Das ist doch schön, wenn man am Ende eines wahrlich schwierigen Jahres noch einen Lichtblick erhält.
Und wenn wir alle, die wir natürlich Sportfans sind, sagen können: Bitteschön, was wollt ihr denn ihr ewigen Zweifler und Besserwisser. Wir können es schon noch.
Richtig gut sogar. Unsere Sportart ist wieder obenauf in ganz Europa.
Alle Sportarten
Neuner und Nowitzki als Sportler des Jahrzehnts ausgezeichnet
08/12/2020 AM 16:21
Ja, unsere Sportart. Unsere Erfindung irgendwie, denn als Geburtsstunde des Handballs gilt nämlich das Jahr 1917, als der Berliner Oberturnwart Max Heiser sich um die heute zum Großteil noch gültigen Regeln verdient machte.

Meisterstück im Finale: So entzauberte Kiel Topfavorit Barcelona

Und jetzt, am Ende des Jahres 2020, hat der THW Kiel die Champions-League gewonnen. Gegen das favorisierte Team des FC Barcelona.

Der Teufelsgeiger will gar nicht mehr landen

Pure Freude ist das. Und weil es gar so schön war, erleben wir gerade auch noch die Geburtsstunde eines neuen Teufelsgeigers, der fliegt und nicht schaurig schöne Töne aus einem Musikinstrument holt. Karl Geiger, der vorab in Slowenien schon mal Skiflug-Weltmeister geworden war, will gar nicht mehr landen.
Ja doch, es ist ein prima Schlusspunkt eines für alle eigenartigen Jahres. Es hat sich angefühlt wie eine zähe, dickflüssige Masse, die nicht recht geformt werden konnte. Egal, was und wie man es auch versuchte: Es blieb Stückwerk. Und schuld war natürlich das Corona-Virus, das uns eine neue und ungewohnte Sichtweise des Sports aufzwang. Wir waren außen vor. Also nicht mehr mittendrin. Wir standen vor verschlossenen Stadiontoren und bekamen nur noch über das Fernsehbild mit, dass Sport existierte.

Der Spielfilm zum Geiger-Sieg: "Wer hat die Ruhe weg? Der Karl!"

Vornehmlich Fußball, denn die Kicker haben mit einem mehr oder weniger schlüssigen Hygienekonzept die Politiker übertölpelt und ihr Leid, vor allem ihr finanzielles Leid, so penetrant vorgetragen, dass ihnen die Erlaubnis erteilt wurde, den Ball durch leere Stadien zu schieben. Und wir haben mitgemacht. Irgendwann war es uns nämlich schnuppegal, ob da wer im Stadion war oder nicht. Hauptsache, die Liga brummte irgendwie weiter.

Ach ja, die Triple-Bayern ...

Und dann kamen sogar noch Märchen hinzu, wie jenes vom Hans im Flick. Triple. Der FC Bayern. Alle hat er aus dem Feld geschlagen. Und das mussten neidlos dann auch die Konkurrenten anerkennen. "Mia san mia". Dafür gibt es keine Übersetzung. Das ist der Slogan der eigenen Überzeugung mit dem Hang zur Überheblichkeit. Aber funktioniert. Zum Glück, denn ansonsten hat uns der Fußball nicht so sonderlich erfreut.

Lewandowski überwältigt: "Ein großer Tag für mich und Bayern"

Schon gar nicht die Nationalmannschaft. Und nein, man kann nicht einfach sagen: Schwamm drüber jetzt. Cordoba und Sevilla. Da will kein Fußballfan mehr hin. Der Weg zum Querdenker ist da nicht mehr weit. Wie lange noch Joachim Löw? Es gibt gegen müdes und uninspiriertes Kicken, ausgehend von einem schier gelähmten Bundestrainer, keinen Impfstoff. Aber es gibt einen irgendwie auch typisch deutschen Charakterzug der Mutlosigkeit: Weiter so.

Auf der Flucht vor den Braunbären

Wir sind also ziemlich eingelullt worden zwischendurch. Müde waren wir, als hätten wir uns alle Covid-19 eingefangen. Aber dann sind wir doch noch mal aufgesprungen vor unseren Empfangsgeräten. Als nämlich bei der Tour de France der junge Tadej Pogacar beim letzten Bergzeitfahren seinem Landsmann Primoz Roglic den schon sicher geglaubten Sieg mit einem Höllenritt wegschnappte. Und plötzlich war ein kleines Land mit nur zwei Millionen Einwohnern obenauf: Slowenien.

Tour-Sieger in 3, 2, 1...: Große Emotionen bei Pogacar

Der Süden des Landes besteht zu 91 Prozent aus Wald und weist mit 900 Exemplaren eine der höchsten Bestände an Braunbären weltweit auf. Da lohnt es sich, wenn man im Ernstfall kräftig und schnell in die Pedale treten kann. Andere, die auch von der Schnelligkeit leben, haben hingegen die Langsamkeit des Seins für sich entdeckt. Ferrari hat in dieser Formel-1 Saison ausgiebig und ohne Unterlass studiert, wie die Heckleuchten der konkurrierenden Autos aussehen. So kann man eine Marke auch ruinieren.

Respekt vor Naomi Osaka

Ich ziehe mein Kaufangebot jedenfalls zurück, verneige mich stattdessen mit allem Respekt vor Naomi Osaka, die sich nicht scheute, als im Rampenlicht stehende Spitzensportlerin gesellschaftliche Probleme anzusprechen. Bei den US Open im Tennis kam sie zu jedem Spiel mit einer Maske und den verschiedenen Namen der Opfer von Polizeigewalt und Rassismus in den USA aus der Kabine. Ich fand es berührend und irgendwie auch gerecht, dass sie letztlich auch noch gewann.

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Keine hatte es mehr verdient. Und so senkt sich leise das Tuch der Vergänglichkeit über ein Sportjahr, das uns mehr als jemals zuvor endlich auch mal die Sinnfrage des sportlichen Gigantismus aufgezwungen hat. Es war höchste Zeit, Vieles zu hinterfragen. Das Corona-Virus hat uns die Nebensächlichkeit und vielleicht sogar die Bedeutungslosigkeit sportlichen Tuns vor Augen geführt.
Plötzlich ging es um viel mehr. Und es geht weiterhin um viel mehr. Es geht um unser Leben.
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