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FC Bayern: Alle gegen Jérôme Boateng

Scharfe Kritik: Alle gegen Boateng

25/11/2018 um 16:52Aktualisiert 25/11/2018 um 20:45

Nach dem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf bekommt Jérôme Boateng von Präsident Uli Hoeneß und Trainer Niko Kovac sein Fett weg, sogar Friedhelm Funkel kritisiert und auch TV-Experten schießen sich auf den 30 Jahre alten Innenverteidiger ein. Gegen den Dreierpacker Dodi Lukebakio bot aber auch Niklas Süle eine unzureichende Leistung an - darüber können gute statistische Werte nicht hinweg täuschen.

Eigentlich begann das Spiel für Jérôme Boateng ganz gut. Keinen Zweikampf verlor der Innenverteidiger des FC Bayern München bis zu jener 44. Minute, trat dafür selbst offensiv in Erscheinung: mit drei langen Bällen versetzte er die Abwehr von Fortuna Düsseldorf in Aufruhr.

Einer davon führte zum 2:0 von Thomas Müller (20.) - Boatengs erste Torvorlage seit Januar war aber nur ein vermeintlicher Schritt aus der Krise.

Jérôme Boateng und die unheilvolle Wende

Denn in der 44. Minute nahm Boatengs Spiel eine unheilvolle Wende. Weil ihn Jean Zimmer erst entwischte, dann bei einem Fallrückzieherversuch am Arm anschoss und schließlich im Liegen die Passivität Boatengs vollends ausnutzte und den Ball irgendwie auf den von Niklas Süle vergessenen Dodi Lukebakio bekam, stand es plötzlich 1:2 - und Boateng erneut im Mittelpunkt der Kritik.

"Es passieren dilettantische Fehler, wenn ich da an das erste Tor denke: Sowas habe ich nur in Slapstick-Filmen gesehen. So geht das natürlich nicht", sagte Präsident Uli Hoeneß nach der Partie sauer und zählte Boateng an, ohne seinen Namen zu nennen:

"Man hat immer auf der Tribüne das Gefühl, dass man bei jedem Angriff gefährdet ist, ein Gegentor zu kriegen. Das muss überdacht werden, woran das liegt. Es liegt bestimmt auch an dem ein oder anderen Spieler, der mal über sich nachdenken muss, das hat man heute wieder gesehen."
Bayern-Stars Neuer (li.) und Boateng (re.)

Bayern-Stars Neuer (li.) und Boateng (re.)Imago

Uli Hoeneß will schlechte Kritiken für Bayern-Spieler sehen

Beim 2:3 durch Lukebakio (77.) stand erneut Boateng im Mittelpunkt, weil er mit einer gegenläufigen Bewegung auf Abseits hoffte statt mit dem Stürmer mitzulaufen. Beim 3:3 in der Nachspielzeit (90.+2) war es erneut ein langer Ball, den Boateng, Süle und Manuel Neuer nicht gegen Lukebakio verteidigt bekamen.

"Das was heute passiert ist, ist absolut nicht akzeptabel", sagte Hoeneß und gab den Journalisten einen Auftrag mit, der klar auf Boateng und Süle abzielte:

"Man muss sich schon die Frage stellen, warum jeder Angriff gegen uns momentan ein Tor bedeutet. Das hat aber auch mit den Spielern zu tun. Bitte tun Sie sich mal das an, das, was heute passiert ist, und die Tore alle zu analysieren. Dann müssen Sie auch schon mal kritisch mit dem ein oder anderen Spieler umgehen, denn das war hanebüchen, was da passiert ist."

Auch Niko Kovac kritisiert öffentlich

Ähnlich sah es auch Trainer Niko Kovac, der klar auf Abstand zu seinen Abwehrspielern ging:

"So kann man in der Bundesliga nicht verteidigen. Zweimal musst du näher zum Tor stehen und bei einem Tor darfst du nicht auf Abseits spielen, dann passiert gar nichts. Du musst gar nicht den Schritt zur Mittellinie machen, sondern einfach mitlaufen. Das sind wie immer individuelle Fehler. Die kann kein Trainer der Welt verhindern."

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Kovac weiter:

"Es gibt große Fehler und es gibt kleine Fehler - und wir machen im Moment sehr viele große Fehler. Wir werden wie immer alles aufarbeiten, den Spielern ins Gewissen reden und zeigen, wo die Fehler waren."

Man habe allerdings bereits "vor dem Spiel besprochen, dass der Gegner auf Konter spielen wird, sie haben einen sehr schnellen Stürmer vorne. Da dürfen wir nicht auf Abseits spielen. Da müssen wir mitgehen und die Pässe verhindern." Für den Bayern-Trainer ein klares "Konzentrationsproblem" - und damit jenseits seiner Verantwortung.

