Taktik-Check: Darum ist Christian Titz der Richtige für den HSV - auch in der zweiten Liga!

Wieder einmal braucht der Hamburger SV am letzten Spieltag der Bundesligasaison ein kleines Fußballwunder, um die Chancen auf den Klassenerhalt zu sichern. Im Spiel gegen Mönchengladbach (Samstag, 15:30 Uhr im Liveticker auf Eurosport) muss ein Sieg her, zudem müsste der 1. FC Köln beim VfL Wolfsburg gewinnen. Gelingt dem HSV unter Christian Titz der Einzug in die Relegation gegen Holstein Kiel?

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"Christian Titz hat den Dino wiederbelebt", sagte Gladbachs Trainer Dieter Hecking in der Pressekonferenz vor dem Saisonfinale. Fast zeitgleich fand in Hamburg ein öffentliches Training mit 2000 Zuschauern statt. Die Stimmung: entschlossen, fast schon euphorisch.
Da vergisst man fast, dass der HSV mit mehr als einem Bein in der zweiten Liga steht. Woher kommt also dieser Optimismus? Die Antwort: Nachdem die Hamburger in den letzten Jahren regelmäßig um den Klassenerhalt gekämpft haben, spielen sie dieses Jahr darum.

Mit Titz "endlich Fußball"

Unter Titz spielt der HSV wieder Fußball. "Wenn ich den Ball habe, kann ich das Spiel kontrollieren, sonst hat der Gegner die Entscheidungsgewalt. Wir wollen die Aktionen bestimmen", erklärte der Fußballlehrer zuletzt. Titz, der zu Beginn der Saison HSV-intern den Sprung von der U17 zur U21 schaffte und dort großen Erfolg hatte, lässt seine Mannschaft sehr offensiv und mutig spielen.
Durch ein sicheres Pass- und ein variables Positionsspiel soll das Spiel bestimmt werden. Das fängt schon ganz hinten an: Torwart Julian Pollersbeck ist aktiv ins Aufbauspiel mit eingebunden und agiert zwischen den sehr breit stehenden Innenverteidigern - teilweise sogar an der Mittelinie. Dadurch haben die Hamburger effektiv einen Spieler mehr in Ballbesitz, für den Gegner ist das Anlaufen ein schwieriges Unterfangen.
Die Folge: Die meisten Mannschaften ziehen sich weit zurück, der HSV kann bis in die gegnerische Hälfte vorrücken und nach Lücken suchen. Hierfür sind natürlich andere Spielertypen gefragt als die, die es in den letzten Jahren beim Bundesligadino richten sollten: Statt Schnelligkeit und Kampfkraft spielen Eigenschaften wie Ballsicherheit, Übersicht, Timing beim Freilaufen und Mut zum Risiko eine größere Rolle. Angefangen bei Sechser Matti Steinmann, den Titz aus der U21 hochzog, soll der Ball im zweiten Drittel sicher zwischen den Akteuren zirkulieren, um im Idealfall irgendwann einen der Flügelspieler ins Dribbling schicken zu können.
Shootingstar Tatsuya Ito profitiert besonders von dieser Spielweise. Der kleine Japaner ist nicht nur der kleinste Spieler der Liga, sondern auch der mit dem tiefsten Körperschwerpunkt. Kann er alleine auf einen Gegenspieler zugehen und Tempo aufnehmen, ist er mit seinen schnellen Bewegungen und seiner engen Ballführung kaum fair zu stoppen.
"Wir spielen seit vier Jahren endlich das erste Mal Fußball", sagte Lewis Holtby zuletzt - so wirklich widersprechen kann man ihm da nicht.

Ein System mit Zukunft

Aller Voraussicht nach ist dieser Philosophiewechsel aber zu spät gekommen für den HSV. Gegen die starken Gladbacher muss erst einmal gewonnen werden, schließlich geht es für Heckings Team noch um den Einzug in die Europa League. Außerdem dürfte im Parallelspiel der 1.FC Köln trotz guter Vorsätze nicht mit der gleichen Konsequenz wie die ums sportliche Überleben kämpfenden Wolfsburger in die Partie gehen.
Der HSV wird Titz aber auch im Falle des ersten Abstiegs der Vereinsgeschichte mit in die zweite Liga nehmen. Er vermittelt eine echte Spielidee, die zumindest nicht weniger erfolgreich ist als der Hau-Ruck-Fußball seiner Vorgänger. Vorstand Frank Wettstein stellte deshalb klar:
Ein weiteres Plus für den HSV: Der Fußball, den Titz den Profis einimpft, ist im HSV-Nachwuchs schon längst der Standard. Der Übergang von jungen Spielern in den Profibereich wird massiv erleichtert werden - auch in finanzieller Hinsicht ein nicht zu unterschätzender Faktor.
In der zweiten Liga wären die Hamburger in jedem Spiel Favorit und müssten das Spiel machen. Da ist es sinnvoll, die aktuelle Spielidee - dieses Mal dann mit einer kompletten Sommervorbereitung - beizubehalten, zu verfeinern und mit sinnvollen Neuzugängen zu unterfüttern.

Eurosport-Check:

Wahrscheinlich ist Christian Titz der Trainer, der als erstes mit dem HSV absteigen wird. Dennoch ist er für diesen Verein genau der richtige Mann an der Seitenlinie. Die Hamburger haben sich in den letzten Jahren von Retter zu Retter gehangelt, dabei nie wirklich Fußball gespielt, sondern ausschließlich gearbeitet. Mit dieser Art und Weise ging es in der neuen Saison jedoch immer wieder schief, die neue Philosophie hat definitiv eine Chance verdient. Im Falle des Abstiegs wäre sie ohnehin unvermeidbar, da der HSV in der zweiten Liga auf einmal ständig Favorit wäre.
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