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Der Tag, an dem Massa ein paar Meter fehlten…

Der Tag, an dem Massa ein paar Meter fehlten…

30/12/2019 um 12:55Aktualisiert 30/12/2019 um 14:08

Beim Großen Preis von Brasilien 2008 ereignete sich das bis heute spektakulärste Saisonfinale in der Geschichte der Formel 1. Felipe Massa sah drei Kurven vor Ende des Rennens wie der sichere Sieger und der kommende Weltmeister aus - ehe Lewis Hamilton seinem Rivalen den Titel entriss. Das Schicksal hatte es sich anders überlegt: eine Sternstunde für Hamilton und eine Lebensaufgabe für Massa.

Hätte er es vorher gewusst, hätte er diesen flüchtigen Moment vielleicht intensiver genossen. Vielleicht ausgiebiger gefeiert, wohl wissend, dass eine Glückssträhne niemals für immer hält. Er hätte wahrscheinlich die Seite in René Barjavels Buch aufgeschlagen und sich an sein Motto erinnert: "Das Glück von morgen, das gibt es nicht. Glück existiert immer nur im Augenblick oder nie." Doch zum Leidwesen von Felipe Massa – noch ehe er es wissen konnte, war seine Zeit abgelaufen. Nur 38.907 Sekunden lagen zwischen dem Moment, als die Zielflagge über seinem Visier geschwenkt wurde und dem Moment, in dem seine Welt auf den Kopf gestellt wurde. Diese lächerlich winzige Zeitspanne, die ihm seinen Platz in den Geschichtsbüchern eingebracht hat, allerdings nur deshalb, weil sie ihm seines größten sportlichen Triumphes beraubte.

Und doch streckte Massa in diesem Moment seinen gestreckten Zeigefinger in die Luft, als wollte er sagen: "Ich habe es geschafft!" Das stimmte auch. Der Brasilianer hatte auf heimischem Boden das perfekte Rennen absolviert, das größte Rennen seines Lebens, und einen besonderen Hattrick dazu, den alle Topfahrer in einem Formel 1-Grand-Prix anstreben: Pole Position, schnellste Runde und der Sieg beim Rennen. Darüber hinaus stand er kurz vor einer besonderen Ehre, die nicht einmal dem großen Ayrton Senna zuteil wurde: den WM-Titel in seiner brasilianischen Heimat zu gewinnen. Massa musste nur noch warten und beten. Knapp 39 Sekunden lang…

"Beruhige dich, ich muss Hamilton noch checken."


Felipe Massa hatte gerade den sechsten Grand-Prix-Sieg der Saison errungen, so viele Siege waren keinem anderen Fahrer 2008 geglückt. Er hatte seine Ehrenrunde begonnen, ohne genau zu wissen, welche Ehre ihm genau zuteil werden sollte. Er steuerte seinen Ferrari ein letztes Mal durch die ersten beiden Kurven - bekannt als das Senna-S - und wartete auf Neuigkeiten aus seiner Box. Und dann durchbrach das Knistern des Funkradios den Jubel der ekstatischen Menge an der Rennstrecke. Eine bekannte Stimme, die seines Ingenieurs Rob Smedley, meldete sich mit vorsichtigem Unterton: "Beruhige dich Feilpe, ich muss Hamilton noch checken."


"War ich nun Weltmeister oder nicht? Ich ahnte, dass etwas Unvorhersehbares passieren würde", erklärte Massa einige Monate später gegenüber der englischen Zeitung „Guardian“. "Es schien, als wäre ich in einer großen Traumblase. Ich fuhr auf der Strecke herum und konnte sehen, wie die Leute schrien und auf und ab hüpften. Aber ich hörte nichts, ich war mir nicht sicher, was es bedeutete. Es war sehr unwirklich, verrückt." Aber Smedleys vorsichtiger Unterton in seinem Funkspruch hätte Massa niemals auf den Moment vorbereiten können, als die Stimme des Ingenieurs wie ein Blitz aus heiterem Himmel in Massas Cockpit einschlug:

"Moment, es ist noch nicht vorbei ... Hamilton fordert Glock heraus ... OK, er hat Glock überholt."

