Sebastian Vettel als Marko-Nachfolger zu Red Bull? Ex-Weltmeister für Hans-Joachim Stuck die "völlig falsche Lösung"
Update 02/07/2025 um 22:11 GMT+2 Uhr
Die Sinnkrise bei Red Bull verschärft sich: Die Gerüchte um einen Abschied von Max Verstappen in Richtung Mercedes werden lauter, zudem droht mit dem nahenden Rücktritt von Helmut Marko der nächste Nackenschlag. Hans-Joachim Stuck blickt im exklusiven Interview mit Eurosport auf die ungewisse Zukunft des Rennstalls und unterstreicht, warum Sebastian Vettel kein geeigneter Marko-Nachfolger wäre.
Sebastian Vettel (l.) und Helmut Marko gemeinsam bei Red Bull im Jahr 2014
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Der Grand Prix von Österreich war für Red Bull ein Ausflug zum Vergessen. Max Verstappen wurde in Kurve drei der ersten Runde von Mercedes-Youngster Andrea Kimi Antonelli abgeräumt, Yuki Tsunoda überquerte die Ziellinie als 16. - nachdem er zweimal überrundet worden war.
Ein Ausgang, der mit Blick auf die Gerüchte rund um einen Verstappen-Wechsel zu Mercedes wie Öl ins Feuer wirkte. Doch eine Trennung vom viermaligen Weltmeister vor dem offiziellen Vertragsende im Dezember 2028 ist längst nicht mehr das größte Problem bei Red Bull.
Die Schaffenszeit von Helmut Marko, der den Rennstall gemeinsam mit Gründer und Visionär Dietrich Mateschitz zu Erfolg geführt hat, neigt sich dem Ende zu. Wer auf den 82-Jährigen folgen soll? Sebastian Vettel - erste Gespräche wurden von Red Bull bestätigt.
"Das halte ich für die völlig falsche Lösung", positionierte sich Motorsport-Legende Hans-Joachim Stuck im exklusiven Interview mit Eurosport hinsichtlich dieser Thematik.
Herr Stuck, mit dem Sieg hatte Red Bull in Spielberg nichts zu tun, die Schlagzeilen dominierte das Team trotzdem. Glauben Sie, dass sich die Zeit von Max Verstappen im Team dem Ende zuneigt?
Hans-Joachim Stuck: Zuerst muss man sich die Vertragssituation anschauen, welche Optionen gibt es? Es wird immer von einer leistungsbezogenen Klausel gesprochen - das kann ich mir in dieser Form nicht vorstellen. Ein Team hat immer Schwankungen. Am Ende wissen nur die Beteiligten um die Wahrheit. Verstappen hatte eine super Zeit bei Red Bull. Durch den Abgang einiger Leute, wie zum Beispiel Adrian Newey, haben sich nun aber Probleme eingeschlichen. Warum sollte Max also nicht wechseln? Wenn es ihn zu Mercedes ziehen würde … das wäre schon ein Ding! Es ist ein Top-Team, Toto Wolff einer der besten Teammanager der Welt und über die Kohle müssen wir gar nicht erst reden. Das wäre definitiv ein toller Anreiz. Wenn man Verstappen zurzeit beobachtet, wirkt es so, als sei er in einer Phase, in der er über einen Wechsel nachdenkt.
Der Impact von Verstappen bei Red Bull ist unvergleichlich. Von 162 Punkten sammelte er allein 155, das zweite Auto bereitet seit langer Zeit Probleme. Fliegt Red Bull der alleinige Fokus auf Verstappen jetzt um die Ohren?
Stuck: Red Bull muss sich eine wichtige Frage stellen: Wie geht es weiter? Neben Verstappen geht es auch um die Zukunft von Helmut Marko. Wenn er ebenfalls aufhört, dann wird die Besetzung langsam kritisch. In den vergangenen Jahren waren sie personell immer top aufgestellt, heute ist das nicht mehr so. Wenn sich Marko jetzt verabschiedet und an seine Stelle Sebastian Vettel hinkommt, der ein großartiger Fahrer war - aber als Manager null Ahnung hat, ist das eine besonders schwierige Situation. Zudem setzt Red Bull ab der kommenden Saison auf seine eigenen Motoren, die sich im Rennbetrieb auch erst einmal bewähren müssen. Da sind einige Dinge im Gang, bei denen man die Entwicklung gespannt beobachten kann.
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Christian Horner (l.) und Helmut Marko
Fotocredit: Getty Images
Helmut Marko zu ersetzen ist ein schwieriges Unterfangen. Gibt es einen geeigneten Nachfolger oder ist die Aufgabe schier unmöglich?
