Reggie Miller von den Indiana Pacers: Der größte Moment seiner Karriere
Publiziert 21/11/2019 um 17:37 GMT+1 Uhr
Als einer der größten Spieler war Reggie Miller zugleich auch eines der lautesten Egos in der NBA-Geschichte. Im Mai 1995 gelingt dem Star der Indiana Pacers bei den New York Knicks im Madison Square Garden eine denkwürdige Leistung in beiden Spezialdisziplinen: in etwas weniger als neun Sekunden verwandelt Miller die vermeintliche Niederlage im Alleingang in einen Sieg. Triumphgebrüll inklusive!
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Jeder Basketballfan sollte einmal in seinem Leben den Madison Square Garden besuchen, um die Atmosphäre in dieser vielleicht magischsten Austragungsstätte des Weltsports erleben zu können. Der "Garden", wie die New Yorker ihn liebevoll nennen, inmitten der Wolkenkratzer von weitem an seinem flachen, kreisförmigen Erscheinungsbild zu erkennen, das sich so grundlegend von den scharfen Kanten und der in die Höhe strebenden Architektur Manhattans unterscheidet, ist an mehreren Tagen der Woche sein eigener Mikrokosmos, eine Art Dynamo, der die ganze Stadt mit Energie vollpumpt.
Im Laufe der Jahre hat der Madison Square Garden seine Türen für eine ganze Reihe von Legenden geöffnet. Die Liste bedeutender Künstler, Bands und Athleten, die sich im Garden einen Namen gemacht haben, gleicht dem „Who's Who“ der Popkultur. Um es einzugrenzen, kann man sagen, dass alle Großen ihre Spuren im Garden hinterlassen haben, mit einer einzigen, allerdings höchst bemerkenswerten Ausnahme: Die Beatles sind nie am Pennsylvania Place 4 aufgetreten. Fast ein halbes Jahrhundert nach der Trennung der "Fab Four" haben die New Yorker ihren Frieden damit gemacht. Heute haben sie weitaus größere Sorgen als die Beatles - die Rangers etwa, die seit 1994 nicht mehr den Stanley Cup in der NHL gewinnen konnten, oder die Knicks, die vier Jahre später (1998) ihr letztes NBA-Finale gespielt und verloren haben. Seither sind die Knicks der Spott dieser so erfolgshungrigen Stadt. Seit der Jahrhundertwende schafft es das Team nur noch selten, sich überhaupt für die Play-Offs zu qualifizieren.
In den letzten zwei Jahrzehnten wurde die demütigende Pleitenserie der Knicks zum gängigen Narrativ in der NBA. Spieler träumen nicht mehr davon, das Knickerbockers-Trikot zu tragen, dennoch wollen sie alle im "Garden" glänzen. Ein Sieg in der Heimat der Knicks ist zu einem Ritterschlag geworden – ähnlich dem eines Schauspielers, der seine Handabdrücke auf dem Hollywood Boulevard verewigen lässt. Von Kobe Bryant bis LeBron James, von Steph Curry bis James Harden: Sie alle hatten großen Anteil an dem fortschreitenden Niedergang der New York Knicks.
Ein elastischer Körper und eine scharfe Zunge
Es gab aber auch eine Zeit, in der die Knicks in ihrem "Garden" nicht so ohne weiteres zu schlagen waren. Es war eine Ära, in der die Knicks eine Verteidigung hatten wie kein anderes Team in der Liga. Dummerweise reichte auch das nicht, den Allergrößten des Spiels aufhalten zu können: Michael Jordan. Während seiner sechs NBA-Titel mit den Chicago Bulls konnte sich die Nummer 23 gleich vier Mal gegen den berüchtigten Knicks-Coach Pat Riley und sein Team durchsetzen. 1991, 1992, 1993 und 1996 führte Jordan seine Bulls zu vier Playoff-Siegen gegen seinen Counterpart Patrick Ewing und die Knicks.