Niko Kovac (Trainer FC Bayern)

Niko Kovac (Trainer FC Bayern)Imago

Sogar Friedhelm Funkel kritisiert Boateng scharf

Am Sonntagmorgen drosch sogar Gäste-Coach Friedhelm Funkel bei "Sky" verbal auf Boateng ein:

"Da kann kein Trainer der Welt etwas für, wenn Boateng auf Abseits spielt, nur weil er zu bequem ist, hinterherzurennen. Da geht er zwei Schritte nach vorne und will dem Laufduell mit Lukebakio aus dem Weg gehen. Einen solchen Weltklasse-Spieler darf so etwas nicht passieren."

Man wisse momentan als gegnerischer Trainer, "dass man gegen Bayern im Konter Tore erzielen kann, dass die Mannschaft nicht stabil steht". Bei Süle, Boateng und Mats Hummels fehle "das Selbstvertrauen, die Grundschnelligkeit. Uns haben sie es beim zweiten und dritten Tor einfach gemacht."

"Sky"-Experte Jan-Age Fjörtoft begrüßte Funkels Worte:

"Boateng und Hummels waren in den letzten anderthalb Jahren nicht gut. Keiner in Deutschland hat sich aber getraut, etwas zu sagen. Endlich sagt es jetzt ein Bundesliga-Trainer."

Effenberg und Magath relativieren

Aus der Riege der TV-Experten ergriff mehr oder weniger einzig Stefan Effenberg im "Sport1"-Doppelpass Partei für den gescholtenen Weltmeister.

"Boateng sieht unglücklich aus, aber ich würde ihm hier keinen Vorwurf machen", sagte er zur Szene beim 1:2, sah eher Süle als den Schuldigen am Gegentor an: "Er hebt das Abseits auf und schaut zweimal in die falsche Richtung."

Das 3:3 sei derweil durch die perfekte Vorarbeit von Rouwen Hennings aus dem Mittelfeld heraus "nicht zu verteidigen" gewesen. Außerdem solle man eher das gesamte Abwehrverhalten der Bayern sehen als Einzelne: "Mit einem Pass reißt du die auseinander - das kann's nicht sein."

Auch Felix Magath versuchte es weniger polemisch zu sehen. "Es ist nicht in Ordnung, einen Spieler rauszupicken", sagte der Ex-Bayern-Trainer: "Jeder Spieler macht Fehler. Die Abwehrleistung der ganzen Mannschaft war nicht in Ordnung, die Bereitschaft zu verteidigen." Boateng sei jedoch bei der Szene zum 1:2 zu "passiv" gewesen.

Statistik trügt

Laut Statistik bestritten beide Bayern-Innenverteidiger gegen Düsseldorf zusammen nur sieben Zweikämpfe. Boateng verlor dabei nur einen von vier, Süle zwei von drei. Allerdings war Boateng nur in einem von drei Fällen erfolgreich, wenn er einen Gegenspieler am Boden tacklen wollte. Beide verzeichneten je vier klärende Aktionen und verloren zusammen seltener den Ball als Thomas Müller (17:19).

Mit 141 (Süle) bzw. 119 (Boateng) Ballaktionen hatten die Abwehrspieler die meisten bei Bayern. Süle brachte 95,4 Prozent seiner Zuspiele an den Mann, Boateng 91,7 - starke Werte. Boateng spielte zudem die meisten Pässe in des Gegners Hälfte (62), die meisten ins Angriffsdrittel (19) sowie nach Sanches (9) die zweitmeisten in den Strafraum (8).

Süle erzielte darüber hinaus die Bayern-Führung (17.). Boateng bereitete bekanntlich das zweite Tor vor, feuerte zudem einmal gefährlich aufs Tor (14.). Doch gegen Lukebakio sahen sie in drei Aktionen einfach schlecht aus.

Uli Hoeneß auf Ursachenforschung

Unterm Strich bleibt so vor allem die Hoeneß-Schelte haften. Und da Süle mit seinen 23 Jahren die Zukunft bei Bayern gehört, richtet sich der Blick vor allem auf Boateng.

Dem Meinungsbild der Bayern - Boateng als Sündenbock - haftete möglicherweise aber auch noch ein Beigeschmack vom Sommer an, als sie den 30-Jährigen bereits am liebsten an Paris Saint-Germain verkauft hätten. Doch PSG bot zu wenig.

Hoeneß kündigte am Samstagabend an, die nächsten Tage nutzen zu wollen, "um rauszufinden, was da los ist, dass wir sehr schlechten Fußball spielen, einen uninspirierten Fußball und vor allen Dingen einen Fußball ohne Selbstvertrauen, was uns im Moment sehr umtreibt".

Dabei wird ihn sein Weg sicher auch zu Boateng führen.

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