Biathlon-WM 2025 - Michael Rösch exklusiv über den "Gott der Höhe": Darum kann Danilo Riethmüller alle überraschen
Die deutschen Biathletinnen reisen mit großem Selbstvertrauen zur WM 2025 nach Lenzerheide. Franziska Preuß gehört als Führende im Gesamtweltcup zu den Topfavoritinnen und habe "in allen Rennen Medaillenchancen", wie 2006-Olympiasieger Michael Rösch bei Eurosport.de betont. Preuß könne überdies von einer kleinen Komponente profitieren. Bei den DSV-Männern setzt Rösch auf den "Gott der Höhe".
Eiskalt beim letzten Schießen: Preuß triumphiert in Verfolgung
Quelle: Eurosport
Die Biathlon-Weltmeisterschaften 2025 werden eine Premiere. Erstmals ist Lenzerheide in den Graubündner Bergen Austragungsort der Titelkämpfe - und auch Franziska Preuß hofft dort auf eine persönliche Premiere.
Die 30-Jährige peilt die erste WM-Goldmedaille in einer Einzel-Entscheidung an. Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein, schließlich führt die Bayerin den Gesamtweltcup an.
"Wenn es ihr gelingt, bei der WM dasselbe Niveau wie im Weltcup zu bringen, kann es gleich bei der ersten Einzelentscheidung im Sprint mit Gold klappen", glaubt Eurosport-Experte Michael Rösch.
Bei den deutschen Männern setzt der Staffel-Olympiasieger von 2006 vor allem auf Danilo Riethmüller. Im Interview mit Eurosport.de erklärt Rösch, warum er den 25-Jährigen als "Gott der Höhe" betrachtet:
Herr Rösch, in diesem Winter steht in Lenzerheide auf etwa 1400 Metern Höhe eine WM-Premiere an. Biathlon hat im Schweizer Wintersport allerdings noch nicht den Stellenwert wie in Deutschland, Norwegen oder Frankreich. Ist es trotzdem eine gute Wahl?
Michael Rösch: Definitiv! Schon der Weltcup 2023 in Lenzerheide war sehr gut. Dazu hast du ein wunderbares Panorama, meist gutes Wetter. Die Schweiz hat sich die Weltmeisterschaften verdient. Es gab einen Weltcup, eine Junioren-WM, eine Europameisterschaft in Lenzerheide. Man ist also bestens vorbereitet auf so ein Großevent. Das Konzept stimmt, auch wenn es ein langer und schwerer Weg für die Schweiz war. Quasi aus dem Nichts bis zur ersten Biathlon-Olympiamedaille durch Selina Gasparin 2014. Jetzt haben die Gastgeber mit Niklas Hartweg oder Amy Baserga starke Profis, die mit 24 Jahren noch relativ jung sind. Die Schweiz wird zwar nicht mit einer Medaille planen, aber Edelmetall aus eigener Kraft ist möglich - und das ist ein sehr gutes Zeichen für einen WM-Veranstalter.
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Michael Rösch in der Saison 2018/2019 beim Weltcup in Oberhof
Fotocredit: Getty Images
Im Unterschied zu vielen anderen Sportarten gibt es im Biathlon in jeder Saison außer einem olympischen Jahr eine WM. Ist das sinnvoll?
Rösch: Als Athlet habe ich das begrüßt, weil du in jedem Winter ein Highlight hast. Ich weiß aber, dass die Meinungen da auseinandergehen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ein Großteil der Aktiven es gut finden, in fast jeder Saison Weltmeisterschaften zu haben.
Ich spreche lieber von Hoffnungen als von Erwartungen. Fakt ist aber, dass sich Franziska Preuß ob ihrer tollen Leistungen in diesem Winter eine Medaille verdient hätte.
Aus deutscher Sicht überstrahlt Franziska Preuß, die als Trägerin des Gelben Trikots nach Lenzerheide kommt, alles. In welchen Disziplinen hat die Nummer eins im Weltcup die besten Chancen auf das erste WM-Gold in einer Einzel-Disziplin?
Rösch: Statistisch betrachtet hat Franzi in allen Rennen Medaillenchancen. Wenn es ihr gelingt, bei der WM dasselbe Niveau wie im Weltcup zu bringen, kann es gleich bei der ersten Einzelentscheidung im Sprint mit Gold klappen. Schon in der Mixed-Staffel, dem Auftakt der WM-Wettbewerbe, traue ich Deutschland viel zu.