Zum gleichen Zeitpunkt bog Massa auf die Gegengerade ein und er hatte nicht kapiert, was ihm die Box gerade erzählt hatte. Er stand unter Schock. "Ich hatte erwartet, dass er mir sagt: Du bist der Champion!" Die Worte, von denen Massa immer geträumt hatte. Dieser Traum wurde nie wahr. Die knapp 39 Sekunden Freude und Glücksgefühle dazwischen, waren schnell vorbei, aber für Massa waren sie mit einem lebenslangem Bedauern verbunden. Das Ergebnis brach die Herzen der hunderttausend Fans auf der Tribüne von Interlagos, als ihr brasilianischer Held Opfer des dramatischsten Showdowns in der Geschichte der Formel 1 wurde.

Felipe Massa, Sieger und doch der größte Verlierer

Felipe Massa, Sieger und doch der größte VerliererGetty Images

Tränen nach einem apokalyptischen Regenguss

Massas Enttäuschung wurde von Kameras und TV-Sendern auf der ganzen Welt eingefangen. Als er im Park Fermé in der Boxengasse angekommen war, öffnete er das Visier und wischte sich eine Träne aus den Augen. Ein kriegsmüder, geschlagener Held, umrahmt von einem apokalyptischen Regenguss, der schon eine ganze Weile herunterprasselte. Massa hielt sich dennoch an das Protokoll. Als Sieger des Rennens stieg er auf das Podium, eine Szenerie von grausamer Schönheit.

An seiner Seite standen die beiden letzten Weltmeister - Fernando Alonso und Kimi Räikkönen, Zweiter und Dritter bei diesem Großen Preis von Brasilien. Sie hatten alles dafür gegeben, das Rennen zu gewinnen und an Massas Stelle zu stehen, aber sie hätten im Leben nicht mit dem tauschen wollen, dessen Tränen Interlagos fluteten. Unter der dicken Betonkonstruktion des Podiums, auf dem Massas Tragödie für die ganze Welt aufgeführt wurde, durfte der Sieger in diesem Schlachtengemälde nicht fehlen. Lewis Hamilton, den Union Jack über seine Schultern gehängt, umarmte alle, die um ihn herumstanden, sein Lächeln wirkte, verstärkt durch das künstliche Licht der Kameras, noch strahlender. Niemand konnte das Geschehene besser zusammenfassen als Hamilton selbst. Im Augenblick, als er die Ziellinie überquerte, brach es aus ihm heraus:

"Das war so verdammt knapp ..."
Lewis Hamilton bejubelt die Weltmeisterschaft

5.482 Kilometer auf wenigen hundert Metern entschieden

Man wird nicht zufällig Weltmeister. Auch wenn die Ereignisse leicht einen gegenteiligen Eindruck erwecken konnten. Klar, Hamilton wurde mit nur wenigen hundert Metern Vorsprung der jüngste Weltmeister in der Geschichte der Formel 1. Es wäre aber falsch zu behaupten, der Engländer wäre über die Gesamtdistanz aller Rennen und über die 5.482 gefahrenen Kilometern kein würdiger Champion. Und dennoch war der Schlussakkord auf den letzten Metern, eine Geschichte, die kein Hollywood-Drehbuchautor hätte besser in Szene setzen können. Lewis Hamilton hätte sich die Weltmeisterschaft schon ein Jahr zuvor sichern können, ehe er in der Löwengrube von São Paulo, dem Geburtsort seines Rivalen Massa, zum großen Finale antrat. Im Jahr zuvor kam die WM-Krone, die so wunderbar auf seinen Kopf gepasst hätte, noch zu früh.

Ein Neunjähriger und die Buchmacher


Zwischen den Anfängen des britischen Jahrhunderttalents im Jahr 2007 und dem Rücktritt des diskreten Brasilianers im Jahr 2017, traten Lewis Hamilton und Felipe Massa ein Jahrzehnt lang gegeneinander an. Gerade Massa erwies sich als hervorragende Nummer zwei, immer dann, wenn Hamilton sich mit keinem anderen Platz zufrieden geben wollte, als dem, der ihm von allen Experten von Anfang an zugedacht war: dem ersten. Wer einen Blick auf dieses Race-Kid, das am 7. Januar 1985 in Stevenage geboren wurde, warf, der musste nicht lange nach zahllosen Siegen in seiner Kindheit suchen, die der junge Lewis errungen hatte. Alle Experten waren sich einig über sein Talent hinter dem Steuer.

