Das Interview führte Florian Bogner
Hallo Herr Stuck, die Formel-1-Welt ist am Dienstagmorgen in Aufruhr versetzt worden: Ferrari und Sebastian Vettel gehen Ende 2020 getrennte Wege. Hat Sie die Nachricht überrascht?
Hans-Joachim Stuck: Es hat mich nicht überrascht. Fakt ist: Aus meiner Sicht hat Sebastian bei Ferrari nie das vorgefunden, was er sich erhofft hat. Bei Red Bull hatte er ein tolles Umfeld - bei Ferrari war er nur eine Nummer von vielen. Dort gibt es eine Schumacher-Straße und einen Villeneuveplatz und was noch alles.
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Inwieweit hatte der Saisonverlauf 2019 mit dem erbitterten Zweikampf zwischen Vettel und Charles Leclerc daran seinen Anteil?
Stuck: Das war eine sehr schwere Zeit für Sebastian, in der sich am Ende gut behauptet hat, muss man sagen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein jüngerer Teamkollegen einen bügelt. Ich denke, in dem Ferrari-Umfeld hat er sich zuletzt nicht mehr wirklich wohlgefühlt. Deswegen kann ich die Entscheidung absolut nachvollziehen.
Was kommt jetzt?
Stuck: Die Ausgangslage ist nicht gerade easy. Es bleiben ihm nicht viele Möglichkeiten. Wenn du von einem Siegerteam weggehst - was bleibt da groß übrig?

Sebastian Vettel (l., damals Red Bull) 2013 am Nürburgring mit Hans-Joachim Stuck

Fotocredit: Imago

Mercedes!?
Stuck: Bei Mercedes weiß man nicht, ob sie als Werksteam weiter machen. McLaren wäre ein Thema. Zu Red Bull, glaube ich, kehrt er nicht zurück.
Wenn er kein Team mit Siegchancen findet, wird er aufhören.
WIE GEHT ES FÜR VETTEL WEITER?
Warum verkünden Vettel und Ferrari die Trennung jetzt schon?
Stuck: Der Zeitpunkt ist aus meiner Sicht für Sebastian der richtige. Er hat jetzt Zeit, sich zu sortieren. Er kann abwarten und in Ruhe planen, alle Möglichkeiten ausloten. Andererseits weiß man natürlich noch nicht, wie es mit der Formel-1-Saison überhaupt weitergeht. Wie werden Werke künftig mit dem Thema Motorsport umgehen? Was machen die Sponsoren? Die Lage ist momentan sehr unsicher.
Glauben Sie, dass sich Vettel auch mit Gedanken ans Karriereende trägt?
Stuck: Man muss mit allem rechnen. Wenn er kein Team mit Siegchancen findet, wird er sicher die gescheite Entscheidung treffen und aufhören. Ein Vettel muss schon in einem Siegerauto sitzen. Abkanzeln lassen braucht er sich auch nicht.

Sebastian Vettel

Fotocredit: Getty Images

Eddie Jordan, ein gewiefter Experte, der zuletzt mit mehreren Prognosen richtig lag, hat einen Tausch zwischen Vettel und Lewis Hamilton vorhergesagt. Glauben Sie an diese Möglichkeit?
Stuck: Das kann ich mir durchaus vorstellen. Das wäre eine gute Nummer für Sebastian, dann wäre er im richtigen Team. Das wäre für ihn der absolute Joker. Aber ich weiß nicht, ob Hamilton, der ungekrönte König von Mercedes, wirklich zu Ferrari gehen würde. Dort müsste er nochmal ganz anders seinen Mann stehen. An Motivationsprobleme mit Mercedes glaube ich nämlich nicht bei Lewis - der ist einfach ein Renntier.
Ich traue ihm einen weiteren WM-Titel ohne weiteres zu.
Hand aufs Herz - wie entscheidet sich Vettel aus Ihrer Sicht?
Stuck: Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten. Variante A: Er findet ein Team mit Siegchancen, dann traue ich ihm dort alles zu. Dass er es nicht verlernt hat, hat er 2019 bewiesen, als er sich trotz der Konkurrenz von Leclerc hochgezogen, motiviert und Stärke gezeigt hat. Ich traue ihm einen weiteren WM-Titel ohne weiteres zu. Die Variante B lautet für mich jedoch: Er hört auf. Das sind für mich die einzigen Optionen.
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