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"Was für ein Tag!" Preuß schießt Deutschland zum Staffel-Sieg
Quelle: Eurosport
Gesamtweltcupführende ist gleich Topfavoritin bei der WM - ist die Rechnung so einfach?
Rösch (lacht): Wenn es immer so einfach wäre ... Aber: Generell ist es richtig, das ist die Bürde des Gelben Trikots. Es gibt aber eine Besonderheit, die Franzi helfen könnte. Bei den Weltmeisterschaften wird das Gelbe Trikot nicht getragen, nur die jeweiligen Titelverteidiger bekommen ein Sondertrikot des "Defending Champions". Ich persönlich finde das sehr schade, aber möglicherweise nimmt die Tatsache, dass Franzi zumindest optisch nicht gleich als Favoritin erkennbar ist, ein wenig den Druck. Den wird sie sich natürlich trotzdem machen, das gehört aber dazu. Wie bei jeder WM spielt aus meiner Sicht das erste Rennen, also die Mixed-Staffel, eine entscheidende Rolle. Wenn es da gut läuft, kann sich im gesamten Team eine positive Eigendynamik entwickeln.
Trotz des Fehlens von Vanessa Voigt haben die deutschen Frauen eine spannende WM-Mannschaft. Selina Grotian hat sich im Weltcup in den Top 10 etabliert, Johanna Puff kommt mit zwei EM-Goldmedaillen im Gepäck zu den Weltmeisterschaften, Sophia Schneider tankte mit dem Staffelsieg in Ruhpolding Selbstvertrauen und Julia Tannheimer setzt mit 19 Jahren schon Akzente. Welche Erwartungen darf man an dieses Quintett haben?
Rösch: Ich spreche da lieber von Hoffnungen als von Erwartungen. Fakt ist aber, dass sich Franziska Preuß ob ihrer tollen Leistungen in diesem Winter eine Medaille verdient hätte. Es ist schade, dass Vanessa Voigt ausfällt, denn diese beiden wären mit ihrer Erfahrung ein super Duo für die Single-Mixed-Staffel gewesen. Selina Grotian und Julia Tannheimer haben dagegen überhaupt nichts zu verlieren. Wenn die so in die WM-Rennen gehen wie in die Weltcup-Wettbewerbe, sind Topergebnisse möglich. Beide sind stark in der Loipe, dazu kommt die Höhe in Lenzerheide. Das sind Faktoren, die für Selina und Julia zum Vorteil werden können. Bei Johanna Puff darf man nicht zu viel erwarten, denn sie muss läuferisch noch zulegen im Vergleich zur Weltspitze. Zusammenfassend sage ich: Preuß, Grotian und Tannheimer traue ich eine Einzelmedaille zu.
Danilo Riethmüller hat 2020 bei der Junioren-WM in Lenzerheide Gold in der Verfolgung geholt. Er ist, salopp gesagt, der 'Gott der Höhe' im DSV-Team.
Bei den deutschen Herren, so scheint es, müssen kleinere Brötchen gebacken werden. Die Top 10 im Weltcup präsentieren sich derzeit ohne DSV-Beteiligung, die Stars aus Norwegen und Frankreich dominieren. Wie weit sind Philipp Nawrath und Justus Strelow weg von der Spitze?
Rösch: Ganz ehrlich: Ich habe aus deutscher Sicht zwei andere Namen auf dem Zettel, Philipp Horn und Danilo Riethmüller. Warum? Danilo hat 2020 bei der Junioren-WM in Lenzerheide Gold in der Verfolgung geholt. Er ist, salopp gesagt, der 'Gott der Höhe' im DSV-Team. Der kann einfach anreisen und hat kein Problem mit der Höhe. Ich bin mir sicher, dass Danilo sehr gute Rennen abliefern wird. Philipp ist läuferisch extrem stark, da wäre ein Podium fällig. Beim Weltcup von Lenzerheide im Dezember 2023 wurde er Vierter in der Verfolgung. Er hat also das Potenzial. Von Philipp Nawrath rechne ich vor allem im Sprint mit einem starken Wettkampf, Justus Strelow kämpft im Moment mit seiner Laufform, worunter leider auch das Schießen leidet. Johannes Kühn hatte so seine Probleme, scheint aber wieder auf gutem Wege. Und dann kommt eine wichtige Komponente hinzu.