In den zwei Jahren, in denen die Knicks nicht an Jordan scheiterten, einfach deshalb, weil er eine zweijährige Stippvisite in den Baseball versuchte - mussten sie sich mit einem anderen Superschurken auseinandersetzen. Ein Troublemaker namens Reggie Miller, gesegnet mit einer Doppelbegabung aus Athletik und Mundwerk, die ihm schon bald einen martialischen Spitznamen einbrachte: "Knicks Killer". Kein anderer hat in seiner Karriere mehr von dieser besonderen Energie des Gardens profitiert als Miller. Keiner war von seiner Mentalität her so idealtypisch veranlagt, die berühmteste Arena der Welt zum Schweigen zu bringen wie er. Miller hatte schlicht keine Angst! Neben zwei präzisen Wurfarmen, die bis zur Broadway Avenue reichten, besaß er eine weitere Waffe, die eine zersetzende Kraft entfalten konnte: Millers Mundwerk war so groß, dass er den Big Apple mit einem Biss herunterschlucken konnte.
Die Knicks zahlten einen hohen Preis dafür, als sie am 7. Mai 1995 Opfer der größten Sensation in der Geschichte der NBA-Playoffs wurden. 18 Sekunden vor Schluss führte New York mit sechs Punkten Vorsprung. Neun Sekunden später lagen die Knicks zwei Punkte zurück. In diesen neun Sekunden (oder 8,9 Sekunden, um ganz genau zu sein) hatte Miller die Knicks just in der Stadt, die bekanntlich niemals schläft, mit einem Donnerwetter ins Bett geschickt.
Miller und Indiana, eine Liebesgeschichte
Wenn die Frage nach den besten Spielern in der Geschichte der NBA gestellt wird, fällt der Name Reggie Miller nicht sofort. Millers Karriere hat einen großen Fehler, ähnlich den Karrieren vieler anderer, die Michael Jordans Laufwege kreuzten: Miller hat nie einen Meisterschaftsring an seinem Finger getragen. Er hat nie einen großen Titel gewonnen, er wurde dennoch, eine der legendären Figuren seines Sports. Der Shooting Guard widmete seine gesamte Karriere den Pacers und zeigte eine heute kaum noch vorstellbare Loyalität gegenüber seinem Klub. Indiana war, wenn man so will, eine Ein-Mann-Franchise. Indiana war Reggie Miller.
18 Jahre in Folge bemühte sich Miller, für die beständig mittelklassigen Pacers den Heiligen Gral der NBA zu gewinnen und den Pott in den Bundesstaat Indiana zu holen. Hier war Basketball quasi Religion. Für Miller kam nie die Frage auf, eventuell woanders hinzugehen und mit anderen Superstars seines Spiels die Meisterschaft zu holen und eine eigene Ära zu prägen. Miller liebte Indianapolis und seine Menschen viel zu sehr, um die Stadt zu verlassen. "Indiana ist alles für mich", sagte er einmal in einem Interview mit dem ESPN-Magazin "The Undefeated" im Jahr 2016. "Die Leute sagen: 'Was war Ihr Problem, als Kevin Durant Oklahoma City in Richtung Golden State verließ?' Ich sage, ich habe kein Problem damit, dass er geht. Das ist der amerikanische Traum. Meine ganze Kritik war, dass die Leute den Standpunkt der Fans verstehen müssen, besonders an kleinen Standorten wie Oklahoma City oder in meinem Fall Indiana. Egal was du tust, unsere Fans gehen mit uns durch dick und dünn. Und ich hatte das Gefühl, nachdem Donnie Walsh mich 1987 geholt hatte, dass der Grund meines Daseins darin bestand, in diesen 18 Jahren alles zu versuchen, die Meisterschaft für unsere Fans zu holen, die sich schon so lange danach sehnten."
Vierzehn Jahre nach seinem letzten Spiel ist Miller heute immer noch die Nummer 24 der besten Korbjäger in der Geschichte der NBA (mit 25.279 Punkte). Er war der erste Spieler, der in seiner Karriere mehr als 2.000 "Dreier" erzielte, und bis 2011 war er der Spieler, der die überhaupt meisten erfolgreichen Drei-Punkte-Würfe auf dem Konto hatte (2.560 Dreier). Und in Sachen Loyalität und Vereinstreue, konnten ihm bestenfalls John Stockton und Karl Malone (beide Utah Jazz), Kobe Bryant (Los Angeles Lakers), Tim Duncan (San Antonio Spurs) und Dirk Nowitzki (Dallas Mavericks) das Wasser reichen.