Es gibt die Geschichte, dass 1994 ein Mann in eine Ladbrokes-Filiale ging und einen Großteil seiner Ersparnisse auf einen Burschen namens Lewis Hamilton setzte. Er wettete, dass Lewis vor seinem 23. Lebensjahr einen Formel-1-Grand-Prix gewinnen würde. Mit 40/1 war die Quote durchaus gewinnträchtig. Ein anderer Zocker ging noch einen Schritt weiter, indem er ein paar Pfund darauf setzte, dass Lewis vor seinem 25. Geburtstag Formel 1- Weltmeister werden würde. Zum Zeitpunkt der Wetteinsätze war Hamilton gerade einmal neun Jahre alt. Für die beiden Wetter sollte sich der Einsatz lohnen: Hamilton gewann seinen ersten GP im Alter von 22 Jahren und wurde ein Jahr später Formel 1-Weltmeister.


Als der Sohn von Anthony Hamilton, Vater und größter Fan von Lewis, 2007 bei McLaren das erste Mal in ein Formal 1-Cockpit stieg, war das mit einem riesigen Bohey verbunden. Der erste schwarze Fahrer in der Geschichte der Formel 1 kam nicht nach Woking, um sich als Nummer Zwei einzureihen oder für seinen Teamkollegen zu fahren, Doppelweltmeister Fernando Alonso. Ihre Zusammenarbeit dauerte, wenn man es so nennen will, dann auch nur ein Jahr. Es überrascht auch nicht, dass Ron Dennis sich auf die Seite des jungen Hamilton schlug, den er Mitte der 90er Jahre selbst entdeckt hatte. Der McLaren-Chef war angetan von diesem 10-jährigen Jungen, der ihm frech ins Gesicht sagte, er werde eines Tages ein weltberühmter Rennfahrer. Dennis sah ihn bei McLaren von Anfang an auf Augenhöhe mit Alonso, während der Spanier von Hamilton erwartete, dass der Neuling ihn beim Gewinn seines dritten Weltmeistertitels in Folge unterstützen würde. Wie man sich täuschen kann.

Lewis Hamilton 1995

Lewis Hamilton 1995Getty Images

Massa, mehr Barrichello als Senna


Felipe Massa erlebte mit dem stillen Finnen Kimi Räikkönen einen ganz anderen Teamspirit. Überaschenderweise war der Brasilianer gar nicht viel lebhafter als sein unterkühlter Teamkollege aus dem hohen Norden. Vergleicht man das Temperament brasilianischer Formel 1-Fahrer miteinander, stand Massa Rubens Barrichello viel näher als Ayrton Senna. Das erklärt auch, warum Massa 2006, anstelle von "Rubinho", an der Seite des Dauersiegers Michael Schumacher gefahren ist.

Ehe er sich der Scuderia anschloss, hatte Massa bei Sauber ein eher unstetes Leben geführt. In der Saison 2003 hatte er nicht einmal eine eigene Rennsitzschale in seinem Boliden, das empfand er als große Brüskierung. "Ich hatte zu der Zeit viele Selbstzweifel. Als ich anfing besser und besser zu werden, wurde ich sogar stärker als mein Teamkollege Nick Heidfeld. Ich hatte es nicht verdient, vor die Tür gesetzt zu werden." Es hatte auch was Gutes. In diesem Jahr verbrachte er viel Zeit bei Saubers Motorenlieferanten Ferrari und sammelte dort bei den Testfahrten jede Menge wertvoller Erfahrungen. Schumi wurde auf ihn aufmerksam und 2006, nach einem weiteren Versuch bei Sauber, wurde Massa ganz offiziell einer von zwei Ferrari-Piloten.

Michael Schumacher und Felipe Massa

Michael Schumacher und Felipe MassaGetty Images

Als die Saison 2008 näher rückte, hatte Massa bereits fünf Grand Prixs im Ferrari gewonnen, dessen mythisches Wappen ein tanzendes Pferd zeigt. Und er war immer noch der Teamkollege eines amtierenden Weltmeisters: Kimi Räikkönen. Der talentierte Finne hatte die Regentschaft des legendären Michael Schumacher übernommen und die Weltmeisterschaft gleich im ersten Jahr gewonnen. Glück und Erfolg währten jedoch nicht lange für Räikkönen, der um die Verteidigung seiner Krone fürchtete. Trotz zweier früher Siege in Malaysia und Spanien konnte Räikkönen seine WM-Form nicht halten. Es kam kein Sieg mehr dazu und der Mann mit der Nummer 1 auf seinem Boliden fiel in ein schwarzes Loch.

