Dabei steht es - gemessen an Ergebnissen - gar nicht so schlecht um Bottas, der vor Sepang er bei fünf von sechs WM-Läufen auf das Podium brauste. Als WM-Dritten trennt ihn weiter nur ein Sieg von Sebastian Vettel im Ferrari. Allerdings verpasste ihm Hamilton besonders in den Qualifyings eine Ohrfeige nach der anderen. Häufig war es dem Pech und Unvermögen der Konkurrenz geschuldet, dass Bottas Schadensbegrenzung betrieb. In Summe nagt das. Es zieht ihn in einen Teufelskreis, aus dem es für den Nico-Rosberg-Nachfolger bis dato kein Entrinnen gibt.
Bottas macht keinen Hehl daraus, dass er ohne breite Brust in Malaysia anreiste: "Es ist niemals gut, wenn man sich in das Auto setzt und sich nicht zu 100 Prozent sicher fühlt. Oder nicht zu 100 Prozent weiß, dass man der Schnellste sein kann", bläst Bottas die Backen auf. Er will die psychologische Komponente der Formel 1 nicht unterschätzt wissen: "Dieser Sport ist mental ein sehr feinfühliger." Wie wichtig Selbstverständlichkeit ist, beweist Hamilton Wochenende für Wochenende.

Probleme mit überhitzenden Reifen

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Doch es gibt greifbarere Erklärungen für Bottas' Leistungen. Aus Ingenieurssicht ist das Grundproblem, dass er im W08 dazu neigt, die Reifen zu überhitzen. Der aktuelle Silberpfeile, der als extrem temperatursensibel gilt, bestraft das drakonisch - und in Sepang wurden die Schwierigkeiten ärger. "Ich hatte mehr Probleme mit der Vorderachse, was in diesem Jahr selten der Fall war", sagt Bottas. "Am Scheitelpunkt habe ich oft die Kontrolle verloren, was den Reifen vorne links überhitzen ließ."
Dazu rutschte er trotz eines Aerodynamik-Updates mit mehr Abtrieb ständig in schnellen Kurven, was die Pneus zusätzlich malträtierte. Folge: Bottas ließ das Auto nicht mehr fliegen, sondern schleppte es um den Kurs: "Es ging für mich nur darum, den Reifenverschleiß zu kontrollieren." Obwohl Hamilton über identische Probleme klagte, wirkte der Brite weniger gehemmt. Sportchef Toto Wolff kennt den Grund: "Fahrstile spielen eine Rolle. Lewis hat sich besser auf das Problem eingerichtet als Valtteri. Nur ist es für niemanden so einfach, seinen Fahrstil zu verändern."
Für die These spricht, dass auch bei anderen Teams die Leistungsunterschiede zwischen den Stallgefährten größer sind als aus der Vergangenheit gewohnt. Teilweise einseitig zugunsten eines Piloten (wie bei Ferrari) oder im Wechsel (wie bei Red Bull). "Er ist doch nicht der einzige Topmann im Feld, der unter diesem Problem leidet", unterstreicht Wolff mit Blick auf die Konkurrenz.

Schlüssel zur Kehrtwende

Erstaunlich ist aber, dass Bottas zu Saisonbeginn brillierte, wenn der Mercedes zickte - und etwa in Russland Hamilton eine Abreibung verpasste. "Bestimmte Strecken und Oberflächen bevorzugen Valtteri. Sotschi war eine davon", geht Wolff ins Detail. Gut möglich, dass es glatter Asphalt ist, der dem auch in Österreich siegreichen Finnen in die Karten spielt. Doch es erklärt nicht, warum auf gröberem Fahrbahnbelag gar nichts zusammenläuft. Und hier kommt die Psyche ins Spiel.
Bottas begreift sein Selbstbewusstsein als Schlüssel zur Kehrtwende: "Ich muss es zurückgewinnen und wieder befreiter sein", sagt er und möchte Fragezeichen, die seine Schlappen bei Mercedes hinterlassen hätten, vergessen machen. "Nach so einem Tief geht es darum, nichts als Vertrauen in das Auto zu haben und sich auf seine Fähigkeiten zu verlassen." Wolff hat keinen Zweifel daran, dass Bottas die sportliche Wiederauferstehung gelingt: "Er wird diese schwierige Phase überstehen."
Mit dem Vertrag bei den Silberpfeilen für 2018 in der Tasche könnte es einfacher werden. Schließlich muss sich Bottas um sein Cockpit zunächst keine Sorgen machen - auch weil seine Chefs auf dem abgegrasten Personalmarkt keine Alternativen haben. "Wir haben sehr gute Leistungen von ihm erlebt, aber er hatte bei den vergangenen Rennen ein Formtief. Niemand stellt Valtteri infrage", macht Toto Wolff klar. "Jemand kluges hat einmal gesagt, dass auf ruhiger See keine harten Matrosen geboren würden. Er wird stärker zurückschlagen."
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