Europas Überraschungsteams Leicester City, Celta Vigo, Angers SCO und Hertha BSC

Eine richtige Winterpause gönnt sich nur die Bundesliga, trotzdem sind die Tage nach dem Jahreswechsel geeignet, um zur Saisonhalbzeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Zumal die internationalen Top-Ligen mit einigen Überraschungen aufwarten. Eurosport-Redakteure aus England, Spanien, Frankreich und Deutschland beleuchten Leicester City, Celta Vigo, Angers SCO und Hertha BSC - und wagen Prognosen.

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Leicester City

Der englische Eurosport-Journalist Tom Adams schildert ein Phänomen: "Leicesters Erfolg ist fast beispiellos. In der Ära der Super-Klubs wurde und wird es ja für unmöglich gehalten, als kleinerer Verein auch nur in die Nähe der Top Vier zu gelangen, geschweige denn, ganz oben mitzumischen - Mitte Januar! Es ist eine der größten Geschichten der Premier League.
Das, was Leicester da veranstaltet, kommt aus dem sprichwörtlichen Nichts. Es war überhaupt nicht abzusehen. Im Vorjahr beinahe abgestiegen, dachten vor der Saison viele, dass es sie diesmal erwischt. Die meisten fanden die Inthronisation von Claudio Ranieri als Trainer ein Desaster - er wurde heiß gehandelt, als es darum ging, welcher Coach als Erstes gefeuert wird.
Leicester hat seinen Erfolg vor allem zwei Männern zu verdanken: Jamie Vardy und Riyad Mahrez, die vor dem Tor unglaublich zielsicher agieren. Vardy schaffte einen neuen Premier-League-Rekord, indem er in elf aufeinanderfolgenden Spielen traf. Aber abgesehen davon hat jeder Einzelne seinen Anteil. Das Team ist sehr gefestigt (und beendete schon die vergangene Saison unter Ranieri stark), hat ein brillantes Konterspiel und ist fantastisch organisiert.
Von Leicester wurde erwartet, dass sie im Januar mit vielen schweren Auswärtsspielen gnadenlos abstürzen, doch sie gewannen bei Tottenham und holten gegen Manchester City einen Punkt."
Prognose: "Nach jeder Logik dürften sie es nicht aufrechterhalten können, ich glaube auch nicht, dass sie Meister werden", sagt Adams. "Aber keiner hat seltener verloren (bloß zweimal), und man kann nicht mehr behaupten, dass sie keine Chance hätten. Auch ein vierter Platz wäre absolut herausragend. Es könnte sogar noch besser laufen…"

Celta Vigo

Nun ist auch der Bundesliga-Bezug hergestellt. Marcelo Diaz verlässt den Hamburger SV, um sich Celta Vigo anzuschließen, "der großen Überraschung in der Primera Division", wie der spanische Eurosport-Journalist Jose Manuel Antequera herausstreicht. Und warum? "Einmal aufgrund ihres Tabellenplatzes, und zum Zweiten wegen ihrer Art des Fußballs."
Vigo ist Fünfter, laut Antequera spielen sie "sehr attraktiv, und Trainer Eduardo Berizzo stellt eine der Schlüsselfiguren dar". Seit 2014 ist der Coach bei den Galiziern, er übernahm von einem gewissen Luis Enrique, der Vigo ein Jahr auf Pressing und Ballbesitz trimmte. Rang neun sprang heraus, Enrique empfahl sich für den FC Barcelona und gewann das Triple.
Das bewahrte ihn nicht davor, im Herbst 2015 vom Ex-Verein geschlagen zu werden - und zwar vernichtend, 1:4. Berizzo hat die Kultur fortgesetzt, nach Platz acht im Vorjahr schwimmen die "Celtinas" trotz überschaubarer Mittel im Teich der großen Fische.
Antequera führt aus: "Sie haben respektive drei Stars. Augusto Fernández, der im Januar von Atlético Madrid verpflichtet wurde; Nolito, der unmittelbar vor einem Wechsel zu Barca steht; und Iago Aspas, der nach Stationen in Liverpool und Sevilla 2015 zurückkehrte."
Zeitweise waren sie Zweiter in dieser Saison, lange Vierter, dann setzte es drei Pleiten am Stück. Am Wochenende gelang jedoch ein spektakuläres 4:3 über Levante, ein Sieg als Brustlöser. Oder?
Prognose: Derzeit spürt Vigo, dass es schwierig ist, die Spitze zu erklimmen - und noch schwieriger, sich dort zu halten. "Es wird sehr hart, das Niveau zu konservieren", glaubt Antequera.