Aus drei Herausforderern werden zwei


Nach Silverstone, die Hälfte der Meisterschaft war vorüber, waren drei Fahrer mit 48 Punkten gleichauf. Jeder von ihnen hatte einmal den Moment genießen dürfen, die Gesamtwertung anzuführen. Für Massa war das, nach dem Großen Preis von Frankreich, zum ersten Mal in seiner Karriere. Nach gutem Saisonstart verlor „Räikkö“ im Spätsommer immer weiter an Boden und aus dem Trio wurde ein Duo. Ab diesem Zeitpunkt hatte Hamilton konstant einen knappen Vorsprung in der Fahrerwertung. Massa lauerte im Wartestand. Die beiden Konkurrenten sollten in diesem Jahr immer wieder verpassten Gelegenheiten hinterhertrauern.

Vor allem Massa, der in Ungarn einen Motorschaden hatte - drei Runden vor dem Ziel, in Führung liegend, und Hamilton bereits weit abgehängt. Die ganze Arbeit war umsonst. Und dann gab es diese Wildwest-Szenen in Singapur. In Führung liegend, fuhr Massa mit dem noch an seinem Auto hängenden Benzinschlauch aus der Boxengasse. Der Fehler kostete ihm die Spitze des Feldes, er musste sich als Letzter des Rennens einreihen, das dann aus weitaus kontroverseren Gründen in die Geschichte der Formal 1 eingehen würde. (Renault gab später zu, dass sein Team Nelson Piquet Junior angewiesen hatte, absichtlich einen Unfall zu verursachen, in der Hoffnung, Alonso zum Sieg zu verhelfen.)

In der Saison 2008 kam es zu einem Dauerduell zwischen Hamilton und Massa. Zwei Rennen vor Interlagos, beim Großen Preis von Japan auf dem Mont-Fuji-Kurs, schien sich eine Vorentscheidung in der WM anzukündigen. Nach einem wilden, viel zu aggressiven Start von der Pole weg, kam Hamilton Räikkönen in die Quere und fand sich umgehend sechs Plätze weiter hinten im Feld wieder. In der zweiten Runde versuchte „Kamikaze“ Hamilton seinen größten Rivalen zu überholen, bei der Massa mit ihm kollidierte. Hamilton fiel ans Ende des Feldes zurück und konnte seine Wut kaum bremsen. Massas Manöver sei "die pure Absicht" gewesen. Ein herber Rückschlag für den Briten, der mit einem Vorsprung von sieben Punkte ins Rennen gegangen war. Beide Fahrer erhielten in Japan eine „Durchfahrtsstrafe“, am Ende wurde Massa Siebter und konnte den Vorsprung auf seinen Rivalen vor dem vorletzten Rennen auf fünf Punkte verkürzen. "Ich hatte einen schlechten Start und mein erster Gedanke war, um jede Position zu kämpfen und niemanden an mir vorbei zu lassen", sagte Hamilton später zu der französischen Zeitung „Le Figaro“, um seinen aggressiven Rennstil zu rechtfertigen. "Es ist das Herz, das spricht, nicht der Kopf. Aber ich kann nicht ändern, wie ich bin. Ich bin ein Rennfahrer." Also immer All-In, das war Hamiltons Pedaldevise.


