Neue Zeitrechnung beim HSV: Der Abstieg - und die Folgen
Von Daniel Rathjen
Publiziert 13/05/2018 um 10:09 GMT+2 Uhr
Der Hamburger SV muss den Abstieg verdauen und gleichzeitig schon die Zukunft planen. In der nächsten Saison ist der HSV ein Zweitligist. Es ist ein massiver Einschnitt mit schwerwiegenden Folgen, der höchste Konzentration erfordert, damit der Wiederaufstieg so schnell wie angedacht gelingt. Ein erster Überblick.
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Die ewige Bundesliga-Uhr ist beim Hamburger SV seit Samstag Geschichte. Das bisherige Alleinstellungsmerkmal "Dino" mit dem direkten Abstieg als Tabellen-17. der Saison 2017/18 weg. Allerdings: Die Uhr in der Nordwest-Ecke des Volksparkstadions wird weiter ticken, so viel steht seit Sonntag fest. Wo am Samstag noch "In der Bundesliga seit..." stand, steht nun "Traditon seit..."
Als nächstes soll Klarheit darüber herrschen, wie die Zukunft als Zweitligist konkret aussehen soll.
"Jetzt ist gerade der falsche Zeitpunkt um einzuschätzen, wie es weitergeht", hatte HSV-Vorstand am Samstag nur sagen können. Doch schon ab Sonntag beziehungsweise zu Beginn der neuen Woche muss der Schock wohl oder übel abgeschüttelt werden, um das Projekt "Wiederaufstieg" schnellstmöglich aufs Gleis zu setzen.
HSV spürt finanzielle Einschnitte
Schmerzhafte finanzielle Einschnitte sind natürlich unvermeidlich. Unter anderem dürfte es deutliche Einbußen bei der Vermarktung von VIP-Tickets geben. Nach Informationen des "Hamburger Abendblatts" sollen rund 40 Prozent der VIP-Fans zum 31. März gekündigt haben. Eine derart hohe Kündigungsquote habe es in der HSV-Geschichte noch nicht gegeben. Der schlechteste Wert soll bislang bei 25 Prozent gelegen haben.
Inwiefern Investor Klaus-Michael Kühne den Verein weiter unterstützen wird, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Es gilt allerdings als wahrscheinlich, dass Kühne Sicherheiten zur Verfügung stellt. Zu dem Milliardär pflegt Präsident Bernd Hoffmann nach eigener Aussage "einen ständigen und ausgesprochen guten Austausch".
Immerhin: Die Lizenz wurde schon mal ohne Auflagen erteilt, was für diese These spricht. Der Berechnung soll laut diverser Medienberichte der direkte Wiederaufstieg zu Grunde liegen.
Zudem wurde der Vertrag mit Vermarkter Lagardère Sports für 20 Millionen Euro bis 2025 verlängert. Um finanziellen Spielraum zu haben, hat der Klub zudem einen Bank-Kredit über zwölf Millionen Euro aufgenommen.
Wichtigste Personalie: Titz
Die vorerst wichtigste Personalie ist Trainer Christian Titz. In den vergangenen Wochen hat er mit 13 Punkten aus acht Spielen bewiesen, dass er die richtige Wahl auf der Trainerbank war und beide Parteien sind sich einig, auch in Liga zwei zusammen arbeiten zu wollen. Noch ist der neue Vertrag nicht unterschrieben, das ist aber nur Formsache.
Titz geht auf die Spieler ein, trifft den richtigen Ton, begeistert mit seiner offensiv-frechen Spielphilosophie und hat deshalb vor allem in der Mannschaft eine breite Basis hinter sich. Die Lobeshymnen, die aus dem Kader kommen, haben auch die Bosse beeindruckt und sie die Suche nach einem externen Kandidaten beenden lassen.
Schwierige Suche nach Sportvorstand
Nicht beendet ist die Suche nach einem neuen Sportvorstand, den Hoffmann gerne schnellstmöglich installieren würde. Nach guten ersten Gesprächen mit Jonas Boldt (Bayer 04 Leverkusen) und Rouven Schröder (FSV Mainz 05) handelte er sich zuletzt jedoch zwei Körbe ein. Es ist spannend, wen er noch aus dem Hut zaubern kann:
Parallel werden bis Ende Mai Gespräche mit allen Spielern geführt. Es ist kein Geheimnis, dass der HSV auch auf Erlöse durch Transfereinnahmen hofft, um den finanziellen Absturz abzufedern. Grundsätzlich haben alle Akteure Verträge, die mit Gehaltssenkungen von circa 30 Prozent auch in Liga zwei gültig sind, einige Arbeitspapiere laufen dabei aus. Zum Beispiel die von Dennis Diekmeier, Aaron Hunt, Sven Schipplock, Nicolai Müller, Kapitän Gotuku Sakai, Sejad Salihovic und Lewis Holtby.
Während es als sicher gilt, dass Diekmeier, Hunt und Schipplock den HSV verlassen, stehen hinter Müller, Salihovic und Holtby Fragezeichen. Müller ist nach seinem Kreuzbandriss gerade erst wieder genesen, seine Verpflichtung birgt für potenzielle Interessenten ein Risiko. Der HSV würde ihm wohl ein Angebot unterbreiten. Salihovic könnte mit seinen 33 Jahren ein wichtiger Routinier sein, Holtby ist Titz-Freund. Ob er sich aber wirklich die zweite Liga geben will? Sakai hat bereits betont, dass er verlängern möchte.
Verkäufe sollen Geld bringen
Spieler, die verkauft werden sollen, sind Christian Mathenia, Mergim Mavraj, Douglas Santos, Walace, Albin Ekdal, Filip Kostic, André Hahn, Alen Halilovic (derzeit an UD Las Palmas ausgeliehen) und Pierre-Michel Lasogga (ausgeliehen an Leeds United). Lasogga würde in der zweiten Liga als einziger HSV-Akteur keine Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, wäre aber mit rund 3,5 Millionen Gehalt pro Jahr quasi unbezahlbar.
Spektakulär wäre es, wenn es Titz gelingen würde, Top-Stürmer-Talent Jann-Fiete Arp zu halten. Der 18-Jährige soll sich mit dem FC Bayern einig sein, der deutsche Rekordmeister könnte ihn direkt wieder an den HSV verleihen, wo er dann weiter reifen könnte. Seine Identifikation mit dem Verein ist immens hoch.
Spieler, bei denen die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher beziehungsweise sicher ist, dass sie bleiben, sind Torwart Julian Pollersbeck (23), Rick van Drongelen (19), Papadopoulos (26), Stephan Ambrosius (19), Gideon Jung (22), Vasilije Janjicic (19), Tatsuya Ito (20), Bakery Jatta (19), Bobby Wood (25) und Luca Waldschmidt (21). Als Neuzugänge stehen bislang Verteidiger David Bates (21, Glasgow Rangers) und Angreifer Manuel Wintzheimer (19, FC Bayern) fest.
Allesamt mögen den Titz-Fußball, sind jung und haben die beste Zeit ihrer Karriere noch vor sich. Mit ihnen kann eine neue Ära geprägt werden. Dennoch ist der Kader natürlich noch nicht komplett. Es ist davon auszugehen, dass Titz schwerpunktmäßig mit Talenten arbeiten wird. Vor allem würde ihm aber auch noch ein erfahrener "Knipser" guttun.
"Eine Uhr bleibt stehen - aber es beginnt auch eine neue Zeit", sagte HSV-Stadionsprecher Lotto King Karl am Samstag. Er bleibt dem Volkspark übrigens ebenfalls erhalten.
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