Angers SCO

Im Sommer stieg Angers SCO in die Beletage auf, erstmals nach 21 Jahren. Namhafte Verstärkungen waren nicht drin, mehr noch: Letztmals bezahlte man im Jahr 2004 eine Ablöse. 2004! So blieb dem Klub nichts übrig, als die Provinz abzugrasen, Prototyp dieses Prozesses ist Cheick N'Doye, der ein halbes Jahr später Kapitän ist.
"Angers wird als Symbol für die Liga ohne Großklubs gesehen, Paris ausgenommen. Selbst Teams wie Lyon, Marseille und Monaco haben Probleme, ihre Überlegenheit umzusetzen", sagt der französische Eurosport-Journalist Vincent Bregevin. "Platz drei ist natürlich total unerwartet, Angers galt als erster Absteiger. Daher spielen sie eigentlich weniger, um zu gewinnen, als vielmehr, um nicht zu verlieren!"
Angers tritt so minimalistisch auf, wie es eben geht, rund zwei Drittel der Tore (20 in 21 Partien) entstehen aus Standards, 13 Gegentreffer sind brillant.
Bregevin berichtet: "Andere Mannschaften kennen jetzt den Stil, haben aber immer noch Schwierigkeiten, eine Lösung zu finden. Für PSG war das 0:0 sogar glücklich. Angers steht defensiv sehr geordnet, mit viel Athletik und Lufthoheit, Effektivität und Konterstärke. Das ist alles nicht spektakulär, bringt die Qualitäten jedoch perfekt ein."
Prognose: Angers SCO ist ein Mirakel, mindestens vergleichbar mit Leicester in England. Fluch der guten Tat (und des Mini-Budgets): Ludovic Butelle verabschiedete sich nach Brüssel, Abdoul Camara zu Derby County, auch N'Doye ist auffällig geworden. "Das wird zum kritischen Faktor", sagt Bregevin. "Zudem sind Lyon oder Monaco nicht mehr international vertreten. Kommen die größeren Klubs auf Touren, dürfte der Widerstand von Angers gebrochen sein."

Hertha BSC

Der FC Bayern dominiert einmal mehr, wie er will, Dortmund hat sich gefangen, doch dahinter folgen nicht Schalke oder Leverkusen und schon gar nicht der ziemlich enttäuschende VfL Wolfsburg. Es ist Hertha BSC, das sich auf Rang drei breitgemacht hat, und das hätte vor der Saison wohl keiner gedacht.
Die Berliner haben Perioden im Abstiegskampf hinter sich, zeitweise in der 2. Liga (2010/11 und 2012/13). Es bestand keine echte Grundlage, an eine derartige Entwicklung zu glauben. So erstaunt es einigermaßen, was Hertha in der Hinrunde veranstaltete, andererseits ist der Erfolg kein Zufall.
"Wenn man uns regelmäßig im Training zuschaut, müssen wir nicht über Wunder reden. Dann müssen wir über Arbeit reden", betont Trainer Pal Dardai. Er meint den Fitnesszustand, der für Kapitän Fabian Lustenberger "fast der Hauptfaktor" dafür ist, dass es so prächtig läuft.
Dardais Elf spielt kontrolliert und organisiert, die Neueinkäufe (Darida, Ibisevic, Weiser) schlugen ein. Es klingt abgedroschen, ist aber so: Hinten kompakt (18 Gegentore, die zweitwenigsten der Liga), vorne effizient (Hertha hat mit Abstand die beste Chancenverwertung), Euphorie gesellt sich hinzu, und das Ganze verselbständigt sich ein wenig. Zumindest bislang.
Prognose: Es wird herausfordernd, die Auftritte zu wiederholen. Für die Champions League scheint Hertha auf Dauer nicht stark genug, die Qualifikation für Europa ist jedoch allemal realistisch. Abstürzen werden die Berliner nicht.
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