In Shanghai brachte Hamilton seinen McLaren diesmal mit einem perfekten Hattrick auf die Strecke und kam dem Titel ein Stück näher. Er, der von der Pole-Position aus vor Massa siegte, war nur noch 71 Runden von seiner Krönung entfernt, von der er schon als Kind mit ferngesteuerten Autos geträumt hatte. Es war mehr oder weniger die gleiche Situation wie 2007, außer dass Hamilton anstelle von vier Punkten gegen zwei Herausforderer im Rückspiegel, nun sieben Punkte Vorsprung auf einen einzigen Rivalen hatte. Ein fünfter Platz für Hamilton in Interlagos würde in jedem Fall reichen, unabhängig davon, was Massa tat. Doch nach dem Ausgang 2007 war sich Hamilton nur allzu bewusst, dass im Sport nichts unmöglich war, auch wenn er vor dem Finale zuversichtlich schien. "Letztes Jahr war ich, ohne Erfahrung, etwas verloren. Aber dieses Jahr kommen wir mit einem besseren Gesamtpaket, und ich denke, dass das Team einen besseren Job gemacht hat“, sagte er dem „Guardian“.

Nach der Provokation von Jordan steigen die Spannungen


Hamilton und Massa waren Gegner, keine Feinde. Aber als ihr episches Duell den Siedepunkt erreichte, goss eine wenig inspirierte Stimme weiter
Öl ins Feuer. Eddie Jordan, der frühere Chef des Teams, das seinen Namen trägt, teilte gegen Massa aus und gab Hamilton wohlmeinende Ratschläge: "Die Leute mögen mich vielleicht nicht, wenn ich das sage, aber wenn Massa versucht, ihn aus dem Rennen zunehmen, um den Titel zu klauen, wie er es in Japan getan hat, dann muss Lewis darauf vorbereitet sein. Wenn er das in Brasilien noch einmal versucht, muss Lewis gegen Massa lenken, um sicherzustellen, dass auch er das Rennen nicht beendet." Der verärgerte Massa reagierte prompt:

"Dreckig zu spielen war noch nie mein Ding. Ich denke nur daran, das Rennen zu gewinnen. Der Rest hängt nicht von mir ab. Seit er sein Team verkauft hat, hat Eddie Jordan nichts mehr mit der Formel 1 zu tun, trotzdem steht er ständig in der Presse!"

Jordan wollte das Duell Massa-Hamilton in ein Remake von Senna gegen Prost verwandeln. Aber das gelang ihm nicht. São Paulo wurde nicht zu einem neuen Suzuka. Denn es würde gar kein direktes Duell geben. Man sagt, Druck ist viel mehr als das, was ein Reifen braucht. Und Massa versuchte den Druck auf die Schultern des Neulings Hamilton abzuladen. Er schien der Situation an diesem letzten Rennwochenende aufgrund seiner größeren Erfahrung besser gewachsen zu sein. "Lewis wird versuchen, Druck auf mich auszuüben, aber ich habe keinen Druck, weil ich nichts zu verlieren habe. Ich habe meine Leute hinter mir und der ganze Druck wird bei ihm sein", sagte Massa. Und anstatt sich auf die Zähne zu beißen, fügte er noch hinzu: "Wir alle wissen, was letztes Jahr passiert ist ..."

Felipe Massa und Lewis Hamilton 2008 in Interlagos

Felipe Massa und Lewis Hamilton 2008 in InterlagosGetty Images

Massas großer Vorsprung


Sonntag, der 2. November. Der große Tag war gekommen. Zum dritten Mal in Folge holte Massa für seine Fans in Interlagos die Pole Position. Hamilton war Vierter in der Startaufstellung. Massa wusste genau, was er tun musste, um der erste brasilianische Formel 1- Weltmeister seit Senna 1991 zu werden: Er brauchte einen Sieg, alles andere würde nicht reichen. Dass er sich brillant an seinen Rennplan hielt, war am Ende aber nicht entscheidend. Das Rennen war in vielerlei Hinsicht einzigartig. Dunkle Wolken bedrohten von oben die Rennstrecke, heftigste Gewitter waren hier in Brasilien kaum berechenbar. Es schien nicht ganz so schlimm zu werden wie bei der Sintflut von 2003, aber das schlechte Wetter würde eine große Rolle spielen für die beiden Protagonisten in diesem letzten Akt.

