Taktik-Check: Jann-Fiete Arp, der moderne Mittelstürmer

In einer schwachen Hinrunde des Hamburger SV ist er der Lichtblick schlechthin: Jann-Fiete Arp hat sich binnen Rekordzeit zum Stammspieler und Hoffnungsträger der HSV-Offensive entwickelt. Vor dem Hinrundenabschluss bei Borussia Mönchengladbach (Freitag, 20:30 Uhr live im Eurosport Player) analysiert eurosport.de die Qualitäten des 17-Jährigen.

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Dass es im deutschen Fußball Talente en masse gibt, ist unbestritten – die U-Nationalmannschaften spielen gleichermaßen erfolgreich wie attraktiv, immer wieder rücken vielversprechende Spieler in die A-Nationalmannschaft auf. Im Sturmzentrum vermisste man lange Zeit jedoch die absoluten Toptalente, der klassische Mittelstürmer schien ausgestorben.

Tore, Tore, Tore

Jann-Fiete Arp beweist aktuell jedoch das Gegenteil. Der Blondschopf verkörpert alle Fähigkeiten eines "echten Neuners" - die Zahlen der letzten anderthalb Jahre sprechen für sich: In der vergangenen Saison wurde der U17-Kapitän nach 26 Toren in 21 Spielen in die U19 beordert. Dort traf er noch schnell zwei Mal in vier Partien, bevor er sich auf den Weg zur U17-Europameisterschaft begab. Mit sieben Toren und zwei Assists führte er den DFB-Nachwuchs (ebenfalls als Kapitän) bis ins Halbfinale.
Nach der kurzen Sommerpause sollte Arp zusätzlich zum Training mit den Profis Spielpraxis in der U19 des HSV sammeln. Nachdem er in den ersten drei Spielen gleich sieben der 14 Hamburger Tore erzielt hatte, ging es für ihn nach seinem einminütigen Profi-Debüt gegen Werder wieder für die U17-Nationalmannschaft auf Reisen: Bei der Weltmeisterschaft in Indien war jedoch trotz seiner fünf Tore und zwei Vorlagen schon im Viertelfinale Schluss. Nur sechs Tage später durfte er wieder bei den Profis ran und erzielte mit seinem ersten Torschuss gleich seinen ersten Bundesligatreffer gegen die Hertha. Seitdem spielt Arp von Beginn an und ist aus der Hamburger Offensive gar nicht mehr wegzudenken.

Timing, Tempo, Technik

Wer so viele Tore schießt, muss im Strafraum schon einiges richtig machen. Dieser "Torinstinkt", wie es viele nennen, ist letztlich ein sehr bewusstes und flexibles Handeln unter höchstem Gegnerdruck. Wer sich die Aktionen des 17-Jährigen anschaut, stellt schnell fest: Er geht dahin, wo es wehtut. Das bedeutet konkret, dass sich Arp beispielsweise bei Flügelangriffen nicht am langen Pfosten wegschleicht, sondern mit Tempo auf den ersten Pfosten sprintet, um dort mit Körpereinsatz vor den Verteidiger zu kommen – so zwang er Hoffenheims Akpoguma zuletzt zum Eigentor.
Seine starken technischen Fähigkeiten zeigte Arp gegen Stuttgart, als er vor seinem Tor gleich zwei Gegenspieler narrte – und zwar, weil er die Aktion mit höchstem Tempo startete. Doch Arp definiert sich nicht nur über die unmittelbare Torgefahr. Spieler mit einer solchen Torquote werden fälschlicherweise oft als reine Strafraumstürmer abgetan, das HSV-Talent hat jedoch mehr zu bieten.

Die richtige Balance beim Mitspielen

Arp zeigt sich immer wieder zwischen den Linien und ist dort zu einer sicheren Anspielstation geworden. Er fordert die Bälle mit Gegner im Rücken flach in den Fuß und verteilt sie im Anschluss klug weiter. Dies ist bei der Spielanlage des HSV enorm wichtig, da Zehner Hunt sich oft weit nach hinten fallen lässt, um den Spielaufbau anzukurbeln. Arp füllt in diesen Situationen das Loch im Zehnerraum, die Abstände werden also nicht zu groß, der lange Ball ist zur Zeit nicht mehr so oft nötig wie in der Vergangenheit.
Gerade von jungen Stürmern wird diese Form des Mitspielens heutzutage gerne mal übertrieben. Sie weichen zu oft und weit aus, wollen unbedingt Ballkontakte sammeln, fehlen dann aber im entscheidenden Moment im Strafraum. Arp scheint hier einen guten Mittelweg gefunden zu haben: Sein Zurückfallen und Mitspielen ist sehr rational gewählt, er erkennt schlichtweg die Situationen zum Aushelfen und nutzt diese. Ansonsten hält er sich immer in Bereitschaft, hinter die Innenverteidiger zu kommen oder aber sich für Hereingaben von außen in Position zu bringen.

+++ LIVE: M'gladbach gegen HSV - Freitag, 19:30 Uhr im Eurosport Player +++

Gegen die Gladbacher Innenverteidigung um 1,99-Meter-Hüne Jannik Vestergaard wird Arps Bewegungsspiel wieder sehr wichtig für die Hamburger Offensive sein, da das Team von Dieter Hecking gerne mal zu viel Raum zwischen den Innenverteidigern und den Sechsern lässt. Kann Arp sich hier anspielbar machen und die Flügelflitzer ins Spiel bringen, ist deutlich mehr Torgefahr zu erwarten als mit langen Bällen gegen Vestergaard und Ginter.
Eurosport-Check: Die Hamburger Verantwortlichen treten verständlicherweise bei jeder Gelegenheit auf die Euphoriebremse, wenn es um ihr Sturmjuwel geht. Arp, der nebenbei gerade auch noch mitten im Abitur steckt, wird körperlich und mental auch mal Schwankungen nach unten haben – zusammen mit den beiden U17-Turnieren war das Jahr 2017 für den 17-Jährigen extrem fordernd. Dennoch ist unschwer zu erkennen, dass Arp alles dafür mitbringt, um ein richtig guter Stürmer zu werden. Das nötige Spielverständnis, die körperlichen Voraussetzungen und das technische Geschick bringt Arp definitiv mit. Bleiben er und sein Umfeld ruhig und gehen den Weg weiter, wird man nicht nur in Hamburg noch viel Freude an dem Jungen haben – sondern auch in ganz Fußballdeutschland.
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