Darmstadts Aytac Sulu ist der ungewöhnlichste Kapitän der Bundesliga

Im Sommer 2013 stieg Aytac Sulu mit Darmstadt 98 sportlich aus der 3. Liga ab. Es fehlte nicht viel, und er wäre Freizeitkicker und Automobilkaufmann geworden. Dass Sulu nun, mit fast 30, vor seinem Debüt in der Bundesliga steht, ist das Ende eines wundersamen Fußball-Märchens. Und der Lohn für sein Kämpferherz. Dabei fiebert der Verteidiger eigentlich mit einem Klub, der plötzlich Rivale ist.

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Nicht immer ist Zeit eine Illusion. Manchmal reicht es, die Wendungen gegenüberzustellen, um die Endungen zu begreifen. Wie bei Aytac Sulu.
Vor zwei Jahren hätte er geglaubt, "dass ich eher in die Oberliga wechsle und schaue, nebenbei noch einen Beruf auszuüben."
In zwei Wochen spielt er erstmals Bundesliga.
"Wir müssen unsere Tugenden einbringen, Kampf, Leidenschaft, Fleiß", fordert der Innenverteidiger von Aufsteiger SV Darmstadt 98 im "kicker". Sulu ist Anführer der Abenteuertournee, und ganz sicher ist er der etwas andere Kapitän: ein Blut-, Schweiß- und Tränen-Profi, einer für die Fußball-Romantik.
Gesichtsbrüche, Gedächtnisturban - und die Sache mit dem Zahn
Im Vorjahr wurden dem Deutsch-Türken bei einem Zusammenprall mehrere Knochen im Gesicht zertrümmert, fünf Wochen darauf spielte er wieder - mit Maske. Wenig später hielt er nach einer Platzwunde mit Dieter-Hoeneß-Gedächtnisturban und blutigem Trikot durch. Schließlich, kurz vor Weihnachten, lockerte sich durch einen Ellenbogenschlag ein Zahn. Sulu zog ihn sich selbst. Bald stürzte er sich in den nächsten Luftkampf.
So viel ritterliche Hingabe begründet Legenden. Die Fans nennen ihn "Gladiator", das Kämpferherz markiert sein Revier. "Entweder man hat es oder man hat es nicht", konstatiert Sulu. "Ich gehe gerne über die Schmerzgrenze hinaus. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil ich einen kleinen Dachschaden habe..."
In der Türkei spielte Sulu genau zwei Minuten
Dass ihn der Weg nun, mit fast 30, in die Bundesliga führt, lässt ein Fußball-Märchen an seiner Pointe schnuppern. Noch vor zwei Jahren, als sich Sulu an der Schwelle zur Oberliga wähnte, stieg Darmstadt aus der 3. Liga ab. Glückliche Fügung bewirkte, dass alles anders kam. "Ich war schon 27 Jahre alt, hatte keinen Vertrag für die 4. Liga. Da überlegt man, was man nach dem Fußball macht", sagt er heute.
Sulu hatte vorgearbeitet: 2005, mit 19, absolvierte er eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. "Weil mir wichtig war, etwas in der Hand zu haben." Fußballerisch klapperte er die Unterklassen ab, Sandhausen und Bahlingen, 2007 dann Hoffenheims zweite Mannschaft. 2009 ging es zum VfR Aalen, 2011 folgte ein überfälliger Schritt ins Heimatland seiner Eltern, "es war klar, dass ich irgendwann in der Türkei spiele". Wobei das mit dem "spielen" bei Genclerbirligi nicht wörtlich verstanden werden sollte; in der kompletten Saison kam der Abwehrmann auf zwei Einsatzminuten.
Zwei.
"Ich bereue es auf keinen Fall", erwidert Sulu auf eine Frage, die sich aufdrängt. Zu spüren, wie es Spielern ergeht, die keine Chance erhalten, sei eine Erfahrung in sportlicher wie menschlicher Hinsicht gewesen. Er wechselte nach Altach in die zweite österreichische Liga, fühlte sich "aber nicht so wohl, wie ich es mir erhofft hatte". Im Winter 2012/13 rief Dirk Schuster an, erneut, der Trainer wollte Sulu bereits zu den Stuttgarter Kickers holen. Diesmal passte es - obwohl Darmstadt seinerzeit Letzter war. In der 3. Liga.
Darmstadt-Kapitän und Gladbach-Fan
Weil Offenbach die Lizenz entzogen wurde, hielten die "Lillien" doch die Klasse. Anstatt sich als Hobbykicker und Automobilkaufmann zu verdingen, "begann der rasante Aufstieg", wie Sulu es formuliert: Erst die irre Relegation 2014 gegen Bielefeld, im Sommer 2015 die Darmstädter Vollendung der Schöpfung, der direkte Durchmarsch.
Sulu ist jetzt Kapitän eines Bundesligisten, gesteht aber frank und frei, Fan von Borussia Mönchengladbach zu sein. Wo gibt es das schon? Er durfte übrigens Spielführer bleiben, trotz dieses Outings, "das wurde diktatorisch festgelegt", grinst Coach Schuster.
Zuvor verlängerte Aytac Sulu seinen Vertrag bis 2018. Der Kontrakt gilt für die Profiligen eins bis drei.
Man weiß ja nie.
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