"Wenn du von deiner Schwester geschlagen wirst, lernst du zu sprechen ..."
Dass Miller aus einem anderen Stück Holz geschnitzt war, zeigte sich früh. Vom Tag seiner Geburt an, dem 24. August 1965, war der kleine Reginald Wayne Miller wegen einer Hüftschiefstellung gehbehindert. Um dieses Handicap zu überwinden, musste Miller, bis er 5 Jahre alt war, einen Stützapparat an beiden Beinen tragen. Reggies Geschwister trugen dazu bei, die Rehabilitation ihres Bruders zu beschleunigen und die anfänglichen Befürchtungen zu zerstreuen, dass er niemals normal würde laufen können. Reggie profitierte davon, in eine äußerst sportliche Familie hineingeboren zu sein: Einer seiner Brüder, Darrel, spielte Mitte der 1980er Jahre in der Major League Baseball (MLB), während seine ältere Schwester Cheryl als beste Spielerin des US-Frauenbasketballs galt. Cheryl und Reggie wurden im Abstand von 18 Monaten geboren. Beide liebten Basketball. Aber Cheryl war viel talentierter als ihr schlaksiger jüngerer Bruder, den sie in ihrer Kindheit regelmäßig im Spiel Eins-gegen-Eins besiegte. Aber, er konnte aus der Stärke seiner Schwester reichlich Motivation ziehen und begann an sich zu arbeiten. Miller sagte es einmal so:
Die große, erfolgreiche Schwester war eine ziemliche Herausforderung für Miller. Der junge Mann, der wie Cheryl im Laufe seiner Karriere die Nummer 31 trug, musste aus dem Schatten seiner Schwester heraustreten, um sich selbst einen Namen zu machen. Ihre Erfolge sind noch heute Legende: Cheryl war Schützin von 105 Punkten in einem einzigen Highschool-Spiel, 1984 wurde sie Olympiasiegerin in Los Angeles, 1986 Weltmeisterin in Moskau. Sie liebte es, ihren Bruder, der "die ganze Zeit redete" und "nie die Klappe hielt" im persönlichen Umgang unter Druck zu setzen. Im Eins-gegen-Eins konnte Reggie nichts gegen Cheryl ausrichten, immer hatte sie eine Hand dazwischen. Also änderte er seine Taktik und erfand einen unorthodoxen Wurf, eine Art Bogenlampe, die sich über Cheryls Hände hinweg in den Korb senkte. Diese Wurftechnik wurde zu seiner Handschrift. Er entwickelte auch eine dicke Haut gegen diejenigen, die die Leistungen seiner talentierten Schwester nutzten, um ihn daran zu erinnern, dass er eben "nur" der jüngere Bruder einer Legende sei. Die sarkastischen "Cheryl, Cheryl-Rufe", die die gegnerischen Fans auf ihn anstimmten, würden er schon bald nicht mehr wahrnehmen.
"Reggie Wer?"