Stuck: Im Grunde ist jeder Mensch ersetzbar. Das ist Grundregel. Durch seine Fähigkeiten als ehemaliger Fahrer und erfolgreicher Geschäftsmann hatte er einfach immer das richtige Gespür und war ein elementarer Bestandteil des Aufstiegs von Red Bull. In der Formel 1 gibt es natürlich einige Namen, die den Job im Kreuz hätten - aber bei Marko reden wir von einer Bedeutung wie bei Adrian Newey. Das sind Leute, die das Geschäft zu 100 Prozent im Griff haben, im Fall von Marko reden wir sogar von 200 Prozent. Wenn Red Bull Helmut verliert, würde ich das als den größten Verlust der vergangenen Jahre bezeichnen. Man darf nie vergessen: Wo kommt Red Bull her? Was Dietrich Mateschitz gemeinsam mit Marko geplant und begründet hat, davon profitiert Red Bull heute noch. Helmut zu ersetzen, das wird bei Red Bull ein Mega-Problem.
Wie wichtig wäre es in diesem Kontext, Sebastian Vettel als Sinnbild für diese Erfolgsgeschichte trotzdem ins Team zurückzuholen?
Stuck: Das halte ich für die völlig falsche Lösung. Das ist nichts gegen Sebastian, aber er ist einfach kein Teammanager. Für mich käme er nie infrage. Auf dem Niveau von Marko kann ein ehemaliger Fahrer nicht einfach so einsteigen. Und Sebastian würde sich damit keinen Gefallen tun, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt.
Schwieriger könnte ein Einstieg kaum sein.
Stuck: Genau. Von null auf hundert, mein lieber Scholli. Einen weiteren Punkt darf man nicht außen vorlassen: Sebastian hat seine Karriere auch für seine Familie beendet. Als Marko-Nachfolger wäre er 24 Stunden an sieben Tagen der Woche in seiner Arbeit vertieft. Abends geht er mit Gedanken daran ins Bett, träumt davon und wacht damit wieder auf. Die Familie käme da im Zweifelsfall zu kurz. Ob er das mitmachen will, ist die große Frage.
An der Spitze glänzen hingegen Oscar Piastri und Lando Norris, die für McLaren in Spielberg einen Doppelsieg feierten. Wer überzeugt Sie von den beiden mehr?
Stuck: Von McLaren finde ich das sensationell, offensichtlich gibt es keine Stallorder und beide dürfen mit offenem Visier fahren. Norris und Piastri würde ich als gleichwertig einordnen, fahrerisch sehe ich keinen der beiden klar vorne. Mega motiviert, super sympathisch und sie verstehen den Sport - die beiden sind ein Glücksfall für die Formel 1.
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Lando Norris und Oscar Piastri von McLaren
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Die Titelfrage ist dementsprechend schwierig zu beantworten.
Stuck: Es kann immer etwas schiefgehen, vielleicht schießt der eine den anderen ab. Das macht es erst so spannend. In den Jahren zuvor gab es im besten Team immer nur einen Fahrer, der auf die WM angesetzt wurde. Jetzt haben wir ein dominantes McLaren, bei dem beide Piloten um den Titel kämpfen. Das hatten wir schon lange nicht mehr.
Elf Grand Prix ist die Saison mittlerweile alt: Wie schätzen Sie Lewis Hamilton bei Ferrari ein?
Stuck: Eines darf nicht vergessen werden: Für einen Fahrer ist es bereits ein Meilenstein, wenn man für Ferrari fahren darf. Hamilton hat von seinem Leistungspotenzial nichts verloren, mit Charles Leclerc hat er aber einen bärenstarken Teamkollegen an seiner Seite. Klar, bei Ferrari ist Hamilton nicht so gut aufgehoben wie bei Mercedes - weil es dort um Ferrari geht und nicht um den Fahrer. Das mussten auch seine Vorgänger lernen, Sebastian Vettel ist das jüngste Beispiel. Mit Ferrari traue ich Hamilton aber noch einige Erfolge zu.
In der neuen Ära ab 2026 dürfen wir uns also weiter auf diese ikonische Paarung freuen.
Stuck: Absolut! Ich bin mir sicher, dass Lewis klug genug ist, um von selbst aufzuhören, wenn er merkt, dass er gegen Leclerc keine Chance mehr hat - wobei er die definitiv noch hat. Ein Hamilton lässt sich nicht von einem Teamkollegen bügeln. Wenn er den Verlust seiner Aggressivität auf der Strecke merkt, trifft er die Entscheidung von selbst.
Wer hat Sie in den ersten elf Rennen am meisten überrascht?
Stuck: Kimi Antonelli. In diesem jungen Alter bereits so eine Leistung zu zeigen, das ist überragend. In Spielberg hat er zwar einen Fehler gemacht, aber das gehört einfach dazu.
Im Szenario eines Verstappen-Wechsels zu Mercedes wäre Antonelli also neben dem viermaligen Weltmeister gesetzt?
Stuck: An der Stelle von Toto würde ich Antonelli auf jeden Fall halten. Mit George Russell und Max Verstappen hättest du zwei Top-Stars in einem Team, die untereinander Schwierigkeiten haben könnten. Antonelli wäre hingegen ganz klar die Nummer zwei und könnte viel von seinem Teamkollegen lernen. Max wäre eine Art Ziehvater für ihn.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Stuck.
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Quelle: Perform
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