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Double hin oder her: Darum braucht Bayern einen neuen Trainer

Double hin oder her: Darum braucht Bayern einen neuen Trainer

18/05/2019 um 10:29Aktualisiert 19/05/2019 um 19:53

Im letzten Saisonspiel gegen Eintracht Frankfurt will der FC Bayern den siebten Meistertitel in Folge feiern. Gewinnt man anschließend das DFB-Pokalfinale, steht am Ende unter Niko Kovac das Double - unter dem Strich eine gute Bilanz. Eurosport.de erklärt im Taktik-Check, warum die Bayern in der kommenden Saison unabhängig von der diesjährigen Titelausbeute dennoch einen neuen Trainer brauchen.

Der FC Bayern hat im jeden Jahr das Ziel, das Triple zu gewinnen. Dass dafür Ausnahmeleistungen und auch eine gehörige Portion Glück (Auslosung, Tagesform, Schiedsrichterentscheidungen, Verletzungen) gehört, ist selbstverständlich. So gar nicht zum Selbstverständnis der Münchener passt die nun endende Saison - denn der Triplegewinn schien unmöglich.

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In der Champions League hat die Mannschaft von Niko Kovac gegen Liverpool ganz klar die Grenzen aufgezeigt bekommen. Nach einer kämpferisch guten Leistung im Hinspiel ist im Rückspiel dann deutlich geworden, dass nur eine der beiden Mannschaften für einen klaren Spielstil steht. Die Bayern waren es nicht.

Wer hat Angst vor den Bayern?

Schlimmer als das folgerichtige Ausscheiden in der Königsklasse war jedoch der Ligaalltag. Plötzlich hatte mal als Zuschauer – egal ob Bayernfan oder nicht – das Gefühl, dass der Gegner gewinnen könne. Und zwar in nahezu jedem Spiel. Auch bei Führungen lag die Frage "Ob sie das über die Zeit bringen?" näher als "Wie hoch gewinnen sie wohl?". In der Vergangenheit sah das anders aus, Bayern dominierte die Liga nach Belieben und leistete sich kaum Ausrutscher.

Ein beim erfolgreichen FC Bayern der letzten Jahre oft unterschätzter Aspekt ist die Arbeit gegen den Ball. Unter Pep Guardiola und auch unter Jupp Heynckes sah man hochintensives Pressing. Der Gegner wurde – unabhängig vom Spielsystem – unter Druck gesetzt, Bayerns Viererkette stand dabei immer sehr hoch, um das die Abstände klein zu halten.

Auch nach Ballverlust stand sofort harte Defensivarbeit an: Im Gegenpressing erstickten die Münchener förmlich die Konterversuche des Gegners und konnten durch eigene Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte die kurzzeitige Unordnung des Gegners nutzen.

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Unter Kovac ist bis heute nicht ganz klar, wofür der FC Bayern bei der Arbeit gegen den Ball steht. Die Gegner durften auffällig oft sehr lange und auch in der Münchener Hälfte den Ball haben. Dies kann punktuell eingesetzt durchaus ein Mittel sein – Jupp Heynckes streute diese Phasen immer wieder ein, um Kräfte zu sparen und auch selbst mal zu kontern.

In der laufenden Saison ist diese passivere Art und Weise der Defensivarbeit aber offenbar kein gezieltes Mittel, sie wirkt oftmals eher wie eine gewisse Planlosigkeit: Die Abstände in der Horizontalen und Vertikalen stimmen zu oft nicht, dadurch verpuffen die Pressingversuche der Offensivspieler teilweise sogar gegen die spielerisch limitierten Gegner. Darüber hinaus scheint nicht klar zu sein, wie man anlaufen möchte. Mal schiebt ein Achter vor, sodass man im 4-4-2 verteidigt, mal kommt einer der Außenstürmer weiter nach innen.

FC Bayern: Ein Sorgenkind namens Spielaufbau

Im Spiel mit dem Ball sind auch jetzt noch große Probleme bei der Raumaufteilung zu erkennen. Besonders im Zentrum steht die Mannschaft nahezu nie so gestaffelt, dass ein schnelles, zielstrebiges Spiel nach vorne möglich ist. Hauptproblem sind dabei die Sechser, die immer wieder viel zu weit nach hinten gehen, um sich dort Bälle abzuholen.

Ein spielstarker Innenverteidiger wie Mats Hummels wird in diesen Situationen also förmlich "verschwendet", da er den Ball unbedrängt einige Meter weiter auf den entgegenkommenden Spieler passt – ohne dass dabei auch nur ein Gegner ausgespielt worden ist.

Die Folge: Das Spiel wird langsam und Bayern hat zu wenig Präsenz in den wichtigen Räumen. Das unter Guardiola nahezu perfektionierte Positionsspiel ist Geschichte. In den Vorjahren positionierten sich die Bayernspieler stets so geschickt, dass es ständig Zuordnungsprobleme beim Gegner gab.

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So rückten beispielsweise die Außenverteidiger ein, um den direkten Passweg vom Innenverteidiger zum Flügelstürmer zu öffnen. Auch die Gegenbewegungen von einem entgegenkommenden Spieler und einem in die Tiefe startenden Akteur sind nur noch selten zu sehen.

In der Regel bekommen die Bayern die strukturellen Probleme in Ballbesitz durch individuelle Klasse und einzelne Momente tollen Zusammenspiels einzelner Spieler kompensiert – die Dominanz aus den den Vorjahren ist allerdings nicht mehr zu sehen.

Eurosport-Check: Möglicher Doublesieg, Kantersiege gegen Wolfsburg (6:0), Dortmund (5:0) und Gladbach (5:1) – alles gut und weiter so? Nein! Einzelne Momente in dieser Saison täuschen über grundlegende Probleme beim FC Bayern hin. Sowohl gegen den Ball als auch mit dem Ball hat man ganz klar an Struktur, vielleicht sogar an Identität verloren. Die einstige Dominanz ist weg, kein Spieler ist wirklich besser geworden.

Für die taktischen (und auch mentalen) Schwächen kann es letztlich nur zwei Erklärungen geben: Entweder gibt der Trainer nicht genug Hilfestellung in Form von Training, Analysen und Gesprächen - oder die Spieler nehmen all dies nicht an. Egal wie die Antwort lautet: Der Trainer sieht dabei schlecht aus. Der FC Bayern in der Saison 2018/19 ist ein Paradebeispiel dafür, dass auch Topspieler permanente Anleitung brauchen, um das Maximum rauszuholen. Das gelingt unter Niko Kovac nicht, Bayerns Bosse werden also handeln müssen – Double hin oder her.

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