Reggie Miller wurde in Riverside, fünfzig Meilen östlich von Los Angeles, geboren. Er schrieb sich 1983 an der Universität von Los Angeles (UCLA) ein und blühte regelrecht auf. Nach Kareem Abdul-Jabbar wurde er der zweitbeste Korbschütze in der Geschichte des College-Basketballs. 1985 gewann er mit UCLA das landesweite Einladungsturnier NIT unter den Universitäten des Landes und ging zwei Jahre später, mit einem Abschluss in Geschichte, in die NBA. Der Draft, die große Talentverlosung der NBA, hatte 1987 ein sehr gutes Niveau. Mit David Robinson gab es einen prognostizierten Star, daneben vielversprechende "Talente" wie etwa einen Scottie Pippen. Das Los Nummer 11 hatte Indiana und der ganze Staat erwartete den Aufruf eines einzigen Namens: Steve Alford, Spitzname: "Mr. Basketball". Als Mitglied der Indiana Hoosiers hatte der Flügelspieler gerade die NCAA-Collegemeisterschaft gewonnen, er war der beste Korbschütze seines Teams und schon ein echter Star. Neun Jahre, nachdem die Pacers mitansehen mussten, wie ein gewisser Larry Bird, der ebenfalls in Indiana groß wurde, nach Boston ging, konnten sie es sich nicht noch einmal leisten, mit Alford den nächsten kommenden Superstar Marke "mustergültiger Schwiegersohn" aus den eigenen Reihen zu verlieren. Doch Donnie Walsh, der damalige General Manager der Pacers, entschied sich, als er am Zug war, für Reggie Miller und nicht für Alford. Damals hochumstritten, war es die beste Entscheidung in Walshs Karriere.
Am nächsten Tag ätzte die Titelseite der lokalen Zeitung mit der Überschrift "Reggie Wer?". Miller selbst war wahrscheinlich am meisten überrascht. Durch und durch Kalifornier musste er plötzlich durch das ganze Land, um im "Hoosier State" in der Provinz Basketball zu spielen. Er selbst war anfangs nur schwer für Indiana zu begeistern. Das konnte jeder an seiner Reaktion sehen, als NBA-Boss David Stern verkündete, dass Miller nach Indianapolis geschickt werde. Miller saß während der Drafts auf einer Couch neben seiner Familie und machte ein verdutztes Gesicht. "Wow, das hat mich überrascht", lachte Schwester Cheryl, noch bevor sie ihrem jüngeren Bruder gratulierte (Cheryl gab später zu, nicht einmal gewusst zu haben, dass Indiana überhaupt eine NBA-Mannschaft hatte). "Es ist großartig", sagte Miller verlegen.
Also packte der junge Reggie Miller seine Koffer und machte sich auf den Weg in den Mittleren Westen. Er nahm eine wichtige Eigenschaft mit, die sein Talent noch wertvoller machte: Er war sehr fleißig und ehrgeizig. In Indiana wurde diese Eigenschaft sehr geschätzt. "Ich habe noch nie jemanden so hart arbeiten sehen wie Reggie Miller", sagte Magic Johnson einmal, nachdem er Miller auf dem UCLA-Campus während der Sommerauswahltrainings gesehen hatte. Larry Bird, der nach seinem Rücktritt als Spieler drei Jahre lang Cheftrainer der Pacers war, sagte, Miller sei "viel härter als er aussieht".
"Kartoffelkopf am Stiel"
Aber was genau machte Miller aus? "Als ich ihn das erste Mal sah, war ich überrascht. Der Typ sah aus wie ein Kartoffelkopf am Stiel", scherzte Mark Boyle in der TV-Dokumentation "Winning Time: Miller gegen die Knicks". Boyle war seit fast drei Jahrzehnten der offizielle Hallensprecher bei den Heimspielen der Pacers, und kein Spieler wurde in dieser Zeit von Boyle häufiger gerufen als der von Miller. Rein physisch betrachtet war Indianas neue Nummer 31 mehr Shaggy als He-Man. Aber was ihm an Muskeln fehlte, machte er zwischen den Ohren wieder wett. Sicher, seine Arme waren dünn und sein Rücken lang und gebogen, aber Miller war ein äußerst kluger Spieler, der sich vor wenig fürchtete – vor allem nicht vor seinen Gegenspielern.
