Taktikcheck: Guter Mesut, schlechter Mesut - Das Phänomen Mesut Özil beim FC Arsenal
VonLuca Baier
Publiziert 13/01/2016 um 10:57 GMT+1 Uhr
Mesut Özil präsentiert sich seit Wochen in absoluter Galaform und legt seinen Mitspielern Tor um Tor auf. Läuft es jedoch einmal nicht wie gewünscht für sein Team, ist der Schuldige schnell gefunden. Eurosport.de analysiert, warum Özil in der öffentlichen Wahrnehmung so stark zwischen den Extremen pendelt - und was ihn so besonders macht.
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"Warum soll ich die Welt bezwingen, wenn ich sie verzaubern kann?" Die Worte, mit denen man auf der Homepage von Mesut Özil begrüßt wird, stehen sinnbildlich für den Spielstil eines ganz besonderen Fußballers. In Zeiten der absoluten Flexibilität der Systeme und der Perfektion der Athletik ist der kreative Linksfuß eine absolute Ausnahmeerscheinung.
Der Grund dafür: Özil verkörpert viele Eigenschaften einer längst ausgestorbenen Spezies auf dem Fußballplatz - und zwar die des klassischen Zehners. Kaum ein Spieler im Weltfußball spielt so gut getimte Pässe spielen wie der Weltmeister, folgerichtig bereitet auch niemand so viele Tore vor wie er. Vor dem Topspiel gegen den FC Liverpool (Mittwoch, 21:00 Uhr im Liveticker auf Eurosport.de) steht er bei starken 16 Assists - so viele Vorlagen hat in den großen Ligen Europas in dieser Saison bislang niemand geliefert.
Özil verzaubert alle
Kein Wunder also, dass man sich als Stürmer kaum angenehmere Mitspieler als den gebürtigen Gelsenkirchener wünschen kann. Umso größer ist der Ärger, wenn ein Kreativspieler wie Özil verkauft wird - so auch bei Real Madrid. Cristiano Ronaldo höchstpersönlich ließ einst seinem Unmut über den Transfer seines genialen Zuarbeiters freien Lauf - und zwar vollkommen verständlich angesichts der vielen Treffer, die der Portugiese Özil zu verdanken hatte.
Doch nicht nur die Stürmer lieben Özil. Regelmäßig wird er von den Fans zum Nationalspieler des Jahres gekürt, zudem stand bzw. steht er bei all seinen bisherigen Vereinen in der Gunst der Fans weit oben.
Seine "Sucht", Tore vorzubereiten ist in den sozialen Netzwerken mittlerweile ein Running Gag. Vielmehr dürfte es jedoch die Eleganz sein, die die Fans so begeistert. Wenn Özil sich über den Platz bewegt, hat man nie das Gefühl, dass er sich anstrengt. Langsam schleicht er zwischen den Linien der gegnerischen Formation herum und sucht Lücken. Dabei immer im Blick: Die Laufwege der Mitspieler.
Özil, der Grenzgänger
Was Özil so einzigartig macht, ist sein Gefühl für den Raum und die dazugehörigen Laufwege. Obwohl er in der Regel als nomineller Zehner aufgeboten wird, hält sich der 27-Jährige nur selten im zentralen offensiven Mittelfeld auf. Ständig ist er auf der Suche nach Freiräumen und bewegt sich durch die gegnerische Formation. Dabei profitiert er vor allem davon, dass die Außenpositionen im 4-2-3-1 oder 4-3-3 häufig von Spielern besetzt werden, die stark ins Zentrum ziehen und mit ihren Läufen hinter die Abwehr Lücken im Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners reißen.
Während der Ball durch die eigene Mannschaft zirkuliert beobachtet Özil die Verschiebebewegungen des Gegners genau und legt sich einen Plan zurecht. Sobald sich die Gelegenheit bietet, macht er sich zwischen zwei oder drei Gegenspielern anspielbar. Zwei oder maximal drei saubere Ballkontakte später hat sich der Rhythmus des Spiels plötzlich verändert.
Denn mit seinen Pässen in die Tiefe bringt er seine Mitspieler in Tempo und den Gegner ins Laufen. Im letzten Spielfelddrittel sind diese Pässe meistens sogar direkte Vorlagen. Das Besondere dabei ist, dass Özil dem Ball genau so viel Druck gibt, dass der Stürmer direkt und in der Regel auch mit seinem stärkeren Fuß abschließen kann - Details, die auf höchstem Niveau den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde ausmachen können.
Schattenseiten der Eleganz
Läuft es jedoch mal nicht bei Arsenal oder in der Nationalmannschaft, ist der Buhmann schnell gefunden. Bewegt sich die Mannschaft in Ballbesitz nicht gut, gibt es heutzutage selbst gegen kleine Teams kaum Räume. Torchancen werden zu Mangelware und Özil ist regelmäßig unter denjenigen, die am stärksten kritisiert werden. "Der kämpft nicht, der rennt nicht, der will nicht", heißt es in unzähligen Diskussionen im Stadion oder auf dem Sofa vor dem Fernseher.
In der Tat. Ein laufstarker Zweikämpfer wird aus Özil in diesem Leben nicht mehr werden. Er steht für das Schöne im Spiel. Nun ist es (vor allem in Deutschland) jedoch eine weit verbreitete Unart, kreative Spieler und/oder Aktionen besonders heftig zu kritisieren, wenn positive Ergebnisse ausbleiben – Stichwort: "brotlose Kunst".
Mario Gomez erkennt das Problem und analysierte in der "FAZ":
Gomez´ Ansicht ist natürlich auch ein Stück weit Geschmackssache, dennoch ist klar: Özil gehört zu den außergewöhnlichsten Spielern des deutschen Fußballs. Ein Spieler, der den Unterschied machen kann. Und die Welt verzaubert.
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