Calmund exklusiv: Emre Can kann ein Weltstar werden

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Reiner Calmund nimmt exklusiv die U21 des DFB unter die Lupe und verrät, welchen Spielern er eine wirklich ganz große Karriere zutraut.

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Fotocredit: Eurosport

Der deutschen U21-Nationalmannschaft ist bei der Europameisterschaft in Tschechien Historisches gelungen. Mit dem Erreichen des Halbfinales am Abend gegen Portugal wurde auch das Ticket zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gelöst. Zum ersten Mal seit Seoul 1988 spielt damit wieder ein deutsches Männer-Fußballteam beim größten Sportereignis der Welt.
Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie die Mannschaft von 1988 um Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler in Deutschland für Begeisterung sorgte. Mit Hannes Löhr saß damals ein ähnlicher Typ wie heute Horst Hrubesch auf der Trainerbank: Ein väterlicher Routinier, eher ruhig, aber durchaus in der Lage, auch mal dazwischenzuhauen.
Die TV-Einschaltquoten vom Dienstag belegen, dass auch das aktuelle Team seinen Rückhalt in der Fan-Gemeinde besitzt. Fast sieben Millionen Menschen schauten sich die 90 Minuten gegen Tschechien an und freuten sich am Ende über die doppelte Qualifikation, für das EM-Halbfinale und Olympia.
Olympia ohne ter Stegen oder Leno
Die Regeln von FIFA und IOC sorgen dafür, dass die wenigsten der Profis, die das Olympia-Ticket buchten, auch in Rio dabei sein dürfen. Spieler wie die Keeper Marc-André ter Stegen und Bernd Leno, die Abwehrspieler Robin Knoche und Julian Korb oder die Offensivkräfte Felix Klaus, Moritz Leitner, Yunus Malli und auch Kapitän Kevin Volland sind vor dem Stichtag für diesen Wettbewerb (1. Januar 1993) geboren.
Drei ältere Spieler darf Hrubesch für Rio nominieren, er wird in Ruhe sondieren. Wie ich ihn kenne, wird er auf "seine" Jungs wie Volland oder Ter Stegen eher setzen als auf Top-Spieler, die ja bereits gehandelt wurden. Sicher bin ich, dass bis dahin Youngster wie Davie Selke, Levin Öztunali und Julian Brandt schon aufrücken werden, wie jetzt schon der Bald-Münchner Joshua Kimmich, der als 1995er Jahrgang noch U20 spielen könnte.
Diese U21 ist spätestens seit 2009 eine feste Größe des deutschen Fußballs und im Bewusstsein der Fans. Kein reines Nachwuchsteam mehr, eher Zuliefer-Betrieb für die A-Nationalmannschaft. Sechs Spieler, die 2009 Europameister mit der U21 wurden, holten 2014 den WM-Titel: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil. Toni Kroos und Mario Götze waren damals noch gar nicht dabei, aber schon kurze Zeit später ebenfalls A-Nationalspieler.
Sehe wir wieder künftige Weltmeister?
Können die heutigen Top-Talente des deutschen Fußballs einen ähnlichen Weg gehen wie die Jungs von 2009? Bei den Torhütern würde ich ohne Einschränkung ja sagen – wenn da nicht Manuel Neuer vor Marc-Andre ter Stegen und Bernd Leno stünde. Beide verkörpern internationale Klasse, werden aber mittelfristig nicht an Neuer vorbei kommen. Pech gehabt!