So kam es, dass Miller und die Pacers im Herbst 1987 in einem Saison-Vorbereitungsspiel gegen die Chicago Bulls antraten. Reggie, der Rookie, bekam es mit Michael Jordan zu tun. Jordan war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz der Basketballgott, der er werden würde, aber er war auf dem besten Weg dahin. Und doch hatte die Nummer 23 der Bulls nach den ersten beiden Vierteln keine große Wirkung erzielt. Jordan hatte nur magere vier Punkte erzielt. Miller hingegen bereits 10. Pacers-Mitspieler Chuck Person, bekannt für seinen Trash-Talk auf dem Feld, gab seinem jungen Teamkollegen einen Rat: "Kannst du das glauben? Michael Jordan, der Typ, über den alle reden ... der angeblich über Wasser laufen kann ... aber du machst ihn hier draußen auf dem Feld nass, Reg. Du solltest ihn ansprechen. Rede mit ihm!" Und Reggie tat genau das – um es im selben Augenblick zu bereuen. Michael Jordan übertraf ihn in der zweiten Hälfte des Spiels mit 40 zu 2 Punkten, bevor er Miller mit nur ein paar Worten demütigte:
Diese Anekdote lehrte Miller eine Lektion, die er fast drei Jahrzehnte später dem Late Night-Talker Jimmy Kimmel so erklärte: "Niemals Trash-Talk mit Michael Jordan! Niemals mit Michael!" Doch Versprechen – vor allem solche, die man im Nachhinein gemacht hat – sind bedeutungslos, wenn man sie nicht einhalten kann. Tatsächlich hat Miller niemals aufgehört, Ärger mit dem König des Spiels zu suchen. Einmal hat er es sogar geschafft, dass Jordan die Fassung verlor. Das war 1993 und weil das so selten passierte, muss man es hier einfach mal erwähnen.
Tödliche Würfe
Auf dem Feld agierte Reggie Miller wie ein glitschiger Aal, der sich zwischen den Verteidigern hindurchschlängelte und dann seine tödlichen Würfe ansetzte. 1990 gaben ihm die Pacers einen Vertrag über 16 Millionen US-Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren - und als seine durchschnittliche Punktezahl proportional zu seinem Gehalt anstieg, wurde Miller zum Showman, der während der Spiele immer lauter wurde. Anfang der 90er galt er als einer der größten Trash-Talker der Liga. "Siebzig Prozent meiner Reden auf dem Platz sind für mich persönlich, um mich zu motivieren und mich in Schwung zu bringen. Dreißig Prozent sind dafür da, um zu sehen, ob ich in den Kopf des Gegners komme", erklärte er in der Doku "Winning Time: Miller gegen die Knicks".
Miller stürzte sich auf alles, was sich bewegte. Aber er hatte auch Lieblingsgegner – einen wie John Starks, Shooting Guard der Knicks, dessen Aufgabe es war, Miller in Schach zu halten. Starks ähnelte Miller, die beiden Spieler wurden im selben Jahr geboren, beide liebten Würfe aus der Distanz und waren hart zu verteidigen. Aber den glitschigen Aal Miller zu decken bedeutete auch, einen Marathon hinter ihm herzulaufen und einem unerbittlichen Wortschwall ausgesetzt zu sein. Das Duell mit Miller dauerte so lange, bis er seine Gegner in ein Nervenbündel verwandelt hatte. Starks war dafür das beste Beispiel. "John, sieh dir deine Statistik an! Willst du mich veräppeln? Und du willst in dieser Liga ein Shooting Guard für die erste Sechs sein? Das ist peinlich!", hämmerte Miller einmal mitten im Spiel auf Starks ein. "Reggie, ich weiß, was du da versuchst, lass es!", antwortete Starks brav. Starks wusste, er konnte nichts dagegen tun. In Spiel 3 der Playoffs der ersten Runde der Eastern Conference im Jahr 1993 versuchte Starks sich im dritten Viertel mit einem Kopfschlag von Miller zu befreien und wurde von den Schiedsrichtern umgehend aus dem Spiel genommen. Dass Starks für die Knicks spielte und dazu im Garden, das hatte Miller noch einmal besonders motiviert.