Der geplante Start erfolgte dann auch mit einer zehnminütigen Verzögerung. Ein ebenso heftiger wie plötzlicher Schauer hatte alle Teams während der Startaufstellung überrascht und zu einem kollektiven Reifenwechsel veranlasst. Dann waren die Fahrer soweit. Während Massa das spektakuläre Rennen von Anfang an dominierte, hielt Hamilton sich klug zurück und an seinem vierten Platz fest, den er bis zum Ziel halten wollte. Dann öffneten sich die Schleusen im Himmel wieder, was dem Rennen eine noch größere Dramatik verlieh. Massa glaubte einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erkennen. Es war die 64. von insgesamt 71 Runden. Zwei Runden später fuhren Alonso (Zweiter), Räikkönen (Dritter), Hamilton (Vierter) und Sebastian Vettel (Fünfter) in die Box, um Intermediate Regenreifen aufzuziehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hamilton sein Schicksal immer noch in den eigenen Händen. Mit großem Vorsprung auf das Verfolgerfeld fuhr Massa eine Runde später in die Box, bevor er seine Siegesfahrt Richtung Ziellinie fortsetzte.

Glock, der Eindringling


In dieser dramatischen Schlussphase gelang es einem in die Gruppe der vier Führenden hineinzufahren: Timo Glock. Der deutsche Toyota-Pilot fuhr vom siebten auf den vierten Rang vor, weil er und seine Ingenieure beschlossen hatten, auf einen Boxenstopp zu verzichten, Risiko zu gehen und mit Trockenreifen ins Ziel zu kommen. Es war reines Glücksspiel, aber eines, das sich hätte auszahlen können. Nach dem Reifenwechsel-durcheinander befand sich Glock weit vor Hamilton, der als Fünfter Vettels Toro Rosso im Nacken hatte. Hamilton hatte Probleme mit seinen Reifen, es fiel ihm immer schwerer, sein Auto auf der Strecke zu halten und seinen fünften Platz zu verteidigen, der über die Titelvergabe entscheiden würde.

Brazilian GP 2008: Lewis Hamilton und Timo Glock

Brazilian GP 2008: Lewis Hamilton und Timo GlockImago

Und als ob Glock und sein junger Landsmann Vettel nicht schon genug wären, kam jetzt noch ein Dritter hinzu: Robert Kubica. Der Pole war bereits überrundet, fuhr gegen Ende aber schnellere Rundenzeiten als Vettel und Hamilton. Infolgedessen überholte der BMW-Fahrer die beiden auf der Geraden vor der Haupttribüne. Etwas später überdrehte Hamilton in einer Kurve und lud Vettel gerade dazu ein, an ihm vorbei zu fahren. Der Brite befand sich plötzlich auf dem sechsten Platz wieder was Massa, in der virtuellen Fahrerwertung, zum Weltmeister machte. "In diesem Augenblick hatte ich keine Ahnung, dass ich Einfluss auf den Ausgang der Meisterschaft nahm", sagte Vettel später gegenüber „ESPN“. "Als Lewis den Fehler machte, war es für mich klar, dass ich an ihm vorbeigehe. Ich saß zum letzten Mal im Toro Rosso und wollte das bestmögliche Ergebnis erzielen."

"Mann, verarsch‘ mich nicht! Nicht schon wieder!"


In dieser Sekunde geriet Hamiltons Welt ins Wanken und er hatte nur noch zwei Runden Zeit, zurückzuschlagen. "Als es wieder zu regnen begann, bemühte ich mich, mein Tempo zu halten. Ich wollte kein Risiko eingehen. Ich hatte Probleme mit meinen Reifen und konnte nicht viel mehr tun, als zu versuchen, das Auto auf der Strecke zu halten. Ich erinnere mich, wie ich dachte: ‚Mann, verarsch‘ mich nicht! Nicht noch einmal!'" Hamilton würde Vettel, den ehrgeizigen Toro Rosso-Piloten, tatsächlich nicht mehr einholen, der fast eine Sekunde vor ihm die Ziellinie überqueren würde. Aber es gab ja noch Timo Glock, dessen Rolle noch nicht abschließend geklärt schien. Zwei Runden vor dem Ziel lag der Deutsche 15,2 Sekunden vor Vettel und Hamilton. Eine Runde später hatte er nur drei Sekunden verloren. Glocks großer Vorsprung und das Tempo von Vettel deuteten darauf hin, dass sich Hamiltons Schicksal vom Vorjahr in São Paulo wiederholen würde.

