Calmund exklusiv über Frauenfußball: Vergleicht Frauen nicht mit Männern!

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Reiner Calmund ist ein großer Fan des Frauenfußballs. In seinem exlusiven Yahoo-Blog appelliert der 66-Jährige leidenschaftlich an die Kritiker.

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Fotocredit: Eurosport

Am vergangenen Montag hatte ich die Ehre, anlässlich der Einführung des neuen deutschen Botschafters in Thailand – Exzellenz Peter Prügel – zu Gast in der thailändischen Botschaft in Berlin zu sein.
Ich bin immer wieder gerne mit meinen thailändischen Freunden zusammen, die sich ihrerseits immer wieder nach unserer Adoptiv-Tochter Nicha erkundigen und sich freuen, dass es unserer kleinen thailändischen Prinzessin so gut geht.
Bei diesem Treffen in der Residenz stand diesmal weder die große Politik noch unsere Kleine im Mittelpunkt. Plötzlich war der Fußball das große Thema, was relativ selten ist in Gesprächen mit Thai. Der Fußball spielt dort zwar durchaus eine gewisse Rolle, aber nicht annähernd eine so große wie in Deutschland.
An diesem Abend war das anders...
Und dies aus einem ganz speziellen Grund: Das deutsche Frauen-Nationalteam spielte im letzten Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft in Kanada gegen Thailand. Bei den Thailändern war der 3:2 WM-Sieg gegen die Elfenbeinküste und das letzten Gruppenspiel gegen Deutschland zum Tagesgespräch unter Thailändern in aller Welt und in der Botschaft geworden.
Dass es am Ende 4:0 für Deutschland hieß, nahm niemand übel. Die Unterschiede im Frauenfußball sind groß, nach der Ausweitung der Weltmeisterschaft von 16 auf 24 Länder durch die FIFA war klar, dass es deutliche Ergebnisse geben wird. So überraschte keinen Kenner das 10:0 der deutschen Elf gegen die Elfenbeinküste.
Deutschland qualifizierte sich als Gruppen-Erster für das Achtelfinale, und trifft nun auf Schweden. Gegen unseren WM-Final-Gegner von 2003 sind unsere Mädels sicherlich Favorit, doch Vorsicht vor dem Weltranglisten-Fünften. Bundestrainerin Silvia Neid fordert: "Ab jetzt heißt es, auf den Punkt alles abzurufen, Leidenschaft zu zeigen und alles zu geben. Und dann entscheidet die Tagesform, wer ins Viertelfinale einzieht."Doch Fakt ist schon jetzt:
Die WM im fernen Kanada elektrisiert die Menschen hier in Deutschland in einem Maße, wie man das früher nie für möglich gehalten hätte. Bei dieser WM schalteten schon rund 7 Millionen Fans das Vorrundenspiel gegen Norwegen ein, über 6 Millionen Zuschauer wollten die Partie gegen Thailand sehen – jeweils am späten Abend. Und im Achtelfinale gegen Schweden sitze ich als Fan mit der gesamten Familie natürlich auch wieder gespannt vor der Flimmerkiste.
Wäre ich Politiker, würde ich sagen: Der Frauenfußball ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das Nationalteam als Flaggschiff düst mit aufgeblähtem Segel vorweg, Silvia Neid und ihre Auswahl sind längst ein Lieblingskind der Deutschen geworden.Mich begleitet der Frauen-Fußball seit vielen Jahren. Als ich Mitte der Siebziger Jahre meinen DFB-Organisationsleiter-Schein machte, nahm mit Irmgard Stoffels eine Frau am Kurs teil, die mit der SSG-Bergisch-Gladbach die erste von neun deutschen Meisterschaften gewonnen hatte und bis heute eine angesehene Sport-Journalistin ist. Ungefähr zu der Zeit – der DFB hatte Frauenfußball ja erst 1970 wieder erlaubt – erzielte eine junge Schwarze namens Beverly Rangers das "Tor des Monats".