Reggie Miller vs. Spike Lee
Die Knicks wurden zu einer fixen Vorstellung von Miller. Ein Jahr nach der Erstrunden-Niederlage der Pacers in den Play-Offs durch die Knicks (trotz des fatalen Fehlers von John Starks und seiner Suspendierung) markierte Miller erstmals sein Revier im Garden. Es war das Finale der Eastern Conference, Spiel 5. Beide Franchises hatten jeweils zwei Mal gewonnen. Indiana startete in das letzte Viertel mit 12 Punkten Rückstand. Was dann kam, war die "Miller Time". In der heißen Phase erzielte der All-Star 25 Punkte in 12 Minuten und zwang die Knicks-Abwehr beinahe im Alleingang in die Knie. Indiana gewann, weil der überragende Miller an diesem Abend 39 Punkte erzielte. Knicks-Fan Spike Lee sah das völlig anders. Der Regisseur von Filmen wie "Do The Right Thing" saß direkt am Spielfeldrand und verbrachte die meiste Zeit damit, sich über Miller lustig zu machen. Er erwies seinem Team damit einen Bärendienst, denn es entfachte zusätzlich Millers Feuer, das schon bald durch den ganzen Garden loderte.
Nach jedem Korb starrte Miller Lee an und schimpfte zurück. Dann machte er eine Geste, die in die Geschichte der NBA eingehen würde: Er legte eine Hand auf seinen Hals um ein Strangulieren zu simulieren, die andere Hand legte er auf seine Weichteile, so als würde er sie zusammenpressen. Gemeint waren Spike Lee und die Knicks, denen er eine Lektion erteilte: Es sollte sie lehren, zweimal darüber nachzudenken, ob sie es mit Miller, in seinem Spiel, aufnehmen konnten. Von "Danke Dir, Spike!" bis "Halt’s Maul!" lauteten die Schlagzeilen auf den Titelseiten der New Yorker Zeitungen am nächsten Morgen. Die Knicks aber hatten die Serie am Ende noch einmal gedreht und mit 3:2 für sich entschieden, ehe sie später das NBA-Finale gegen die Housten Rockets verloren. Aber in dieser einen "Garden"-Nacht hatte Miller gezeigt, was ihn unnachahmlich machte.
In der Saison 1994/95, kehrte Michael Jordan in die NBA zurück. Am 18. März hatte er mit einer Pressemitteilung seinen Ruhestand für beendet erklärt. In der Mitteilung standen nur zwei Worte: "I'm back". Ein bisschen eingerostet und mit der Rückennummer 45, die er schon als Kind trug, war "His Airness" allerdings noch nicht in der Lage, sofort wieder nach dem Titel zu greifen. Aber er stellte sicher, dass jeder verstand, dass er es ernst meinte. Mit 55 Punkten im Garden, im fünften Spiel der Bulls nach seiner Rückkehr, wusste die ganze NBA – "MJ" meint es ernst mit seinem Comeback. In dieser Zeit begann sich das ideale Zeitfenster der Pacers, doch noch einen Meisterschaftsring an den Finger zu bekommen, allmählich zu schließen. Bei den Orlando Magic hatte der jugendliche Überschwang des Youngster-Duos Shaquille O'Neal und Penny Hardaway jede Menge Verwirrung in der Liga angerichtet. New York beendete die reguläre Saison auf dem zweiten Platz der Eastern Conference hinter Orlando, Indiana einen Platz dahinter. Die Knicks und die Pacers fanden sich zum dritten Mal in drei Jahren in den Play-Offs wieder gegenüber. Miller wusste, im Falle einer weiteren Niederlage würde er kaum noch Gelegenheit haben auf den ganz großen Titelruhm.
"Reggie hat das Spiel ausgeglichen!"
Bis 18,7 Sekunden vor Schluss war Spiel 1 im Halbfinale der Eastern Conference genau das, was man von einem Spiel einer Best of 7-Serie erwarten durfte. John Starks wurde mit 21 Punkten und 7 Assists als strahlender Held besetzt, während Rik Smits bei aller Brillanz eine frustrierte Figur abgab. Der Riese mit dem Spitznamen "Dunkin Dutchman" hatte das Spiel seines Lebens für die Pacers gespielt, 34 Punkte erzielt und Patrick Ewing, den All-Star-Center der Knicks, auf mageren 11 Punkten gehalten. Umsonst. Die Knicks führten mit 105:99 und marschierten Richtung Auftaktsieg. Dann aber trat "Knicks Killer" Reggie Miller auf den Plan. "Alle dachten, das Spiel sei vorbei, auch die Pacers", erinnerte sich Jeff van Gundy, damals Pat Rileys Co-Trainer bei den Knicks. Aber für Miller war gar nichts vorbei. Umgehend rief er Mark Jackson zu, er solle ihm den Ball sofort weiterpassen, damit er einen schnellen "Dreier" versuchen könne.
