wieder für klare Zuordnungen im Mittelfeld sorgen und wohl ein hohes Pressing bedeuten, bei einem 5-2-3 könnte man hingegen abwartender agieren und dem HSV den Ball überlassen. Eines steht jedoch fest: Gegen diesen untypischen Aufsteiger werden es die Hamburger sehr schwer haben.
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