Nämlich?
Rösch: Die Vorbereitungsphase auf die Weltmeisterschaften war mit gut zwei Wochen sehr lange. Ein wenig übertrieben ausgedrückt bedeutet das: In Lenzerheide geht alles wieder bei Null los. Alle waren im Höhentrainingslager, mussten sich neu an diese Bedingungen anpassen. Das bietet vor allem jenen im deutschen Team, die im Weltcup nicht so gut zurechtkamen und in der Kritik standen, eine Chance, als Underdog für Aufsehen zu sorgen.
Johannes Thingnes Bö ist für mich der GOAT im Biathlon, der Größte, den wir in diesem Sport je hatten. Seine Rekorde und Leistungen schätze ich persönlich noch höher ein als zum Beispiel jene von Martin Fourcade oder Ole Einar Björndalen.
Ein besonderes Highlight für die ganze Biathlon-Szene wird der WM-Abschied der beiden Bö-Brüder. Zusammen bringen es die beiden Norweger auf 31 WM-Titel und acht olympische Goldmedaillen. Da geht eine Ära zu Ende.
Rösch: An vorderster Stelle kommen natürlich die Erfolge, und da will ich einen Aspekt herausheben: die sogenannten 'Bö-diums'. 26 Mal standen die beiden gemeinsam auf dem Podium, viermal hat Tarjei gewonnen, 22 Mal Johannes. Letzterer ist mit noch mehr Talent gesegnet als der ältere Bruder Tarjei - aber auch bei ihm kann man nur staunen. Der war schon 2011 Weltmeister, avancierte zum jüngsten Gesamtweltcupsieger - und 14 Jahre später überwindet er eine sportliche schwere Phase und gewinnt Ende Januar in Antholz einen Sprint-Weltcup. Das ist unglaublich. Bei Johannes gehe ich noch einen Schritt weiter.
Bedeutet?
Rösch: Johannes Thingnes Bö ist für mich der GOAT im Biathlon, der Größte, den wir in diesem Sport je hatten. Seine Rekorde und Leistungen schätze ich persönlich noch höher ein als zum Beispiel jene von Martin Fourcade oder Ole Einar Björndalen. Der Franzose holte siebenmal in Folge den Gesamtweltcup, der Norweger hat die meisten Weltcuprennen gewonnen. Johannes war für mich aber immer etwas nahbarer, was mich für ihn einnimmt. Dazu eine kleine Anekdote: Wir hatten im vergangenen September den City-Biathlon in Dresden und ich selbst hatte auch ein kleines Event am Laufen. Johannes und Tarjei sind dann einfach an meinem Stand vorbeigekommen und haben mit mir gequatscht. Das sind total nette und bodenständige Jungs. Der Abschied zum Saisonende ist wirklich schade, da endet eine Ära. Joahnnes und sein Bruder haben den Biathlon-Sport geprägt und vorangetrieben.
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Große Emotionen: Tränen auf dem Podium bei Bö & Co.
Quelle: Eurosport
Apropos Medaillen: Bei der WM vor einem Jahr in Nove Mesto lag die deutsche Ausbeute bei einer Silber- und zwei Bronzemedaillen. Sportdirektor Felix Bitterling wollte "keine explizite Medaillenvorgabe" machen – aber mehr als 2024 sollte drin sein, oder?
Rösch: Betrachtet man die Leistungen bei den deutschen Frauen, erscheint das realistisch. Die Medaillenvorgaben waren in den vergangenen Jahren nicht auf eine bestimmte Zahl getrimmt, einfach um den Druck rauszunehmen. Bei uns früher hieß es: Wir müssen diese oder jene Medaille holen. Mittlerweile ist nichts mehr planbar. In den Staffeln ist es unglaublich schwer geworden, aufs Podium zu kommen, in den Einzel-Disziplinen sowieso. Ich bin aber optimistisch, dass die DSV-Mannschaft mit einer höheren Ausbeute als 2024 aus Lenzerheide abreist.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rösch.
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Wierer im Eurosport-Interview: "Manchmal rutscht auch ein Schimpfwort raus"
Quelle: Eurosport
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