Donnie Walsh, der Mann, der Miller nach Indianapolis geholt hatte, war längst mit seiner Kraft am Ende. "Angewidert" und "verärgert über unser Team", hatte Walsh seinen Platz am Court verlassen, war in den Spielertunnel und dann in der Umkleide verschwunden. "Ich habe die Tür hinter mir zugesperrt", erzählte er später dem "New Yorker". "Ich fluchte laut als plötzlich jemand an die Tür klopfte und sagte: 'Donnie! Reggie hat gerade das Spiel ausgeglichen! Und ich sagte nur: 'Hör auf dich über mich lustig zu machen, ich bin nicht in der Stimmung!' Ich schrie ihn an, aber er lachte nur." Walsh fand einen Fernseher und sah, wie Miller zwei Freiwürfe bekam und die Pacers in Führung brachte. Der Coach ballte die Faust - in der Umkleide. Es war surreal.
Zwischen Jacksons erstem Pass mit exakt 18,7 Sekunden auf der Uhr und dem Moment, in dem Walsh in der Umkleide den Fernseher einschaltete, um Miller an der Freiwurflinie zu sehen, waren exakt 8,9 Sekunden der Nettospielzeit vergangen. Ein rasend kurzer Augenblick im Spiel als Ganzes betrachtet, für die Pacers fühlte sich der Moment an wie in Zeitlupe. Mark Jackson hatte Millers Laufweg präzise vorausgesehen. Miller lief durch Patrick Ewing und John Starks, der wegrutschte, hindurch und fing den Ball. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und versenkte einen Dreier – unter den strengen Augen von Spike Lee. So stand es 105:102 für die Knicks. Anthony Mason nahm den Ball auf und wartete lange auf seinen ersten Pass. Die Pacers-Defensive erhöhte den Druck und Mason warf den Ball wie eine heiße Kartoffel in Richtung Greg Anthony. Mason hatte sich buchstäblich die Finger verbrannt. Aufbauspieler Anthony fiel flach auf sein Gesicht, er war von Miller mit einem sanften Rempler berührt worden (Erst sehr viel später, 2012, als Miller in die "Hall of Fame" aufgenommen wurde, gab er zu, dass "ich ihn gestoßen habe").
Die Garden wird zum Schweigen gebracht
Manche Verbrechen zahlen sich manchmal eben doch aus. Miller griff nach dem freien Ball und gab in Sekundenbruchteilen den ultimativen Beweis für seine enorme Spielintelligenz und sein außerordentliches Selbstbewusstsein. Intuitiv ging er zwei, drei Schritte hinter die Dreierlinie zurück, warf und traf. Der Ausgleich zum 105:105. Nur 3,2 Sekunden hatte das gedauert und der Garden, die Knicks, New York und Spike Lee – er trug ein Trikot mit dem Namen von Millers Gegenspieler Starks auf dem Rücken – versank in ein kollektives Schweigen. Die lauten New Yorker waren wie an ihren Sitzen festgebunden. "Ich hatte den Garden noch nie so leise erlebt. Selbst im Training, wenn außer den Hausmeistern niemand da ist, war es nicht so leise", sagte Greg Anthony später. Im tosenden Garden wurde es leise wie auf einer grünen Wiese im Mittleren Westen. "Was mich überraschte war, dass Reggie den Mut hatte, keinen schnellen Korbleger zu machen, sondern stattdessen ein Dribbling unternahm um hinter die Dreipunktelinie zu kommen, um dann mit einem Dreier abzuschließen", sagte Larry Brown, der Pacers-Trainer, Jahre später.