Die Abwehr ordne ich auf ordentlichem Bundesliganiveau ein, da muss man die Entwicklung bei Spielern wie Heintz oder Ginter abwarten. Einen Boateng, Hummels oder Höwedes sehe ich momentan nicht. Spieler wie Max Meyer (wenn er die Form wiederfindet), Joshua Kimmich (wenn er in München regelmäßig spielt), Leon Goretzka (wenn er völlig fit ist) sowie Johannes Geis und Emre Can können in den kommenden Jahren eine richtig gute Rolle spielen. Geis kann in Schalke eine Ära prägen, wenn er zu seinen strategischen und schusstechnischen Fähigkeiten die Sache mit dem Tempo in den Griff kriegt. Can wird in Liverpool als Abfangjäger für Firminho eine noch wichtigere Rolle spielen, vor allen Dingen jetzt, wo Stevie Gerrard dort aufhört.
Viele sehen in Emre Can den jungen Michael Ballack. Ich bin da eher skeptisch. Was daran liegt, dass ich ein großer Fan des „Capitano“ bin und nur wenige sehe, die über die Fähigkeiten verfügen, die Ballack zum Weltstar machten. Er hatte das volle Programm drauf, legte defensiv die gegnerischen Zehner an die Kette und traf vorne wie er wollte. Da sehe ich Can noch nicht. Aber seine Präsenz, seine Vielfältigkeit und die Ballfertigkeit lassen hoffen, dass er sich der Weltspitze nähert. Wie auch Geis muss er am Tempo arbeiten, Situationen schneller erkennen und explosiver lösen. Bisher geht mir bei allem Talent zu viel in einem Tempo.
Da muss er – wenn er Weltklasse werden will – gerade auf der zentralen Position mehr Mut zum Risiko zeigen. Mal ein Dribbling, mal ein Schuss aus 30 Metern, mal der verlagernde Pass – diese Elemente müssen häufiger kommen. Dann kann er Ballacks Nachfolger werden. 
Geis und Can, den beiden traue ich eine Zukunft bei Joachim Löw zu.  Was auffällt: Auch bei Hrubesch fehlt – wie in der A-Nationalmannschaft - der Zentrumsstürmer. Volland ist das nicht, Philipp Hofmann kann die Rolle nicht ausfüllen, vielleicht drängt sich Davie Selke demnächst ja in der 2. Liga bei RB Leipzig auf.
Skeptiker, beruhigt Euch!
Nochmal ein kurzer Sprung zurück zur geschafften Qualifikation für Rio: Ich wette jetzt schon darauf, dass sich schon bald die Chefbedenkenträger melden werden. Zu große Belastung, zu wenig Pause, zu viele Spiele, zu lange Reisen – all das werden die Skeptiker ins Feld führen, um die Teilnahme madig zu machen. Tatsache ist: Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, wird dieses Turnier keine nennenswerte Zusatz-Belastung für die Spieler bringen.
Zunächst einmal ist es toll, dieses größte Event der Welt überhaupt genießen zu dürfen. Die Fußballer, die 1988 Bronze in Korea holten, schwärmen heute noch von der einzigartigen Atmosphäre der Spiele, die durch den Austragungsort Brasilien noch einmal verstärkt wird. Wo, bitte schön, spielt es sich besser als in diesem wunderschönen Land?
Tatsächlich meint es der Terminkalender gut mit den Jung-Profis. Die Saison endet Mitte Mai, das Turnier beginnt Anfang August. Gehen wir mal davon aus, dass kein DFB-Spieler gleichzeitig an der EURO in Frankreich (10. Juni bis 10. Juli) teilnimmt, könnte jeder Hrubesch-Schützling locker einen Monat Urlaub machen, Verletzungen auskurieren und regenerieren, bevor die Vorbereitung auf Olympia beginnt. Die Rückkehr aus Brasilien liegt fast zeitgleich zum Beginn der Bundesliga-Saison. Da ich nicht davon ausgehe, dass es in der Olympia-Auswahl zu einer Blockbildung kommt, wird auch kein Verein über die Maßen personell leiden.
Also: Alles halb so wild! Lassen wir den Spielern die Vorfreude und drücken wir ihnen jetzt erst mal die Daumen für das Halbfinalspiel gegen Portugal. Denn Olympia ist erst 2016. Und die EM ist hoffentlich noch nicht vorbei.
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