"Ich erinnere mich seit Senna/Prost nicht mehr daran, dass es zwischen zwei Fahrern und Teams so giftig zuging": So beschrieb McLaren-CEO Zak Brown den Formel-1-Titelkampf zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton aus der Beobachterperspektive und war mit dieser Einschätzung nicht allein.
Auch zahlreiche andere Experten fühlten sich bei der intensiven Rivalität an das legendäre Duell zwischen Ayrton Senna und Alain Prost erinnert. Letzterer ist seit vielen Jahren als Renault-Botschafter tätig und hat die Saison 2021 hautnah mitverfolgt.
Auf die Frage, ob es sich dabei um die beste Formel-1-Saison der Geschichte gehandelt hat, sagte der viermalige Weltmeister:
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"Ich denke, wenn man das Gesamtbild betrachtet, ja. Und damit meine ich die Show, den Sport, die menschliche Seite, die Popularität der Formel 1 und die Tatsache, dass junge Leute anfangen, die Formel 1 zu sehen. Dann ja, das war mit Sicherheit die beste Saison aller Zeiten."

Titelkampf 2021 sprengt alles bisher Dagewesene

Sie gipfelte in einem Saisonfinale, das mit Verstappen nicht nur einen neuen Weltmeister, sondern auch jede Menge Kontroversen bereithielt - selbst für einen so erfahrenen Piloten und Experten wie Prost ein Novum. Er habe so etwas noch nicht erlebt.
"Nein! Die Leute fragen mich immer wieder, was wir in der Vergangenheit erlebt haben. Dieses Jahr konnte man im Vorfeld alle möglichen Prognosen treffen, aber es war unmöglich vorherzusehen, dass es so ablaufen würde. Deshalb ist es gut für die Show."
Das bedeute aber nicht, dass Prost alles, was passiert ist, gutheißen will: "Die Entscheidung bezüglich der Safety-Car-Regel war vielleicht nicht richtig. Meiner Meinung nach war sie zu hart. Es ist sehr schwierig, genau zu hören und zu wissen, was sie den Teams gesagt haben. Aber es ist auf jeden Fall ein bisschen seltsam."

Max Verstappen im Red Bull (r.) geht in der letzten Runde an Lewis Hamilton vorbei

Fotocredit: Getty Images

Prost wundert sich über Verlauf der Safety-Car-Phase

Damit meinte der Ex-Formel-1-Pilot die Tatsache, dass sich während der Safety-Car-Phase in der Schlussphase des Rennens nicht alle überrundeten Fahrer, zurückrunden durften und das Safety-Car gemäß Reglement eine Runde zu früh reingeholt wurde.
"Normalerweise hätte man in einer solchen Situation warten müssen, bis alle Autos überholt haben, also hätten wir das Rennen fast hinter dem Safety-Car beenden müssen. Aber ich möchte nicht 100-prozentig urteilen", sagte Prost. "Auf jeden Fall kann ich die Frustration aus der Sicht von Mercedes sehr gut verstehen."
Das Team hatte nach Hamiltons Niederlage zwei Proteste eingelegt und Berufung angekündigt, nachdem diese gescheitert waren. Letztlich verzichtete man auf die Berufung.

Prost: "Beide hätten den Weltmeistertitel verdient"

Zwar erkennt Prost an, dass Mercedes mit Hamilton in Abu Dhabi "dominant" und "schneller" war als Red Bull mit Verstappen. "Daran besteht kein Zweifel. Daher kann ich ihren Standpunkt verstehen", so der Franzose. "Andererseits: Manchmal braucht man auch ein bisschen Glück. Ich glaube, Max hatte dieses Jahr nicht viel Glück und jetzt hatte er endlich mal das Glück auf seiner Seite."
"Und dann ist es immer noch wie im richtigen Leben: Wenn sich dir eine Chance bietet, musst du sie nutzen." Das habe Verstappen zweifelsohne getan. "Beide haben es verdient, Weltmeister zu werden, und beide haben uns eine unglaubliche Show geliefert. Am Ende des Tages ist es gut für die Formel 1 und gut für Max."
"Für Lewis ist es natürlich ein bisschen traurig", erklärte Prost. "In dieser Saison kann man sich nicht zwischen Max und Lewis entscheiden. Sie sind gleichwertig. Man kann zu allem etwas sagen, zum Beispiel zu (der Kollision; Anm. d. Red.) Silverstone, aber am Ende des Tages haben beide die Weltmeisterschaft verdient."

Max Verstappen ist zum ersten Mal Weltmeister

Fotocredit: Imago

Prost sieht Verstappen als Fahrer gereifter und stärker

Es sei ein bisschen schade, dass es am Ende diese Kontroverse gab. "Ohne sie wäre Lewis Weltmeister geworden, denn er war in Abu Dhabi dominant, aber beide haben es verdient", hielt der Renault-Markenbotschafter fest. Den Erfolg des neuen Formel-1-Weltmeisters Verstappen schmälere das aber natürlich nicht.
"Er hatte eine perfekte Saison. Ich erinnere mich an ihn, als er in der Formel 1 anfing, und wir sagten sehr oft: 'Er hat den Speed, er hat alles, aber er macht vielleicht ein bisschen zu viel und deshalb passieren Fehler'", erinnerte sich Prost an die Anfänge.
"Aber das ist normal, wenn man noch sehr jung ist. Jetzt wird er immer besser, und 2021 hat er nicht viele Fehler gemacht. Vielleicht den einen im Qualifying in Dschidda, aber da hat er so hart gepusht und da kann das passieren." Damals befand sich Verstappen auf Pole-Kurs, crashte aber in der letzten fliegenden Runde.
In Zukunft, da ist sich Prost sicher, wird man noch einiges vom Red-Bull-Piloten erwarten dürfen: "Wenn man einen Titel in der Tasche hat, fährt man anders und denkt auch anders. Sobald man ihn einmal gewonnen hat, wird der Druck gewiss geringer sein. Er wird noch besser wissen, wann er pushen und wann er weniger Risiko eingehen muss, und er wird am Ende ein noch besserer Fahrer sein."
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