Die Knicks waren, so Anthony Mason, "schockiert" und "taub" zugleich. "Sein zweiter Dreier hat uns umgehauen. Wir waren völlig desorientiert. Es war wie ein Albtraum, dem wir nicht entkommen konnten. Ich denke heute noch daran. Ich kann heute darüber lachen, aber damals raubte mir Reggie den Schlaf."
Es hätte immer noch ein Abend werden können, an dem die Knicks als Letzter lachten. Postwendend bot sich New York die Gelegenheit das Spiel für sich zu entscheiden. Nachdem Sam Mitchell Starks aus unerklärlichen Gründen innerhalb der Zone gefoult hatte, sprach der Schiedsrichter der Nummer 3 der Knicks zwei Freiwürfe zu. Noch 13 Sekunden waren zu spielen, die Freiwürfe waren ein Geschenk des Himmels unter der Gardenkuppel. Aber Starks war nicht Miller, er brach unter dem Druck zusammen.
Dass Starks kein überragender Freiwurfschütze war, war bekannt. Aber seine Quote von 73,7 Prozent verwandelter Freiwürfe über die ganze Saison hin hätte ausreichen müssen, um das Spiel für die Knicks zu entscheiden. Abgesehen davon, dass auch er von Millers Auftritt beeindruckt war, wuchs der Zweifel und die allgemeine Nervosität in ihm, wie er später mit seinen etwas eigenen Worten zugab:
Im Original klingt es noch umwerfender: "Man, did this dude just did this?"
Vier Wochen vor den vier Fehlschüssen von Orlandos Nick Andersen im NBA-Finale wurde sich Starks, im Pantheon der sportlichen Unsterblichkeit, seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Er verpasste den ersten Versuch, der zweite Ball war viel zu kurz. Ein Wirrwarr an Gliedmaßen sprang nach dem Offensiv-Rebound, Ewing war derjenige, der sich den Ball schnappte, aber sein Wurf war diesmal zu lang, so dass der Ball nur die hintere Umrandung des Ringes traf. Diesmal griff sich Miller den Rebound. Nach einem Foul von Mason an ihm wurde die Uhr angehalten und die Knicks marschierten wie in einer Art Trauerprozession vom einen Ende des Spielfelds zum anderen, in böser Erwartung der Freiwürfe für Reggie Miller. Im Gegensatz zu Starks machte Miller keinen Fehler und traf das Ziel zweimal. Jetzt stand auf der Anzeigetafel: 105:107. Für die Pacers. In weniger als neun Sekunden hatte Miller acht Punkte erzielt, die mit Abstand verrückteste Geschichte in seiner langen Karriere. Noch aber waren 7,5 Sekunden zu spielen. Greg Anthony bekam den ersten Pass und trug den Ball Richtung Endzone der Pacers. Er versuchte an Miller vorbei zu kommen, aber er stolperte und fiel hin. Es war, als würde sich der Boden des Gardens auftun und die ganze Knicks-Mannschaft einfach verschlucken, der Vorhang der Miller-Show war gefallen.
Indiana hatte gewonnen und war mit 1:0 in der Serie in Führung gegangen. Eine Serie, in der die Pacers die Knicks am Ende aus den Play-Offs warfen und damit Pat Rileys Ära in New York beendeten. Die Rivalität zwischen Miller und den Knicks würde noch einige Jahre weitergehen, bis zu jenem Tag im April 2005, den der 39-jährige "Knicks Killer" Miller gewählt hatte, um sich endgültig vom Garden zu verabschieden. Ein letzter Sieg für seinen weiteren Lebensweg, zur Erinnerung an die guten, alten Zeiten. Vor allem die Standing Ovations der New Yorker für den langjährigen, meistgehassten Feind und eine dicke Umarmung mit Spike Lee rührten Reggie. Die Beziehung zwischen dem Garden und Miller war gegenseitig und aufrichtig.
Sie waren perfekt füreinander geschaffen.
Geschrieben von Maxime Dupuis, übersetzt von Thilo Komma-Pöllath
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