Lewis Hamilton 2008 in Brasilien

Lewis Hamilton 2008 in BrasilienGetty Images

Der Regen wurde immer heftiger und Glocks trockene Reifen hatten zunehmend keinen Grip mehr. Sein Toyota rutschte auf der Strecke hin und her wie ein Reh auf einer Eisbahn. "Bis zur letzten Runde lief es nicht so schlecht", erinnerte sich Glock. "Dann aber wurde es unmöglich. Das Auto war nicht mehr steuerbar. Ich rutschte herum und hatte keinen Halt mehr. Ich wusste, dass ich das Rennen nur mit sehr viel Krampf und Glück beenden konnte." Zu diesem Zeitpunkt war Lewis Hamilton die geringste Sorge des Deutschen. "Ich konnte das Auto kaum noch in Fahrtrichtung halten. Ich wusste nicht einmal, dass Lewis hinter mir war. Der Teamfunk sprach von Sebastian Vettel, der sich von hinten näherte. Aber ich habe dem keine Aufmerksamkeit geschenkt, ich wollte mein Auto einfach nur auf der Strecke halten. Erst nach dem Rennen realisierte ich, dass Lewis mich überholt hatte. In der letzten Runde überholten mich drei oder vier Leute, aber ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, was draußen auf der Strecke los war."

Letztes Rennen, letzte Runde, letzte Chance


In der McLaren-Box wusste man sofort, dass Glocks Rutschpartie Hamiltons letzte Chance auf den Titel war. "In diesen entscheidenden Minuten saß in der McLaren-Box ein Mann namens Richard Hopkirk, der mit Lewis kommunizierte", erinnerte sich später der McLaren-Renningenieur Phil Prew beim US-Sender „ESPN“. "Ich schrie: ‚Ich habe alle Funkprotokolle verloren. Sag Lewis, dass Glock der Mann ist, auf den wir uns konzentrieren müssen.‘ Richard antwortete: ‚Ich kann es ihm jetzt nicht sagen, er kommt gerade aus einer Kurve.‘ Ich unterbrach ihn: ‚Sag es ihm endlich!‘" Schließlich kam die Botschaft beim zukünftigen Weltmeister an:

" Sie erklärten mir, dass Glock knapp vor mir lag und ich ihn überholen musste. Ich wusste nicht, wie weit er voraus war, aber ich wusste, dass er auf Trockenreifen unterwegs war. Den Kampf gegen Vettel, der deutlich schnellere Reifen hatte als ich, gab ich verloren. Ich habe gebetet, dass ich Glock rechtzeitig erwischen würde, und bei Ausgang von Kurve 10 habe ich ihn schließlich vor mir gesehen. "

Zwei Runden lang klammerte sich Hamilton an seinen großen Traum wie ein Schiffbrüchiger an ein Floß. Während eines letzten Anstiegs, über dessen Kuppe Vettel zwei Runden zuvor einen irren Satz gemacht hatte, überholte Hamilton Glock an genau dieser Stelle. Fünfzehn Sekunden später überquerte der Brite als Fünfter die Ziellinie. Er war der Weltmeister. In diesen fünfzehn Sekunden war die Formel 1-Geschichte um ein einzigartig dramatisches Kapitel bereichert worden.

Ferrari hat zu früh gefeiert


Felipe Massa war derweil auf seiner Siegerrunde auf der anderen Seite der Rennstrecke. In der Ferrari-Garage herrschte Riesenjubel. Die Familie des Brasilianers und das gesamte Scuderia-Team waren aus dem Häuschen. Sie sprangen vor Freude in die Luft, sangen und weinten vor Glück. Das einzige, was fehlte, war der Champagner. Nur deshalb knallten die Korken noch nicht. "Als Sebastian an Lewis vorbeiging, haben wir ein bisschen was für unsere Feier in der Garage vorbereitet", erzählte Massas Bruder Dudu später. "Aber ich erinnere mich, wie mein Vater und ich die Leute baten, sich zu beruhigen. Meine Mutter fing an zu weinen, aber mein Vater sagte: 'Nein, nein, wartet bis er im Ziel ist. Dann hieß es, Hamilton sei Fünfter, nicht Sechster. Ein Mechaniker kam auf die Familie zu und sagte uns: 'Felipe hat die Meisterschaft nicht gewonnen.' Der Typ schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Er war am Boden zerstört. "

