Freiburger Doping-Kommission hat sich nach Streit mit der Universität aufgelöst

Eines der wichtigsten Projekte des deutschen Sports seit der Wiedervereinigung endet im Chaos: Die Kommission, die die schmutzige Doping-Vergangenheit der Freiburger Universität aufarbeiten sollte, hat sich am Dienstag wegen angeblich fortlaufender Behinderung durch ihren Auftraggeber aufgelöst. Die Aufarbeitung der schmutzigen Breisgauer Vergangenheit steht damit mehr denn je in den Sternen.

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Fünf der sechs Mitglieder der Gruppe gaben am Dienstagnachmittag ihren Rücktritt bekannt. Lediglich die Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli gehörte nicht zu den Unterzeichnern einer entsprechenden Mitteilung, nach SID-Informationen aus formaljuristischen Gründen.
Damit ist mehr denn je unklar, ob das ganze Ausmaß der Verbrechen und Verfehlungen an der Brutstätte der westdeutschen Doping-Vergangenheit jemals ans Tageslicht gelangen wird. Nach neunjährigem "Kampf gegen Windmühlen", in dem sich die Kommission auch mit dem mächtigen Profifußball anlegte, hält sich das hochkarätig besetzte Expertengremium aber eine Hintertür offen.
Man werde der Universität nun einen Abschlussbericht vorlegen, sagte Kommissionsmitglied Fritz Sörgel dem SID, betonte aber angesichts möglicher Zensur: "Dass die Kommissionsmitglieder ihre eigene Sicht der Dinge in einer gesonderten Publikation zur Kenntnis bringen werden, das liegt auf der Hand."

Uni: "Unbegründet und verantwortungslos"

Das Ende war den Mitgliedern zufolge nur der logische Abschluss eines schleichenden Prozesses voller Verschleierungstricks und Störmanöver durch die Uni-Führung um Direktor Hans-Jochen Schiewer. "Es gibt Mitglieder in der Kommission, die einfach nicht mehr können und nicht mehr wollen. Der ewige Kampf gegen Windmühlen hat sie zermürbt", sagte Sörgel. Schiewer hingegen bezeichnete den Rückzug als "unbegründet und verantwortungslos".
Sörgel verdeutlichte die Tragweite des Projektabbruchs: "Durch die als fortlaufend empfundene Verhinderungspolitik der Universitätsspitze wird es keinen ordentlichen Schlussstrich unter einem der wichtigsten Projekte der jüngeren deutschen Sportvergangenheit geben. Man muss sich also fragen, warum offensichtlich nicht das ganze Maß an die Öffentlichkeit soll."
Die Kommission wollte ihren Abschlussbericht ohnehin in Kürze der Universität übergeben, doch weitere Scharmützel zwischen beiden Seiten hielten die Spannungen permanent hoch. Zuletzt berichtete die Kommission über Plagiate und bewusste Datenverfälschung innerhalb der Sportmedizin. Danach stritt man über die Auslegung von Vertragsdetails und über unterschiedliche Auffassungen zur aktuellen Fassung der Geschäftsordnung.

"Immer ein dreckiges Spiel"

Schon zuvor mussten sich die Auftraggeber fast ständig den Vorwurf der Behinderung und Verschleppung gefallen lassen. "Die Uni hat immer ein dreckiges Spiel getrieben. Sie hat Akten versteckt, in Landesarchiven, irgendwelchen Schränken oder in Privatwohnungen von Mitarbeitern. Da sind groteske Sachen passiert", sagte das ehemalige Kommissionsmitglied Werner Franke dem SID: "Natürlich ist der Hintergrund, dass das volle Ausmaß der Dopingvergangenheit nicht an die Öffentlichkeit gelangen soll."
Sörgel fragte sich, warum die Uni die Kommission nicht "einen vielleicht in Teilen recht unangenehmen Bericht" abschließen ließ und dann als 'gereinigte' Universität dastehe?" Das wäre ein gutes Signal gewesen, sagte Sörgel: "Das jetzige wird verheerend sein, wir lassen uns nicht vorführen."
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bedauert den Rückzug der Kommission. Es sei "sehr bedauerlich, dass die Uniklinik und die Kommission nicht zusammengefunden haben, um die Doping-Vergangenheit der Freiburger Uniklinik endgültig aufzuklären", sagte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper auf SID-Anfrage: "Es ist eine verpasste Gelegenheit, sich auch nachhaltig mit der Vergangenheit im Westen auseinanderzusetzen."

Tiefer Sumpf ohne Boden

Die Kommission war 2007 im Zuge des Skandals um das Radsport-Team Telekom mit dem Ziel ins Leben gerufen worden, die Geschichte der Freiburger Sportmedizin zu untersuchen. Schlüsselfiguren sind die ehemaligen Freiburger Professoren Joseph Keul und Armin Klümper, die jahrzehntelang gewaltigen Einfluss auf den deutschen Sport ausübten.
Letztmals erregte die Kommission im März 2015 bundesweit Aufsehen: Eben nicht nur im Radsport, sondern auch im Fußball bei den Bundesligisten VfB Stuttgart und SC Freiburg wurde Ende der 1970er, Anfang der 80er Jahre mit Anabolika hantiert.
Gerade dieser Fall offenbarte aber auch immer größere Differenzen innerhalb der Gruppe. Kommissionsmitglied Andreas Singler veröffentlichte den Skandal kurzerhand auf eigene Faust - und musste zurücktreten.
Fakt ist, dass der Sumpf in Freiburg tief ist und das ganze Ausmaß auch durch die Kommissionsarbeit wohl nicht mal ansatzweise sichtbar wurde. Bewiesen ist: Vor allem Klümper verschrieb einst massenhaft Dopingmittel, stellte Blankorezepte aus, er und Keul vertuschten und verharmlosten, wo sie nur konnten, und auch die Politik legte schützend die Hand über Freiburg.

Fest für Verschwörungstheoretiker

Vor allem Keul besaß auch Pioniergeist. Vier Jahre vor seinem Tod gründete er das noch heute in Freiburg ansässige Biopharma-Unternehmen CellGenix, das beste Kontakte zum US-Pharma-Riesen Amgen (Umsatz 2015: 21,7 Milliarden Dollar) unterhält. Amgen erfand 1985 künstliches Epo. Die Uni wiederum ist an CellGenix beteiligt.
Derlei Breisgauer Geflechte sind ein Fest für Verschwörungstheoretiker. "Ich erlebe hier, dass die Dopingszene exzellent organisiert ist, dass es gelingt, das Schweigen perfekt zu organisieren", sagte einst der Freiburger Oberstaatsanwalt Christoph Frank, der gegen Klümper und später auch im Telekom-Fall ermittelte. Im Jahr 2000, 13 Jahre nach dem bis heute nicht komplett aufgeklärten Tod der von ihm betreuten Siebenkämpferin Birgit Dressel, wanderte der heute 80-jährige Klümper nach Südafrika aus - und schweigt seitdem.
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