Unfairer Vergleich mit den Männern!
Sie wechselte aus Bonn nach Bergisch-Gladbach, zum erfolgreichsten Team der Pionierzeit, bei dem auch unsere scheidende Bundestrainerin Silvia Neid spielte. Nur einen Steilpass von meinem Elternhaus entfernt, kickte Grün-Weiß Brauweiler mit der ehemaligen Bundestrainerin Tina Theune-Meyer - genau wie Silvia Neid eine Trainer-Legende. Eine besondere Beziehung hatte ich zum Duisburger Frauenfußball, wo Martina Voss (125 Länderspiele), sowohl als Spielerin und später als Trainerin deutsche Titel und zum Höhepunkt den UEFA Cup gewann. Ich habe den Frauenfußball nie aus den Augen verloren und mit der Zeit eine große Sympathie für die Mädels entwickelt.
Sie hatten hart zu kämpfen und kämpften diesen Kampf erfolgreich. Den Frauenfußball mit dem zu vergleichen, was die Männer machen, ist unfair. Das machen wir nicht beim Tennis, nicht bei der Leichtathletik, nicht einmal beim Schwimmen – wir machen es nirgendwo. Diesem Fußball fehlt es vielleicht an Rasanz, an Athletik, an Aggressivität – aber ich vermisse das nicht, wenn ich mir ein Spiel zwischen zwei Frauenteams anschaue. Ich genieße die Technik, den taktischen Fortschritt und die Tatsache, dass sich hier eine Sportart emanzipiert hat. Die Einschaltquoten sind dafür ebenso Beleg wie die Mitgliederzahlen: fast eine Million der insgesamt knapp sieben Millionen DFB-Mitglieder sind weiblich.
Meine Bindungen zu vielen Protagonisten der Szene sind eng und über viele Jahre gewachsen. So hatte ich das Vergnügen, der heutigen Schweizer Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg - die mit ihrem Team gegen das Gastgeberland Kanada im Achtelfinale antritt - bei ihrer Hochzeit mit ihrem Mann Hermann als Trauzeuge zur Seite zu stehen. Und als meine ehemalige Personal-Trainerin Carina Schroers ihre Lebensgefährtin Uschi Holl – seinerzeit erfolgreiche Nationaltorhüterin - heiratete, zeigten die Mädels wie richtig Hochzeit gefeiert wird.
Der Frauenfußball ist längst kein Modetrend mehr und 45 Jahre nach seiner Genehmigung durch den DFB ein fester Bestandteil des größten Einzel-Sport-Verbandes der Welt. Die Mitgliederzahl hat sich verzwanzigfacht.
Ein Stachel im Fleisch bleibt die Resonanz von außen: Es wäre schön, wenn die, die jetzt den deutschen Mädels zujubeln, demnächst auch mal ein Bundesligaspiel besuchen. Berlin, Bremen, Köln, Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, München, Frankfurt, Duisburg – irgendwo ist garantiert ein Bundesligaspiel in Ihrer Nähe. Ich verspreche guten Sport in einer der stärksten Ligen der Welt. Es ist noch nicht alles so durchgestyled wie bei den Männern. Hier gibt’s Bratwurst vom Stahlgrill und Bier im Plastikbecher – so wie es sich gehört beim Fußball.
Ich drücke den Mädels von Silvia Neid gegen Schweden die Daumen und würde mich freuen, wenn Deutschland in Kanada den dritten WM-Titel holt. Aber als Bestätigung braucht der Weltranglisten-Erste den Titel nicht. Und es gibt ein paar Nationen (USA, Frankreich, Japan, Norwegen, Schweden, Brasilien, Kanada), die sind auf Augenhöhe. Da kann man in der KO-Runde auch mal rausfliegen.
Was aber nichts daran ändert, dass der Frauenfußball seine Berechtigung besitzt.
Euer Calli
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