Ganz anders Nicole Scherzinger, Sängerin der Pussycat Dolls und Freundin von Lewis Hamilton. Ihr Freund hatte gewonnen. Während ihr Herz vor Glück explodieren wollte, war Hamilton immer noch unsicher: "Ich schrie: Bin ich es? Bin ich es?". Erst als ich in Kurve 1 einbog, kam die Bestätigung aus der Box. Ich war außer mir. Diesen Moment werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. Ich hatte so viel Glück. Ich weiß nicht, wie ich zurückgekommen wäre, hätte ich die Meisterschaft in der letzten Runde verloren.“ Massa realisierte schnell was passiert war. Sein Schmerz war immens. Er ging aus, betrank sich und konnte in dieser Nacht kein Auge zumachen. Und auch wenn der Brasilianer alles versuchte, diesen Rückschlag hinter sich zulassen, erholte er sich nie mehr vollständig davon. Dieser elfte Grand-Prix-Sieg seiner Karriere würde sein letzter sein. Danach war nichts mehr so ​​wie zuvor.


In der nächsten Saison war sein F60-Auto nicht gut genug, um ganz vorne mitfahren zu können. Und auch seine Pechsträhne war noch nicht vorbei. Beim Qualifying auf dem Hungaroring in Budapest war Massa an einem äußerst ungewöhnlichen Unfall beteiligt, an dem er selbst keine Schuld trug. Eine kleine, 700 Gramm schwere Feder hatte sich vom vor ihm fahrenden Brawn-Wagen seines Landsmanns Rubens Barrichello gelöst und schleuderte mit mehr als 270 km/h direkt auf Massas Helm. Massa prallte daraufhin frontal in einen Reifenstapel. Das Ergebnis: Zahlreiche Schädelbrüche und tiefe Schnitte rund um das linke Auge ließen das Schlimmste befürchten. Massa unterzog sich einer Operation und unterbrach seine Karriere. Nach seinem Comeback im Jahr 2010 war er in der Fahrerwertung der Weltmeisterschaft nie mehr besser als Rang sechs.

Morddrohungen gegen Glock


Auch Lewis Hamilton brauchte einige Jahre, um diesen frühen Triumph vollständig zu verarbeiten. Erst sechs Jahre später, 2014, gelang ihm sein zweiter Weltmeistertitel. Seitdem ist er allerdings kaum zu bremsen. Zuletzt gelangen ihm fünf Titel in sechs Jahren und das Ende ist noch nicht in Sicht. Ebenso wenig wie Massa wurde auch Timo Glock kein Weltmeister mehr. Und wie bei Massa wurde diese letzte Runde der Saison 2007 zu einer schweren Bürde für den Deutschen. Journalisten beschuldigten ihn Bestechungsgelder angenommen zu haben, sogar Morddrohungen erhielt Glock. "Briefe wurde an mein Elternhaus geschickt, in denen stand, dass man mich erschießen sollte, warum ich das gemachte habe, dass ich aus dem Sport ausgeschlossen werden sollte. Es war ziemlich extrem." Zum Glück blieben es nur hohle Drohungen. Tatsächlich konnte ihn die Bordkamera seines Toyotas von jeglichem Manipulationsverdacht freisprechen. Die Wahrheit war, dass Glock an diesem Tag in einer ausweglosen Situation sein Bestes gab. So wie Hamilton.

Und so wie Massa, der trotz der ungewöhnlichen Umstände, die ihm die Meisterschaft kostete, sein sportliches Schicksal beinahe stoisch hinnahm. "Wäre der Regenschauer nur eine Minute später heftiger geworden, hätte ich den Titel gewonnen. Es musste wohl so sein. Ich glaube, dass die Dinge aus einem bestimmten Grund passieren. Vielleicht werde ich eines Tages herausfinden, warum. Ich werde das mein ganzes Leben lang mit mir herumtragen. Ich werde es wohl nie ganz vergessen können. Das kann keiner“. Erstaunlicherweise konnte Massa seiner Enttäuschung sogar noch etwas Positives abgewinnen. Im Gespräch mit dem „Guardian“ sagte er vier Monate nach seinem verpassten Titel in Interlagos: "In solchen Situationen lernt man viel über sich selbst. Vielleicht wäre der Titel am Ende auch zu viel gewesen. Wer weiß schon, was dann mit mir geschehen wäre?"